Um 1820 wurden Stadterweiterungen rund um das eng gewordene Paris unvermeidllich. Auch auf halber Höhe des Montmartre, wo sich eine kleine Vorstadt sowie einzelne Gehöfte und Villen befanden, wurden jetzt Felder und Wiesen parzelliert und zum Neubaugebiet erklärt. Es entstanden Straßenzüge mit Mietshäusern, deren Fassaden, dem Zeitgeschmack entsprechend, klassizistische Formen zeigen. Schnell machte die Bezeichnung „Nouvelle Athènes“ die Runde, auch, weil viele Künstler zuzogen. 1823 stellte das „Journal des débats“ fest, im „Neuen Athen“ sei „die Luft sauber, wegen der vielen Gärten mit duftenden Bäumen“, während „Amsel und Nachtigall mit ihrem Gesang die Verse begleiten, die hier deklamiert oder komponiert werden“. Abends sei der Lärm der Fuhrwerke, die Paris durchquerten, nur „wie das dumpfe Tosen einer weit entfernten Kaskade“ zu vernehmen.
Chopin, George Sand und Ernest Renan waren hier
Damals und in den folgenden Jahrzehnten haben in dem neuen Stadtteil, der zum heutigen 9. Arrondissement gehört, zahlreiche Schriftsteller, Schauspieler, Musiker sowie Maler und Bildhauer Wohnungen, aber auch Ateliers unterhalten. Dazu zählen Eugène Delacroix, Auguste Renoir oder Gustave Moreau, der hier später sein eigenes Museum bekam. Auch Vincent van Gogh zog es regelmäßig in das Viertel, in dem sein Bruder Theo als Kunsthändler lebte und arbeitete, etwa in der Rue Chaptal. Von ebendieser Straße ist über einen schmalen Weg ein charmantes Anwesen zu erreichen, zu dem eine um 1830 errichtete Villa und ein Atelier gehören, in denen der Maler Ary Scheffer wohnte und wirkte.
Das um Hof und Garten gruppierte Ensemble firmiert seit den Achtzigerjahren als Musée de la Vie romantique. Es erinnert an Scheffer und seinen Kreis, zu dem der Philosoph und Religionshistoriker Ernest Renan gehörte, aber auch an Begegnungen anderer Persönlichkeiten, die im Neuen Athen zu Hause waren, darunter Frédéric Chopin und George Sand. Beschworen werden die Netzwerke der von Austausch und Miteinander lebenden und sich bei Soiréen treffenden Wahlverwandten.
Auch Goethe kommt als Doyen von Neu-Athen zu Ehren
In der Villa erinnert an solche Verbindungen die von Christian Daniel Rauch angefertigte Bronzebüste, die Johann Wolfgang von Goethe zeigt, einen Spiritus rector der Nouvelle-Athènes-Kultur. Das zum Kranz der städtischen Museen gehörende und jetzt nach fast anderthalbjähriger Sanierung wiedereröffnete „Museum des romantischen Lebens“ besitzt sogar eine lavierte Federzeichnung von der Hand des Dichters. Das Blatt, eine Impression aus Italien, erhielt der Niederländer Scheffer, den Goethes Werk inspirierte und der maßgeblich dazu beitrug, es in Frankreich bekannt zu machen, von ihm persönlich.
Zur Sammlung des Musée de la Vie romantique gehören vorwiegend Porträts und Szenen nach literarischen Vorlagen, dazu Möbel, Kleinplastik, Schmuck und Memorabilien, die in teils winzigen Räumen präsentiert werden. Höhepunkt des Hauses ist der Salon, der mit einem dicken, groß gemusterten Teppich ausgelegt ist. Hier sind zu Klängen Chopins der Gipsabguss einer Hand des Komponisten sowie das berühmte Bildnis Auguste Charpentiers zu sehen, das George Sand mit weißen und roten Blumen im Haar zeigt.

Zur Wiedereröffnung präsentierte das Museum Bilder, die in die frühen Jahre des neunzehnten Jahrhunderts und zum Erwachen einer neuen Auffassung von Landschaftsmalerei zurückführen. Vertreten sind neben Größen wie Georges Michel oder Théodore Rousseau weniger bekannte Künstler wie Claude Sébastien Hugard de Latour oder – ihm gilt ein besonderes Augenmerk – Paul Huet (1803–1869). Fünfzig Leihgaben ließen nachvollziehen, wie das Interesse an idealisierten mediterranen Landschaften allmählich abebbte und ungefiltert aufgefasste hiesige Gefilde bildwürdig wurden. Zur Entdeckung der Reize heimischer Natur wurden die Franzosen von englischen Kollegen wie John Constable animiert, der im Norden Londons, gleich vor seiner Haustür, der herben Schönheit von Hampstead Heath huldigte.
Mit Parametern wie Komposition, Ausführung und Realitätsnähe hat der Kurator Dominique Lobstein unter dem Titel „Im Angesicht des Himmels: Paul Huet in seiner Zeit“ die historische Diskussion zwischen Kunstkritik und Künstlerschaft darüber verfolgt, wie Landschaftsmalerei zu sein habe, um als innovativ zu gelten. Die Sensibilität für Wetter und Wolken war bei Huet, der als Autodidakt unabhängige Absichten verfolgte, sehr ausgeprägt. Ob am noch ruinösen Schloss Pierrefonds bei Compiègne, in Villeneuve-lès-Avignon, bei Rouen oder an den Küsten von Normandie und Bretagne, er führte sie zu einer Fokussierung auf das Licht, der dann auch jüngere Generationen, bis zu Vorläufern des Impressionismus, etwa am Waldrand bei Barbizon nachgingen.
Moose und Efeu werden rasch ihre Rechte beanspruchen
Weil ihre Aura fragil ist, kommt es bei der Sanierung von Künstlerhäusern auf die Dosis an. In diesem Fall sind deutliche Eingriffe erfolgt, um heutigen technischen Standards zu entsprechen, und besonders im Außenbereich hätte eine Spur Zurückhaltung beim Behandeln der Patina gutgetan. Allerdings werden Moose und Efeu rasch erneut ihre Rechte beanspruchen und Atmosphäre erzeugen. Nicht wiederzuerkennen ist dagegen das Atelier Scheffers mit den hohen Schränken einer Bibliothek, Staffeleien, einem Ofen und Nordlicht einlassenden Fenstern, wegen der, wie es heißt, reversiblen Einbauten und Verdunkelungen für die derzeitige Ausstellung.
Immerhin schärfen Huet und seine Zeitgenossen den Blick auf Stücke der ständigen Sammlung in der Villa. George Sand und ihr Sohn Maurice etwa liebten es, kleine Aquarelle imaginärer Landschaften hervorzuzaubern. Ergebnis ihrer Dendrit-Technik, einem Abklatschverfahren, sind als vegetabile Formen zu lesende kristalline Verästelungen, die Vergangenes beschwören und, weil sie an Werke von Max Ernst denken lassen, Zukünftiges vorwegnehmen.
Musée de la Vie romantique, 16 rue Chaptal, 75009 Paris. Die Ausstellung „Face au ciel. Paul Huet et son temps“ endet am 30. August.
