„Art as Collective Action“, so hieß ein Artikel des amerikanischen Soziologen Howard S. Becker, publiziert 1974. Beckers Erkenntnisse werden bis heute auch in der Musikwelt rezipiert, seine Aussage aber, dass gute Forschung im sozialwissenschaftlichen Bereich „ein tieferes Verständnis der Dinge produziert, derer sich viele Leute ohnehin schon ziemlich bewusst waren“, wird doch aufgrund seiner scheinbaren Banalität selten ernst genommen.
In Maastricht, im Dreiländereck ganz im Süden von Holland, scheint das anders zu sein. Hier wurde auf Betreiben des Orchestermanagers Stefan Rosu 2018 das Maastricht Centre for the Innovation of Classical Music (MCICM) gegründet, das jetzt in einer großen internationalen Konferenz auf seine ersten acht Jahre zurückblickte. In einer einzigartigen Kooperation zwischen dem regionalen Orchester (Philzuid), dem Konservatorium Maastricht (als Teil der örtlichen Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und der Universität Maastricht war das Zentrum mit der Überzeugung gegründet worden, dass die Innovation, die in der klassischen Musikpraxis stattfindet und immer mehr stattfinden muss, auf Forschung angewiesen ist. Im Mittelpunkt stand seit 2018 der Lehrstuhl des nun emeritierten Professors für „Innovation in der klassischen Musik“, Peter Peters.
Problembasiertes Lernen
Die Universität Maastricht, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiert, ist bekannt für ihr erfolgreiches Konzept des „problem-based learning“, weit entfernt vom Frontalunterricht einer traditionellen Vorlesung: Studierende bearbeiten in Kleingruppen im kontextuellen, kollaborativen und selbstbestimmten Lernen komplexe Fragestellungen. Ein beliebter und typischer Studiengang (Science, Technology and Society Studies) ist sogar so weit interdisziplinär gefächert, dass er in Deutschland wohl undenkbar wäre. An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist das Forschungszentrum What Art Knows angesiedelt, dessen Aufgabe die Engführung von künstlerischer Ausbildung mit „artistic research“ ist. Das Orchester spielte von Anfang an die Rolle des Labors für Konzertexperimente.

So hat das MCICM nicht nur wissenschaftliche Resultate im engeren Sinne hervorgebracht. Das beteiligte Orchester, Philzuid, kann anders mit seinem Publikum arbeiten. Das Konservatorium arbeitet derzeit daran, die Weiterführung und Finanzierung des MCICM sicherzustellen. Aus Deutschland war bei der Bilanztagung übrigens (außer Hamburger und Lüneburger Akteuren) niemand anwesend, dafür kamen mehrere junge Leute aus Italien, die zu einer Gruppe von insgesamt 90 Nachwuchswissenschaftlern gehören, die in neuen Doktoratsstudiengängen im Bereich der Musikforschung im weitesten Sinne Dissertationen schreiben, auch über das Berliner Stegreif-Orchester und über Klassik-Influencer.
Wie es aussieht, fehlt in Deutschland die Phantasie für solche potentiellen Synergie-Effekte, denn die Ausbildung zum exzellenten Konzertpianisten und zur hervorragenden Sologeigerin, die an Musikhochschulen Standard ist, kommt in erstaunlich vielen Fällen weitgehend ohne Reflexion, oft auch fast ohne Kontakt zur freien Klassik-Szene aus – das klare Ziel sind Probespiele, Akademiestellen und letztlich ein fester Job im Orchester. Und so gibt es im „Klassikland“ Deutschland, von dem die Orchestergewerkschaft spricht, mit seinen 24 Hochschulen für Musik und Kunst und – noch – 129 öffentlich finanzierten Orchestern, davon 81 an Theatern, nur wenig praxisbasierte wissenschaftliche oder künstlerische Forschung im Bereich der klassischen Musik. Es scheint zu genügen, dass so viel öffentliches Geld in die Institutionen fließt; auch das mit immerhin 3,5 Millionen Euro ausgestattete „tuned“-Netzwerk für zeitgenössische Klassik der Kulturstiftung des Bundes, das innovative Ansätze fördert, die Alternativen zum „klassischen“ Konzertbetrieb aufzeigen, verzichtet auf Forschung oder auch nur eine Rückbindung an die Ausbildung an den Musikhochschulen – die zudem noch nach der Rasenmäher-Methode gerade überall die Gelder gekürzt bekommen.
Ungleichheiten verlangen Aufmerksamkeit
Forschung jedoch macht Experimente – auch im Musikbereich – öffentlich, multiplizierbar und nachhaltig, und nur so können Erkenntnisse zurückfließen in die Ausbildung. Für diejenigen, die ihr Geld in der Klassik verdienen, und vor allem die Freischaffenden in der quicklebendigen freien Klassik-Szene ist dies durchaus eine Erkenntnis: Konzerte sind meist nach ihrer Aufführung schnell vergessen, und das nächste Projekt steht an. Was man aber aus dem vergangenen Projekt gelernt hat, was davon andere lernen können, wo man nachschärfen könnte, was beim nächsten Mal anders gemacht werden muss; das erfährt man nur durch Nachbereitung, Reflexion und letztlich Forschung von dafür möglichst breit ausgebildeten Menschen.
In Maastricht sieht man es so: Die Aufgabenstellung für ein Forschungszentrum im Bereich der klassischen Musik hat sich seit 2018 kaum geändert, ist aber noch viel breiter geworden. Die Anfangsidee existiert noch – klassische Musik und ihre Aufführungspraktiken zu überdenken, um sie für die heutige Gesellschaft relevant zu machen oder zu halten, und damit zu experimentieren. Genauso dringend scheint es mittlerweile, die verschiedenen, in der klassischen Musikpraxis tief verwurzelten Ungleichheitsverhältnisse und Vorurteile sowie die Ideen von Autonomie und Exzellenz kritisch zu befragen, die so oft scheinbar selbstverständlich sind. In diesem Sinne forderte Stephanie Pitts, Professorin in Sheffield, „viel mehr dringende, wütende Forschung im Klassikbereich“ statt Erzählungen darüber, was im Klassikbereich wahrscheinlich gut oder schlecht für das vorhandene Publikum funktioniere. Sie trug zudem Gründe für die Ansicht vor, dass die musikalische Betätigung von Menschen sich nicht nur auf deren Persönlichkeit, Selbstbild, Sozialkontakte und so weiter auswirke, sondern auch Konsequenzen für unsere mentale und körperliche Gesundheit sowie unsere allgemeine Zufriedenheit haben könne – zieht man diese Ergebnisse in Betracht, könnte die Rolle von Institutionen im Bereich der klassischen Musik viel, viel größer sein, als es zurzeit in Deutschland und anderswo gedacht wird.
Doch dafür braucht es Netzwerke. Netzwerke wie dasjenige, das in Maastricht in den letzten acht Jahren entstanden ist und internationale Mitwirkende aus Musikpraxis, Wissenschaft, Hochschulausbildung, Politik, Verwaltung und der Kunst vereint. Hoffentlich darf es seine Arbeit fortsetzen.
