Es ist der Albtraum eines jeden Barkeepers. Da kommen diese beiden Paare, Anfang, Mitte dreißig, so gegen halb zehn in die Bar. Es ist schon einiges los, der Abend nimmt langsam Fahrt auf, aber sie finden in der Ecke mit dem Vintagesofa und den dazu passenden Sesseln Platz. Sie machen es sich bequem, schauen ausführlich in die Karte und geben dann folgende Bestellung auf: „Also, ich nehme einen doppelten Espresso.“ „Ähm, und ich probiere mal eure Rosmarin-Limonade.“ „Ja, und für mich nur Wasser, aber still bitte.“ Und während die Bedienung versucht, nicht die Beherrschung zu verlieren, folgt nach einigen quälenden Sekunden und einem kurzen Räuspern noch eine Frage: „Sach mal, habt ihr auch Tee?“
Warum gehen diese Leute in eine Bar? Warum treffen sie sich nicht in irgendeinem veganen Café? In einer Eisdiele? Oder mit ihrer Selbsthilfegruppe? Warum muss es ausgerechnet das „Maingold“ sein? Ein Ort, an dem sich alles um anspruchsvolle Drinks dreht, eine Bar, die zu den besten der Stadt gehört, ein Lokal, in dem die Theke nicht nur optisch im Mittelpunkt steht. Und warum bestellen diese Leute dann nicht wenigstens einen der alkoholfreien Cocktails von der Karte? Die sind nämlich ebenso gut wie die „richtigen“ Drinks, für die die meisten anderen Gäste hier sind.

Wir verfolgen das Drama am Nachbartisch mit innerlichem Kopfschütteln. Und wir bewundern die Bedienung und ihre geradezu übermenschliche Gelassenheit. Ja, und dann wenden wir uns wieder unseren eigenen Drinks zu. Dem herrlich milden Kinmokusei Fizz zum Beispiel, einer Eigenkreation des Barkeepers aus Gin, Sake, Sencha- und Oolong-Tee, Zitrone, ein paar Tropfen Salzlösung und Soda (13 Euro). Diese Mischung mit feinem Schaum kommt so leicht, blumig und spritzig daher, dass sie auch ohne viel Alkohol umgehend die Stimmung aufhellt und von den befremdlichen Geschehnissen am Nachbartisch ablenkt.
Ein mindestens ebenso animierender, aber viel kräftigerer und voluminöserer Drink ist der „Hibiki Manhattan“ (18 Euro) aus japanischem Whisky, rotem Wermut, Sake, Thymian, Brombeere und Angostura Bitter. Fast schon ein flüssiges Dessert, aber auch als Einstieg in den Abend durchaus geeignet.
Es ist lange her, dass wir das letzte Mal im „Maingold“ waren, vielleicht 20 Jahre. Auch die damaligen Betreiber servierten im Parterre des Altbaus ganz am Anfang der Zeil unter dem Motto „Vierzimmerküchebar“ gute Drinks, ein paar sehr ordentliche Weine und Kleinigkeiten aus der Küche. Und wenn wir uns nicht täuschen, waren die Räume auch damals schon in verschiedenen Farben gestrichen und mit Spiegeln, Lampen und Möbeln aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren ausgestattet.
Aber es hat sich auch vieles geändert seither: Die Cocktails sind deutlich anspruchsvoller geworden. Aus der Küche kommen jetzt statt Frankfurter Würstchen und Kartoffelsalat oder gebackenem Schafskäse richtig gut gemachte kleine Speisen wie die Champignons in Estragon-Sahne (11 Euro), das Koriander-Hähnchen mit Sojasoße, Knoblauch und Basilikum-Limetten-Salsa (15 Euro) oder das Rindfleisch-Tataki mit Limettenblättern, Ingwer und süßer Sojasoße (19 Euro).
Als wir unseren Abschlussdrink bestellen, einen „Perfect Whisky Sour“ aus Maker’s Mark Bourbon, Knob Creek Rye Whiskey, Zitrone, Zucker, Maraschino-Kirsche und Angostura Bitter (15 Euro), sind die beiden Paare vom Nachbartisch schon gegangen. Wie sie den Rest des Abends verbringen, können wir nur ahnen – wissen wollen wir es lieber nicht.
