
Im Erzgebirge befindet sich nach der Einschätzung von Fachleuten eines der größten Lithium-Vorkommen in Europa. In einem Ortsteil der sächsischen Stadt Altenberg plant das Unternehmen Zinnwald Lithium ein Bergwerk, das von 2030 an bis zu 1,6 Millionen Tonnen Roherz zutage fördern soll. Aus dem Gestein könnten jährlich bis zu 18.000 Tonnen batteriefähiges Lithiumhydroxid gewonnen werden. Das würde für die Herstellung der Batterien für rund 500.000 Elektrowagen pro Jahr reichen.
Das Projekt befindet sich in einem frühen Stadium, im Wettbewerb um politische Unterstützung für Rohstoffprojekte in Deutschland zog es wiederholt den Kürzeren, und die Finanzierung ist nicht geklärt. Ein neuer Eigentümer könnte neuen Schwung in die Sache bringen: Der an der Börse Amsterdam notierte Rohstoffkonzern AMG Critical Materials mit Sitz im US-Bundesstaat Pennsylvania hat am Donnerstagabend mitgeteilt, dass sich der Konzern mit den Aktionären der ebenfalls börsennotierten Zinnwald Lithium Plc. auf die Übernahme der restlichen Anteile verständigt hat.
Bisher kontrolliert AMG rund 29 Prozent der Firma, deren Tochtergesellschaft Lithium Zinnwald GmbH das Projekt im Erzgebirge entwickelt. Die restlichen 71 Prozent übernimmt AMG laut Mitteilung zu einer Unternehmensbewertung von knapp 75 Millionen Dollar, wobei ein Teil des Kaufpreises in Form von eigenen Aktien aufgebracht wird. AMG zahlt laut Mitteilung eine Prämie von mehr als 60 Prozent auf den Schlusskurs der Aktie von Zinnwald Lithium vom Mittwoch.
Schrittweise Inbetriebnahme geplant
AMG bringt an der Börse in Amsterdam derzeit knapp 1,5 Milliarden Euro auf die Waage. An der Konzernspitze steht Heinz Schimmelbusch, der frühere Vorstandsvorsitzende der Metallgesellschaft. „Nach Abschluss der Transaktion werden wir uns in der nahen Zukunft auf die Weiterentwicklung der für das Projekt erforderlichen technischen Studien konzentrieren“, sagte er zur Übernahme von Zinnwald Lithium, die im dritten Quartal abgeschlossen sein soll.
AMG werde das Projekt im Erzgebirge zunächst in einem kleineren Umfang umsetzen, erklärte der 82 Jahre alte Vorstandsvorsitzende und Chairman von AMG. „Ziel ist es, die Mine schrittweise in Betrieb zu nehmen und die zugehörige Infrastruktur zu entwickeln“, sagte Schimmelbusch, der den Chefposten bei der Metallgesellschaft Anfang der Neunzigerjahre räumen musste, nachdem Öltermingeschäfte den Dax-Konzern in existenzielle Nöte gebracht hatten.
AMG werde den Umfang eines „nachhaltigen und rentablen Projekts“ in den kommenden 18 bis 24 Monaten definieren und vorantreiben, erklärte Stefan Scherer, der Geschäftsführer von AMG Lithium, zu den Plänen für Zinnwald Lithium. AMG betreibt bereits seit Herbst 2024 eine Lithium-Raffinerie im Chemiepark Bitterfeld. Hier will der Konzern bis zu 20.000 Tonnen Lithiumhydroxid jährlich herstellen, das an Kathoden- und Batteriehersteller in der Autoindustrie gehen soll.
Ein Stück Erzgebirge an der Londoner Börse
Auch Lithium aus dem Erzgebirge könnte hier verarbeitet werden. Dazu will Scherer eine neu entwickelte Prozesstechnologie für die Roherz-Verarbeitung in das Projekt in Zinnwald einbringen, mit der die Wirtschaftlichkeit verbessert werden soll. Er sitzt seit dem Frühling 2023 im Board von Zinnwald Lithium. Damals hatte sich AMG Critical Materials im Rahmen einer Kapitalerhöhung an dem Unternehmen beteiligt.
Dass das Lithium-Projekt aus dem Erzgebirge an der Londoner Börse gelandet ist, hat auch mit der Insolvenz von Solarworld zu tun. Denn der Solarmodulhersteller gründete 2009 die Solarworld Solicium GmbH in Freiberg und stellte einen Antrag auf die Erkundung von Lithiumvorkommen in Zinnwald. Als Solarworld in finanzielle Schieflage geriet, holte das Unternehmen 2017 den kanadischen Bergbaukonzern Bacanora ins Boot, der für fünf Millionen Euro die Hälfte der Anteile an dem Projekt übernahm, das fortan als Deutsche Lithium GmbH firmierte.
Drei Jahre später reichten die Kanadier ihren Anteil an die britisch-kanadische Erris Resources weiter. Die in London notierte Erris änderte ihren Namen in Zinnwald Lithium Plc. und übernahm 2023 für knapp neun Millionen Euro die beim Insolvenzverwalter von Solarworld gestrandeten Anteile an der Deutschen Lithium GmbH, die auf Zinnwald Lithium GmbH umgetauft wurde. Im selben Jahr sicherte sich AMG für umgerechnet rund 15 Millionen Euro 25 Prozent an der Zinnwald Lithium Plc.
Strategisches Rohstoffprojekt für Europa
Im vergangenen Jahr baute das Unternehmen seine Beteiligung im Rahmen einer weiteren Kapitalerhöhung aus. AMG ist aber auch an anderen europäischen Lithium-Projekten beteiligt. Der Einstieg in das Geschäft erfolgte 2017 mit dem Kauf einer Lithium-Mine in Brasilien. Im ersten Quartal lag der Umsatz von AMG Lithium mit rund 60 Millionen Euro fast 90 Prozent über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres.
Innerhalb des Gesamtkonzerns mit 440 Millionen Euro Umsatz wies die kleinste Sparte zum Jahresauftakt das mit Abstand größte Wachstum aus. Das operative Ergebnis von AMG Lithium drehte mit Unterstützung verbesserter Lithium-Preise auf den Rohstoffmärkten in den ersten drei Monaten deutlich ins Plus und erreichte rund 15 Millionen Euro. Das entsprach rund zwei Fünfteln des operativen Ergebnisses im Gesamtkonzern. Die Aktie von AMG hat seit Anfang April fast ein Viertel zugelegt.
Schimmelbusch, der seit der Gründung von AMG vor zwanzig Jahren an der Unternehmensspitze steht und mit einem Anteil von knapp fünf Prozent auch zu den größten Aktionären zählt, übernimmt das Projekt in Zinnwald kurz vor der mit Spannung erwarteten Entscheidung aus Brüssel, ob das Vorhaben im zweiten Anlauf als strategisches Projekt im Sinne des Critical Raw Materials Act der Europäischen Union eingestuft wird.
Im ersten Anlauf hatte es Zinnwald Lithium anders als etwa das deutsch-australische Lithium-Projekt von Vulcan Energy Resources oder das Konkurrenzprojekt von Geomet auf der tschechischen Seite des Erzgebirges nicht auf die Liste geschafft. Vulcan Energy Resources hat sich mittlerweile auch als erstes Projekt für eine Beteiligung des Rohstofffonds der Bundesregierung qualifiziert. Immerhin: Ende April kam vom Oberbergamt in Freiberg für Zinnwald Lithium die Genehmigung für einen Erkundungsstollen. Der neue Eigentümer des Projekts wird versuchen, nicht nur die Erkundung des Lithium-Vorkommens schneller voranzutreiben.
