
Das Opfer Isaaks, nur scheinbar Gottes Plan folgend, verhindert vielmehr durch seine Intervention, geriet im Licht mediävistischer Hermeneutik zum Modell der Wandlung des Naturrechts. Darüber sprach auf dem Bonner Kolloquium zum 90. Geburtstag des Bonner Philosophen Ludger Honnefelder die Münchner Philosophin Isabelle Mandrella. Mit dem Philosophen Matthias Lutz-Bachmann aus Frankfurt und dem Theologen Thomas Marschler aus Augsburg war sie sich einig darüber, dass die Debatten des Mittelalters über die Grenzen der Einsichtsfähigkeit menschlicher Vernunft das Verhältnis von Theologie und Philosophie nicht im Sinne von Über- oder Unterordnung bestimmen. Hannes Möhle, Leiter des Bonner Albertus-Magnus-Instituts, hob hervor, wie sich im Gefolge von Freiheitslehre des Duns Scotus die Handlungstheorie änderte und Ethik als praktische Wissenschaft konzipiert wurde. Damit war ein wesentlicher Referenzautor des Jubilars genannt.
Honnefelder, Nachfolger von Wolfgang Kluxen als Ordinarius am Philosophischen Seminar B der Universität Bonn, das traditionell für die philosophische Ausbildung katholischer Theologen zuständig war, wirkte in Bonn auch als Mitbegründer und erster Direktor des Instituts für Wissenschaft und Ethik seiner Universität Bonn und als Direktor des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE). Bei der Gründung dieser Institution orientierte sich Honnefelder, wie Dirk Lanzerath, der heutige Direktor des DRZE, resümierte, am Kennedy Institute of Ethics der katholischen Georgetown University in Washington. Es war und ist der Anspruch des Instituts, Entscheidungsträger in Gesellschaft und Politik zu beraten.
Selbstredend bedarf bioethische Beratung der wissenschaftlichen Expertise. Doch darf ihr die Verwurzelung im philosophischen Gespräch nicht abhandenkommen. In dieser Hinsicht hebt sich das DRZE in Bonn von den vielen, nicht selten an medizinischen Fakultäten angesiedelten Instituten ab. Die institutionelle Nähe von Mediävistik und zeitgenössischer Wissenschaftsphilosophie hat im Sinne einer philosophia perennis ihre Gründe in der Sache. Das Spektrum der wissenschaftlichen Arbeiten Honnefelders erstreckt sich von der mittelalterlichen Metaphysik bis zu zeitgenössischen Fragen des biologischen Enhancement des Menschen.
Annette Schavan, die frühere Bundesministerin für Bildung und Forschung und einstmalige Nachfolgerin des Jubilars in der Leitung der katholischen Begabtenförderungsstiftung Cusanuswerk, berichtete aus der Rolle einer Abnehmerin von Politikberatung. In nächtelangen Sitzungen in Brüssel wurde einst um einen ethisch vertretbaren Umgang mit eingefrorenen Embryos gerungen. Für eine verantwortbare Entscheidung im ethischen Konflikt erwies sich dabei in Schavans Wahrnehmung eine bestimmte Haltung im Gespräch als nötig: das, was Hannah Arendt politische Freundschaft nannte.
