Das Ende einer Beziehung ist meist schmerzhaft. Wir können nicht essen, nicht schlafen, nicht klar denken. Warum spüren wir den Verlust so körperlich? Die
Neurowissenschaftlerin Naomi Eisenberger beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Auswirkungen von Beziehungen auf unser Gehirn. Sie sagt: Liebeskummer ist eine der extremsten Formen von sozialem Schmerz. Evolutionär sei es aber von
Vorteil, dass der Mensch körperliche Schmerzsignale nutzt, wenn er vereinsamt.
ZEITmagazin: Frau
Eisenberger, bedeutet Lieben immer Leiden?
Naomi Eisenberger: Ja, es gibt gewisses Leid, das unvermeidbar
mit dem Lieben einhergeht. Beim Lieben geht es darum, soziale Bindungen zu
knüpfen, und keine soziale Bindung ist von Dauer – sei es durch Ablehnung oder
durch Verlust, durch Trennung oder den Tod. Unter dem Ende einer sozialen
Bindung leiden wir seelisch, aber auch körperlich. Wir können nicht für immer
mit jemandem zusammen sein, es liegt also in der Natur menschlicher sozialer
Bindungen, dass man am Ende leidet.
ZEITmagazin: Sie erforschen, wie soziale Bindungen unsere
Gehirnaktivität beeinflussen. Warum haben Sie dieses Forschungsthema gewählt?
Eisenberger: Ein Großteil meiner Forschung basiert
auf meinen persönlichen Erfahrungen und dem Wunsch, sie besser zu verstehen. In
meiner Jugend waren viele meiner Verhaltensweisen von der Angst vor Ablehnung
bestimmt. Ich habe Dinge nicht gesagt, weil ich Angst hatte, abgelehnt zu
werden. Und ich habe nicht verstanden, warum ich mich so fühle. Ich erinnere mich
an einen Vortrag, vor dem ich das Gefühl hatte, als halte mir jemand eine Waffe
an den Kopf. Rational wusste ich, dass das keinen Sinn ergibt, aber körperlich
raste mein Herz, und meine Knie waren weich – so als wäre dieser Vortrag eine
tatsächliche Bedrohung für mein Leben.
ZEITmagazin: In
einigen Ihrer frühen Arbeiten
untersuchten Sie, was das Gehirn als Reaktion auf eine Situation der
Ausgrenzung tut. Sie nannten das social pain. Können Sie das erklären?
Eisenberger: Einfach ausgedrückt bezeichnet social
pain, also sozialer Schmerz, die quälenden Gefühle, die wir als Reaktion
auf Situationen sozialer Entfremdung empfinden. Dazu gehören Dinge wie
Ausgrenzung, Ablehnung oder sozialer Verlust. Ich betrachte Liebeskummer – im
Englischen heartbreak – als eine extreme Form von sozialem Schmerz.
ZEITmagazin: Was passiert im Gehirn, wenn einem das Herz
bricht?
Eisenberger: Wir haben das mit einer Studie
erforscht. Das Szenario – wir nennen es Cyberball-Experiment –, das wir kreiert haben, ist minimal im Vergleich zu kolossalem Liebeskummer,
die Ergebnisse lassen sich trotzdem auch auf Situationen mit größerem social
pain übertragen. Wir haben Probanden in einem fMRT-Gerät untersucht, das
die Gehirnaktivität sichtbar macht, während sie ein virtuelles Ballspiel
gespielt haben. Mit zwei anderen Avataren haben sie sich einen Ball zugeworfen.
Die Probanden dachten, dass hinter den Spielern andere echte Menschen steckten.
In Wirklichkeit war es aber ein Computer, der steuerte, dass die Avatare an
einem bestimmten Zeitpunkt aufhörten, den Probanden den Ball zuzuwerfen. Sie
dachten, dass die zwei anderen Spieler sie vom Spiel ausschließen würden. Auf
neuronaler Ebene konnten wir in den Momenten Aktivität vor allem in zwei
Hirnregionen beobachten: Die eine heißt dorsaler anteriorer cingulärer Kortex
(dACC) und die andere anteriorer insulärer Kortex. Dies sind Regionen des
Gehirns, die auch bei quälenden körperlichen Schmerzen aktiv sind.
