Als in der Ostseenacht der Scheinwerfer eines Bootes ihre Gesichter erhellt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Etwas, das in der Literatur öfter vorkommt; das Spezielle am neuen Roman von Thomas Hettche besteht aber darin, dass Max (von Beruf Ocularist) und Anna („Sachbearbeiterin beim Trilateralen Wattenmeersekretariat“) schon Anfang sechzig sind. Anna ist kinderlos und steckt gewissermaßen fest im Watt ihrer gutbürgerlich-kinderlosen Ehe. Max hat zwei Kinder aus zwei gescheiterten Beziehungen. Diese beiden lebensgeprüften Menschen zu großen Liebenden zu machen, die nun vom Begehren erfasst werden wie von einer Naturgewalt und bei den heimlichen Treffen ihr Glück kaum fassen können – das ist zumindest eine ungewöhnliche Erzählidee.
Zudem zielt Hettche mit dem wuchtigen Titel „Liebe“ aufs Grundsätzliche, das in diesem Fall auch philosophisch abgesichert wird. Ein Freund, der mit Max einst Kunst studiert hat, um dann beim städtischen Bauamt unterzukommen, sorgt für den geistigen Überbau, indem er Max ein Reclamheft mit Gedanken des jungen Hegel über die Liebe zuspielt. Wie üblich macht Hegel keine halben Sachen: „Eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich sind und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind.“ Genau so!, denkt Max.
Verstolperte Sätze
Sehr bedeutungsvoll klingt aber auch schon der erste Satz des Romans: „Liebe ist eines jener seltenen Wörter, die uns auffordern zu tun, was sie bezeichnen.“ Gemeint ist hier der grammatische Zufall, dass der Imperativ des Verbs „lieben“ dem Hauptwort gleicht. Es gibt eine ganze Reihe von Substantiven mit „e“ am Ende, bei denen es sich so verhält, zum Beispiel „Erbe“, „Leuchte“, „Eile“, „Pflege“, „Miete“, „Suche“, „Frage“ oder „Bitte“. Aber ergeben sich daraus irgendwelche Forderungen? Solche Bemühungen um Tiefsinn belasten den Roman auf Dauer. Die halb verunglückte, Ekstase durch Exklamationen vermittelnde Beschreibung des ersten gemeinsamen Liebesakts von Max und Anna mündet in dem Satz: „Nie ist man in der Liebe unbedingter als im Alter.“ Das klingt sentenziös und apodiktisch – vielleicht, weil es eine waghalsige Behauptung ist? Wie unbedingt aber auch die Liebe sein mag, die Bedingungen ihrer Kommunikation werden vom Stand der Technik bestimmt. Und so schreiben sich Anna und Max viele Textnachrichten, die auf den Seiten hervortreten wie Lyrik, auch wenn sie noch so banal klingen: „Nimm’s mir nicht übel, aber ich vermisse dich.“ „Ich vermisse dich auch.“ Man möchte ein Handyverbot für literarische Figuren fordern.
„Heiliger Ernst“ ist in dieser Liebe, eine „noch nie empfundene Zärtlichkeit“, aber auch viel sprachliche Gespreiztheit, etwa wenn der Erzähler raunend mit dreimal „nicht“ räsoniert: „Wobei es nicht so war, als ob all die erinnerten Berührungen die ganze Zeit präsent gewesen wären. Aber sie waren es auch nicht nicht.“ Der Roman ist jedoch zu kurz, als dass man über verstolperte Sätze wie den folgenden hinwegsehen könnte: „So tranken sie, als der Wein kam, und als ein dünnes Mädchen, ganz weißhäutig und so blond, dass es keine Brauen zu haben schien, und dem die langen weißen Finger zitterten, ihnen servierte, sahen sie ihm dabei zu.“ Einmal ist gar vom „Handwerk des Küssens“ die Rede.

Seinen Rang als einer der besten deutschen Autoren seiner Generation (dessen letzter Roman „Sinkende Sterne“ im Übrigen fabelhaft war) beweist Hettche dagegen in der raffinierten Symbolik, die den alten, in vielen Gedichten evozierten Zusammenhang von Liebe und Augen, Liebe und Blicken voll ausreizt. Max, der Ocularist, betreibt ein „Institut für künstliche Augen“, und auch wenn Hettche die Glasaugenherstellung mit höchster technischer Konkretion beschreibt, hat sie zugleich doch etwas Verwunschenes, Magisches: „Ich mach dir schöne Augen …“ So verschmäht der Roman denn auch nicht die Bezüge zu einem Augensammler böser Art, dem Sandmann E. T. A. Hoffmanns. Märchen von den Grimms schließen sich an, sodass es bald äugelt an allen Ecken, etwa wenn Max und Anna bei ihrer ersten Verabredung in Berlin eine Modigliani-Ausstellung besuchen. Was ihn wirklich fasziniere an den Gemälden, sagt Max hinterher, „seien die fehlenden Augen. Wie weggekratzt aus den Bildern. Diese Blicke, die es nicht gab, gingen ihm nach.“ Ein starkes Motiv, doch worauf zielt all diese unheimliche Symbolik? Wie passt sie zu einem Roman über zwei glücklich Liebende? Hier wird eine dunkle Spur gelegt, die zur Schlusssequenz des Romans führt, einer grandiosen Variation auf den berühmtesten Satz Foucaults. Ganz ohne Poststrukturalismus kommt Hettche eben immer noch nicht aus.
Ein Happy End mit Bruchlinien
Annas Ehemann, ein wohlhabender Notar und Segler, bleibt unterdessen im Hintergrund. Dass er seinen Geburtstag im Yachtclub feiert, erhöht seine Sympathiewerte nicht. In einer starken Szene taucht Max dort uneingeladen auf, ein angetrunkener Don Quijote seiner Liebe. Er reklamiert seine Ansprüche auf die Frau des anderen und wird erst zu Boden gerempelt, dann von zwei Ordnern hinausexpediert, wobei er lachend die „Amor vincit!“-Tätowierung auf dem Arm des einen erblickt. Noch ein starkes Motiv, das auch das Motto des Buches abgeben könnte. Nach der Trennung von ihrem Mann verleben Max und Anna noch glückliche Jahre in einem reetgedeckten alten Haus bei Schleswig. Sie überstehen gemeinsam die Corona-Zeit, und dem Roman geht nun spürbar der Erzählstoff aus. Der hohe Ton wechselt ins Amtlich-Vermeldende: „Bei einem eilig berufenen Gipfel einigte die Bundesregierung sich auf einen zweiten Lockdown.“
Erzählt ist „Liebe“ im Modus schmerzlich-schönen Erinnerns. Denn das späte Glück ist bedroht. Schon auf den ersten Seiten wird beschrieben, wie Anna mit einer Reisetasche von einem Taxi abgeholt wird; ein Krankenhausaufenthalt steht an. Max bleibt allein zurück, und es heißt: „Alles in diesem leeren Haus strudelt ihn zurück in die Vergangenheit.“ So hat Hettche in das Happy End schon die Bruchlinien eingezeichnet. Die Angst, die Max in der „furchtbaren Stille“ erfasst, mag manche Schwärmerei des liebenden Mannes legitimieren.
Thomas Hettche: „Liebe“. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 166 S., geb., 22,‒ €.
