Eine blutbefleckte, hellgrün-weiß karierte Bluse aus der Asservatenkammer der Polizei war es, die Jahrzehnte nach dem Mord an zwei Mädchen in Mittelfranken und im Allgäu neue Anhaltspunkte brachte. Die zwölfjährige Marion Baier trug die Bluse, als sie 1973 ermordet wurde – und auf dieser fanden sich nun DNA-Spuren, die sich auch bei einem ähnlichen Fall in Kempten fanden. Seitdem gehen die Ermittler in Fürth vielen neuen Hinweisen nach: Ein gelber Porsche ist dabei zurzeit eine wichtige Spur.
Patrick Merten leitet bei der Kriminalpolizei (Kripo) in Fürth die Arbeitsgruppe, die die Ermittlungen zum Mord an Marion Baier im kleinen Ort Oberasbach wieder aufgerollt hat. «Schon damals ist man vielen Spuren nachgegangen», sagt Merten. Davon zeugen zahlreiche Aktenordner, beschriftet mit «MORD Marion BAIER». Zum Täter führten diese damals jedoch nicht. Erst die DNA-Untersuchung brachte einen Durchbruch – eine kriminaltechnische Methode, die es vor 50 Jahren nicht gab.
DNA-Spur erweitert Perspektive auf den Täter
«Das war wie ein Lottogewinn», sagt Kripo-Leiter Michael Dietsch. Dass ein so altes Beweisstück noch auffindbar, nicht mit anderen Spuren kontaminiert sei und dann noch einen Treffer in der DNA-Datenbank ergebe, sei nicht selbstverständlich.
Die Ermittler können die DNA zwar noch keinem konkreten Verdächtigen zuordnen. Diese wurde aber auch bei der Leiche der 13-jährigen Sonja Hurler gefunden, die ein Unbekannter 1981 in Kempten ermordet hatte. «Das erweitert die Perspektive auf den Täter ungemein», sagt Dietsch.
Auch damals hatte es schon Verdächtige gegeben, die die Polizei vernommen und deren Alibis überprüft hatte. «Die erste Hoffnung war, dass man zweimal den gleichen Namen in den Akten findet», erzählt Merten. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen in Kempten sei sehr eng. «Wir können gegenseitig auf die elektronischen Falldaten zugreifen und Hypothesen dadurch direkt prüfen.»
In der Tat habe es Personen gegeben, die Bezüge zu beiden Orten gehabt hätten, sagt Merten. Darunter seien etwa Leute gewesen, die im Allgäu aufgewachsen seien und in Mittelfranken studiert hätten. Doch einen Verdächtigen habe man bisher auf diese Weise nicht ermitteln können. Rund 830 Ermittlungsspuren umfasst der Cold Case allein in Fürth, fast 600 haben Merten und sein Team bereits abgearbeitet.
Jeder Hinweis könnte der entscheidende sein
Die Ermittler in Fürth und Kempten hoffen deshalb, dass neue Hinweise aus der Bevölkerung sie auf die Spur des Täters bringen könnten. «Zur Zeit der beiden Morde fuhr man nicht einfach mal nach Franken», sagt ein Polizeisprecher in Kempten. Im Januar hatten sich die Kriminalisten in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY… ungelöst» an die Menschen im Raum Kempten und in der Region rund um Oberasbach gewandt. Zu den Todestagen der beiden Mädchen machten sie außerdem mit Plakaten an den Tatorten auf die Fälle aufmerksam.
«Wir sind wirklich dankbar für jeden Hinweis. Es könnte der entscheidende sein», sagt Merten. Eine Hauptspur war ihm zufolge damals ein gelber Porsche, den ein Zeuge in der Nacht des Mordes mit laufendem Motor und Fernlicht parkend am Rand einer Straße gesehen haben will. Sie führte an der Baustelle vorbei, auf der Bauarbeiter am frühen Morgen die Leiche von Marion Baier entdeckt hatten.
Der gelbe Porsche
Der Zeuge habe damals angegeben, im Inneren des Sportwagens mit Nürnberger Kennzeichen einen Mann gesehen zu haben, der mit einem Mädchen streite, erzählt Merten.
Bereits damals hätten die Ermittler die Alibis aller Halter eines gelben Porsches in Nürnberg überprüft, berichtet Merten. «Wir wollen das noch mal wasserdicht machen mit einem DNA-Abgleich.» Dabei sind er und sein Team jedoch auf die Angaben in den alten Ermittlungsakten angewiesen.
«Das Problem ist, dass die Zulassungsstellen damals mit Karteikarten gearbeitet haben und die existieren nicht mehr.» Sollte sich der Zeuge also damals im Dunklen mit dem Kennzeichen geirrt und dort statt einem N für Nürnberg ein anderer Buchstabe gestanden haben, gibt es heute keine Chance mehr anderswo nach Porsche-Haltern von damals zu suchen.
Dem Täter ein Gesicht geben
Ob die Ermittler überhaupt noch einen lebenden Verdächtigen ausfindig machen können, ist nach der langen Zeit fraglich. Wenn der Täter ein Jugendlicher oder junger Erwachsener gewesen sei, könnte er heute noch leben, sagt Merten. Doch selbst wenn dieser inzwischen gestorben sei, sei es für die Angehörigen der getöteten Mädchen wichtig, dessen Identität zu erfahren. «Dem Täter ein Gesicht geben – das ist das Ziel von Cold-Case-Ermittlungen», sagt Kripo-Chef Dietsch.
Im Fall Marion Baier geht es Merten zufolge aber auch darum, Gerüchte rund um den Mord auszuräumen. Damals hätten die Ermittler zum Teil Leute von ihrer Arbeitsstelle abgeholt, um deren Alibis zu überprüfen, etwa weil diese laut Zeugenaussagen ein Christopherus-Medaillon besaßen.
Ein solches war am Tatort in Oberasbach gefunden worden und gehört nach Ansicht der Ermittler dem Täter. «Der Verdacht ist haften geblieben, obwohl DNA-Abgleiche die Leute bereits ausgeschlossen haben», sagt Merten.
Die neuen Ermittlungen sollen außerdem eine Botschaft an die Täter in anderen bisher ungeklärten Mordfällen aus der Vergangenheit senden: «Niemand kann sich – auch nach 50 Jahren nicht – zurücklehnen», betont Merten.
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