ZEITmagazin: Sozialer Schmerz fühlt sich also tatsächlich schmerzhaft
an, obwohl keine Verletzung oder Krankheit vorliegt?
Eisenberger: Das Gefühl von Schmerz setzt sich aus zwei
Komponenten zusammen. Es gibt eine sensorische Komponente, die uns sagt, woher
der Schmerz kommt. Kommt er etwa aus unserem Arm oder unserem Bein? Kommt er
aus dem Inneren des Körpers oder von der Hautoberfläche? Die andere Komponente
wird als affektive Komponente bezeichnet, und das ist der Teil des Schmerzes,
der uns leiden lässt. Der sensorische Teil wird nur bei tatsächlichen
körperlichen Schmerzen aktiviert, aber diesen affektiven Teil konnten wir auch als
Reaktion auf Ausgrenzung als aktiv beobachten.
ZEITmagazin: Deshalb fühlt sich der Schmerz des
Verlassenwerdens anders an als ein Beinbruch.
Eisenberger: Der sensorische Schmerz ergibt beim social
pain einfach keinen Sinn für den Körper. Er soll uns ja mitteilen, wo die
Verletzung liegt, damit wir uns um die Stelle kümmern. Social pain ist
eine ganzkörperliche Erfahrung. Wenn man hört, wie Menschen sprachlich mit dem
Thema umgehen, lässt sich trotzdem erahnen, dass es Bereiche gibt, die sich
auch sensorisch anfühlen können. Da sind wir wieder beim »heartbreak« und
»Herzschmerz«. Menschen beschreiben Arten von viszeralem Schmerz – also ein
Ziehen in der Brust oder auch im Magen. Auf jeden Fall verorten sie ihn im
Innern, nicht an der Hautoberfläche.
ZEITmagazin: Gibt es denn generell für den Körper einen
Sinn hinter dem sozialen Schmerzgefühl?
Eisenberger: Da ist die Forschung
von Jaak Panksepp sehr
interessant. Er hat sich die Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und
Sozialverhalten von Tieren angeschaut und herausgefunden, dass Opioide – also
starke Schmerzmittel, die der Körper auch selbst produziert, um Schmerzen zu
regulieren – eine wichtige Rolle bei sozialen Bindungen spielen. In
Experimenten mit verschiedenen Tierarten beobachtete er, dass Opioid-Agonisten
wie Morphin die Reaktion auf soziale Isolation hemmten und Opioid-Antagonisten wie
Naloxon sie intensivierten. Da fragte er sich: Warum gibt es diese
Überschneidung zwischen sozialen Bindungen und dieser Chemikalie? Die Antwort
ist: Säugetiere können allein nicht überleben. Wir sind unser ganzes Leben lang
auf andere angewiesen – auf ihre Nähe, ihren Schutz, ihre Hilfe bei der
Nahrungsbeschaffung. Außerhalb der sozialen Gruppe zu sein, ist gleichbedeutend
mit dem Tod. Schmerz ist immer ein Warnsignal, das uns alarmiert, uns zu
schützen. Evolutionär ist es also von Vorteil, das Schmerzsignal und sein
Regulierungssystem durch Opioide ebenfalls zu nutzen, wenn wir drohen, getrennt
zu werden oder zu vereinsamen.
ZEITmagazin: Ich frage mich trotzdem, ob ein derartiger
Schmerz wie der, den wir bei Liebeskummer oder Verlust spüren, wirklich nötig
ist, um uns zu vermitteln, dass wir besser nicht allein sein sollten.
Eisenberger: Unsere Evolution hat soziale Bindungen
so stark in den Vordergrund gestellt, dass es zu unglaublich bereichernden
Erfahrungen führt, wenn wir enge Beziehungen zu anderen eingehen. Und gleichzeitig
zu extrem negativen Erfahrungen, wenn wir voneinander getrennt sind. Ob diese
beiden Extreme in ihrer Intensität nötig gewesen wären, um uns zu vermitteln,
wie wir am besten überleben, weiß ich nicht. Aber ich finde, es hat auch etwas Poetisches,
wenn man bedenkt, dass sich der menschliche Körper im Laufe der Jahrhunderte
diese Liebeshochs und -tiefs selbst aufgebürdet hat, weil er nicht anders
konnte.
