
„Hunde, wollt ihr ewig leben?“, soll Friedrich der Große seinen vom Schlachtfeld fliehenden Soldaten im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) fragend entgegengerufen haben. Und ja, die waren zum Sterben durchaus noch nicht bereit. Jedenfalls liefen sie weiter und ließen ihren König in eine seiner größten militärischen Niederlagen stolpern. Man könnte fast sagen, diese preußischen Soldaten waren Vorreiter der Longevity-Bewegung, deren Protagonisten es sich zum Ziel gesetzt haben, nicht nur mindestens 100 Jahre alt zu werden, sondern dabei auch noch möglichst gesund und geistig fit zu bleiben.
Jungbrunnen-Esoterik? Von wegen. Der Erfolg solcher Langlebigkeitsbestrebungen lässt sich sogar wissenschaftlich untermauern. Die Zahl der in Hessen wohnenden Menschen, die 100 Jahre und älter sind, hat sich jedenfalls in den vergangenen drei Jahrzehnten nahezu versechsfacht. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) hat im vergangenen Jahr mehr als 1400 Hessinnen und Hessen zu einem dreistelligen Geburtstag gratuliert – 37 mehr als noch ein Jahr zuvor. Die älteste Hessin lebt in Frankfurt und feierte ihren 115. Geburtstag. Hessen sei eben „ein lebens- und liebenswertes Land“, konstatiert der Regierungschef. Und so soll es bleiben. „Unser Ziel ist es, das weiter zu stärken, damit auch die folgenden Generationen in unserem Land gesund und aktiv alt werden können.“
Was, wenn der Blitz einschlägt?
Nun ist eine möglichst gesunde Lebensführung – mit einer ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger Bewegung, viel Schlaf und Erholung und wenig Stress – das eine. Aber was hilft das alles, wenn einem an der Verlängerung seiner Existenzspanne arbeitenden Mittzwanziger beim Spazierengehen ein Dachziegel auf den Kopf fällt, wenn im Urlaub sein Hotel in Flammen steht oder ihn beim Joggen der Blitz trifft?
Also autark wohnen? Ausreichend Solarpanels auf dem Dach des Niedrigenergiehauses, das Elektroauto vor der Tür, Obst und Gemüse ausreichend im Garten? Aber jeder muss mal raus in die feindliche Welt, zum Einkaufen, zum Sport, um das lokale Kulturangebot zu genießen – und dann wird es gefährlich. An Stromausfälle, Überschwemmungen, Großfeuer, Terroranschläge und militärische Bedrohungen muss man da nicht einmal denken. Was, wenn man auf die U-Bahn-Gleise geschubst wird, die Bremsen am Auto versagen, der Fahrstuhl abstürzt? Dann hilft kein Gesundbeten und retten keine Müsliriegel – in solchen Extremsituationen sind vielmehr wohldurchdachte, perfekt einstudierte Überlebensstrategien gefragt.
Alles natürlich ohne Gewähr
In einschlägigen Internetforen lässt sich zum Glück nicht nur schnell herausfinden, welche Lebensmittel und Gerätschaften man für den Fall der Fälle zu Hause vorrätig haben und wie eine gute Hausapotheke bestückt sein sollte. Darüber hinaus bieten Fachleute jeglicher Couleur im weltweiten Netz nützliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen, wie man in Extremfällen sein Leben retten kann – Longevity-Beratung der ganz besonderen Art. Alles natürlich ohne Gewähr, aber dafür unentgeltlich.
Und wer hätte sich denn nicht schon darüber Gedanken gemacht, wie er sein Auto zum Stehen bringen könnte, wenn sich nach dem Überqueren eines Bergpasses herausstellt, dass die Bremskabel durchtrennt worden sind? Keine Panik, lautet in diesem Fall, wie im Übrigen in vielen anderen den Adrenalinausstoß fördernden Situationen auch, der oberste Ratschlag. Stattdessen: in den niedrigstmöglichen Gang zurückschalten, die Handbremse ziehen, in Schlangenlinien fahren, vorausfahrende Autos als Prellbock nutzen und an Felswänden, Leitplanken oder entgegenkommenden Fahrzeugen entlangschrammen, um die Geschwindigkeit zu verringern.
Bleibt das Auto, wie in James-Bond-Filmen immer wieder zu sehen, am Rande eines Abgrundes hängen, tritt unverzüglich folgende Anweisung in Kraft: Verlassen Sie den Wagen so schnell Sie können! Und befinden sich sowohl auf den Vordersitzen wie auf den Rücksitzen Personen, sollten diejenigen zuerst aussteigen, die sich dem Abgrund am nächsten befinden.
Fahrstuhl im Schnelldurchgang
In Nord- und Mittelhessen seltener, in Frankfurt jederzeit vorstellbar: Ein Hochhausfahrstuhl rast ungebremst in die Tiefe. Was dann in den verbleibenden Sekunden bis zum abrupten Fahrtende tun? Am besten in der Mitte der Kabine flach auf den Boden legen, heißt es in den einschlägigen Internetforen, um die Wucht des Aufpralls auf die größtmögliche Körperfläche zu verteilen. Die durch den Absturz zusammengepresste Luft und die Pufferelemente am Boden des Aufzugsschachts könnten den Aufprall im besten Fall dämpfen.
Wenn der Fahrstuhl ausfällt, weil es im Hochhaus brennt, könnten folgende Hinweise für all jene hilfreich sein, die in ihren Zimmern oder Wohnungen vom Feuer überrascht worden sind. Ist die Klinke der Tür zum Hausflur beim Berühren mit dem Handrücken heiß, sollte man sie auf keinen Fall öffnen. Stattdessen in der Badewanne oder, wenn aus dem Hahn kein Wasser mehr kommt, im Toilettenspülkasten Handtücher, Waschlappen oder Betttücher einweichen. Nasse Waschlappen über Mund und Nase, nasse Handtücher oder Laken über den Kopf. Am Fenster eine Art Zelt aus nassen Tüchern bauen, darunterkauern und – vor Rauch geschützt – hoffentlich frische Luft von draußen atmen. Und dann? Hier endet die Weisheit der Survival-Fachleute, und es heißt nur noch lapidar: „Warten, bis Sie gerettet werden.“
Aber bei Weitem nicht nur in der Großstadt droht extreme Gefahr für Leib und Leben. Viel riskanter sind allemal Reisen in exotische Länder wie Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern. Sollte man auf einer Wandertour gar irgendwann einen Fluss voller Piranhas durchqueren müssen, lohnt es sich, bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten. Nachts, so heißt es, schliefen fast alle Piranha-Arten, und die Fische gingen nur selten noch auf die Jagd. Auch dann gilt allerdings: Lassen Sie sich beim Schwimmen oder Waten durch den Fluss nicht allzu viel Zeit. Man kann ja nie wissen, ob die fleischfressenden Fische tatsächlich schon ausreichend gesättigt sind.
Am Ende lenken alle mentalen Notfallpläne ohnehin nur von der wesentlichen Erkenntnis ab. Leben ist nun mal riskant, und wer das verdrängt, lebt nicht länger, nur sorgloser – bis zur ersten Windböe. Es spricht nichts dagegen, die Rauchmelder zu prüfen, einen Verbandkasten aufzufüllen und im Auto zu wissen, wo die Warnweste liegt. Aber wer jeden Spaziergang als Prolog zur Katastrophe betrachtet, verschenkt genau das, was er so verbissen zu retten versucht: Gegenwart. Überleben um jeden Preis ist am Ende auch ein Preis. Besser ist: vernünftig vorsorgen, tief durchatmen – und dann, so gut es geht, einfach leben.
