
Leo Neugebauer konnte kaum noch laufen. Vor dem abschließenden 1500 Metern im Zehnkampf hatte er knapp 20 Sekunden Vorsprung auf den zweitplatzierten Niklas Kaul. Neugebauer ließ ihn nicht aus den Augen, wusste, wie weit er ihn ziehen lassen darf, ohne den Titel zu verlieren. Doch auf den letzten 50 Metern hätten die Beine „ein bisschen aufgegeben“, sagte Neugebauer: Er wankte, kam fast zum Stehen und stürzte sich mit letzter Kraft über die Ziellinie.
Es hatte gereicht. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham gewann Neugebauer mit 8611 Punkten vor Kaul (8573 Punkte) und dem Norweger Sander Skotheim (8433 Punkte). Es war der erste deutsche Doppelsieg im Zehnkampf seit knapp 60 Jahren.
Die erwartete Goldmedaille musste sich der 26-Jährige jedoch hart erarbeiten. Er kam souverän durch den ersten Tag und lag vor der letzten Disziplin, den 400 Metern, in Führung. Neugebauer begann schnell, womöglich zu schnell, sodass er auf den letzten Metern von allen überholt wurde. In der Nacht, wenn plötzlich der Kopf ins Spiel kommt, hätte der Zehnkampf kippen können.
Erfolge selbstbewusst zeigen
Doch Neugebauer hat inzwischen gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Bei der WM 2023 in Budapest hatte er nach dem ersten Tag ebenfalls geführt. Neugebauer jubelte mit dem Publikum, posierte für Fotos – und verlor dabei den Fokus, der ihn zuvor getragen hatte. Schon nach zwei Disziplinen war die gute Ausgangsposition dahin. In Birmingham zeigte er, dass Aufmerksamkeit nicht ablenken muss.
Neugebauer wurde in Görlitz geboren und ist in Leinfelden-Echterdingen in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen. Zur Leichtathletik kam er bereits im Alter von sechs Jahren, aber erst spielte er auch noch Fußball, ehe er sich als Fünfzehnjähriger vollends dem Mehrkampf zuwandte.
Neugebauer merkte allerdings schnell, dass er, wenn er dem Sport professionell nachgehen will, in die USA wechseln muss. 2019 zog er dank eines Sportstipendiums nach Texas, um dort zunächst Maschinenbau und später Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die Universität bot ihm bessere Trainingsbedingungen, um sich als Zehnkämpfer weiterzuentwickeln. Dort lernte er aber auch, den Sport mit mehr Leichtigkeit zu nehmen und seine Erfolge selbstbewusst zu zeigen.
Neugebauer hat diese Haltung zurück nach Deutschland mitgebracht. Er ist locker und gerne dort, wo Menschen zuschauen. In den sozialen Medien weiß er sich zu verkaufen, und diese Wirkung ist für den Deutschen Leichtathletik-Verband nicht zu unterschätzen. Neugebauer spricht offen über sich und seinen Sport – und sorgt dafür, dass die Leichtathletik auch jenseits der großen Wettbewerbe relevant bleibt.
Längst ist Neugebauer einer der wichtigsten deutschen Leichtathleten. 2023 brach er mit 8836 Punkten den 39 Jahre alten Rekord von Jürgen Hingsen. Ein Jahr später steigerte er die Bestmarke auf 8961 Punkte. Weltmeister war Neugebauer schon, jetzt ist er auch Europameister. Eigentlich fehlt ihm nur noch ein Titel, der Olympiasieg 2028 in Los Angeles.
Es wäre der Erfolg eines Athleten, der verstanden hat, dass Spitzenleistung und Selbstvermarktung kein Widerspruch sind. Neugebauer gewinnt nicht nur Medaillen. Er sorgt auch dafür, dass man sich für seinen Sport interessiert.