ZEITmagazin: Sie konnten bei Ihrem Experiment eine Aktivität
in den Schmerzregionen des Gehirns feststellen. Kann man auf neuronaler Ebene sagen,
je höher die Aktivität, desto höher das Schmerzgefühl?
Eisenberger: Bei unserem Experiment waren die Probanden,
die in den Gehirnregionen für Schmerz – dem dorsalen Cingulum und der vorderen
Insula – mehr Aktivität zeigten als andere, auch diejenigen, die von stärkeren
negativen Emotionen berichteten. Sie fühlten sich während der Erfahrung des
Ballspiels stärker abgelehnt, bedeutungsloser und unsichtbarer. Das konnten wir
aber natürlich nur in Nuancen zeigen, weil das Spiel mit vermeintlich Fremden
gespielt wurde und es Leute natürlich weniger kümmert, wenn sie da ausgeschlossen
werden, als wenn es ihre engsten Bezugspersonen wären.
ZEITmagazin: Was lässt sich daraus über Liebeskummer ableiten?
Eisenberger: Andere
Forscherinnen wie Helen Fisher haben untersucht,
was passiert, wenn man verlassen wird. Dafür haben sie Menschen in einem
fMRT-Scanner ein Bild des Ex-Partners gezeigt. Während dieses Versuches wurde die Aktivität in denselben Regionen gemessen wie bei unserem Experiment. Bei
Liebeskummer werden also dieselben Areale aktiv.
ZEITmagazin: Menschen
haben eine unterschiedliche Schmerztoleranz für körperliches Leiden. Gilt das
auch für emotionalen Schmerz?
Eisenberger: Ja, es gibt große Unterschiede zwischen
den Menschen, was den sozialen Schmerz angeht. Das zeigte sich schon in unserer
Studie. Nicht jeder fühlte sich auch ausgeschlossen. Manche waren gut darin,
sich die Ablehnung wegzuerklären. Sie sagten: »Die beiden anderen haben mich
außen vor gelassen, weil sie sich kennen und mich nicht, also ist das okay.«
Oder: »Die haben mich außen vor gelassen, aber ich kenne sie ja nicht, also stört
mich das nicht.« Wir mögen es nicht, uns abgelehnt zu fühlen, also tun wir automatisch
vieles, um zu verhindern, dass wir uns so fühlen. Wenn jemand etwas Beleidigendes
sagt, nehmen manche Leute das sehr ernst, andere wiederum schütteln es einfach
ab und sagen sich: »Ach, vielleicht war die Person gerade schlecht gelaunt.
Vielleicht habe ich mich auch verhört.«
ZEITmagazin: Aber wenn man den Schmerz zulässt, gibt es da
auch unterschiedliche Empfindlichkeiten?
Eisenberger: Alles deutet darauf hin, ja. Wie bereits
erwähnt, kann der Körper selbst schmerzmittelartige Opioide herstellen. Schmerzmittel
und körpereigene Endorphine docken an denselben Rezeptoren an, um Schmerzen zu
hemmen. Es gibt ein Gen, das Mu-Opioid-Rezeptor-Gen, das bestimmt, wie diese
Rezeptoren gebaut sind und wie viele wir davon besitzen. Es ist also genetisch
bestimmt, wie schmerzempfindlich wir sind. Tatsächlich haben wir in unseren eigenen Arbeiten festgestellt,
dass Menschen, die eine Mutation des Mu-Opioid-Rezeptor-Gens besitzen und
schmerzempfindlicher sind, auch empfindlicher auf soziale Schmerzen reagieren. Es gibt also eine Überschneidung. Und sie macht Sinn, wenn man bedenkt, dass
Opioide sowohl bei körperlichen als auch bei sozialen Schmerzen eine Rolle
spielen.
