
Nach der volksfestartigen Stimmung in der Hauptstadt verlief der Besuch von Papst Leo XIV. an der zweiten Station seines Besuches am Samstag und Sonntag in Lourdes in deutlich ruhigerer Atmosphäre. Es begann mit dem stillen Gebet des Papstes am Samstagabend in der Grotte Massabielle, wo dem 14 Jahre alten Hirtenmädchen und der späteren Ordensschwester Bernadette Soubirous (1844 bis 1879) im Februar 1858 beim Holzsammeln erstmals eine weißgekleidete Frau erschien.
Die Erscheinungen wiederholten sich bis Juli 1858 weitere 17 Mal. Schon bald sollte Lourdes, unter fleißigem Zutun der katholischen Kirche, zu einem der wichtigsten Marienwallfahrtsorte der Welt werden, zu dem bis heute jedes Jahr Millionen Gläubige strömen – in der Hoffnung auf Heilung von körperlichen Gebrechen und seelischen Bedrückungen.
150.000 Menschen kommen zur Messe des Papstes
Der Papst verharrte im stillen Gebet vor der eher zierlichen Marienstatue in einer Nische der Grotte, legte seine Hand auf den Felsen und trank ein Glas des Quellwassers, dem wundersame heilende Kräfte zugeschrieben werden. Schließlich entzündete er eine Kerze und stellte sie auf den Berg von Kerzen, die jeden Abend die Grotte mit der Statue in ein weiches Licht tauchen. Die versammelten Gläubigen schwiegen mit ihrem Oberhaupt, auch beim Fürbittengebet, in dem der Papst die Muttergottes um Hilfe bei der Überwindung der Kriege und des irdischen Leids anrief.
Damit war der Ton gesetzt auch für den zweiten Tag des Papstbesuchs in dem einst vergessenen Örtchen am Fuße der Pyrenäen, in dem sich längst eine quirlig-lärmende Pilgerindustrie angesiedelt hat. Zur Messe des Papstes auf dem leicht abschüssigen Platz vor der Rosenkranz-Basilika versammelten sich rund 150.000 Gläubige bei spätsommerlichem Wetter, unter ihnen Pilger aus aller Welt sowie 7000 Kranke und Gebrechliche mit deren Angehörigen.
In seiner Predigt, im Angelusgebet, in den Ansprachen vor den Kranken sowie vor den in Lourdes versammelten 120 Bischöfen des Landes sprach der Papst vor allem zu seiner Herde, weniger zu den Menschen in der säkularen Gesellschaft. Vor den Bischöfen beklagte Leo die „schmerzhafte Wunde des Missbrauchs an Minderjährigen, der von Mitgliedern des Klerus oder im kirchlichen Kontext begangen wurde“. Bei der Messe rief der Papst den Gläubigen das Wort aus dem Lukasevangelium ins Gedächtnis: „Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle umkommen“. Und er zitierte den Maria bei ihren Erscheinungen in Lourdes zugeschriebenen Ausruf: „Buße, Buße, Buße!“.
Der Papst trifft Betroffene, aber keine Opferverbände
Aber Leo dankte den Bischöfen auch für die „mutigen Maßnahmen“, die sie ergriffen hätten auf der „Suche nach Wahrheit, nach Gerechtigkeit und Vergebung, nach Wiedergutmachung und Vorbeugung dieses Verbrechens“. Er mahnte die Bischöfe, „auf diesem Weg weiterzugehen und dabei höchste Wachsamkeit zu zeigen“. Auch in seiner Predigt beklagte der Papst die „tiefen Wunden“ und „schmerzhafte Verirrungen“ innerhalb der Kirche. Der vor fünf Jahren veröffentlichte Bericht einer unabhängigen Untersuchungskommission stellte „systemischen“ Missbrauch durch Priester, Ordensleute und Laien in der Kirche fest, dem seit 1950 rund 330.000 Minderjährige zum Opfer gefallen sind.
Die französische Bischofskonferenz hat die institutionelle Verantwortung der Kirche anerkannt und Stellen für die Begleitung und Entschädigung von Opfern eingerichtet. Bis heute haben sich knapp 2000 Betroffene gemeldet, etwa 1200 wurden auch finanziell entschädigt. Sieben Überlebende von Missbrauchstaten, auch durch ranghohe und prominente Kirchenvertreter, traf der Papst am Sonntagabend zu einem privaten Gespräch.
Opferverbände beklagten, dass die Bischofskonferenz keine „offiziellen“ Vertreter der Verbände, sondern Einzelpersonen zu der Begegnung mit dem Papst ausgewählt hatten. Die persönlichen Leidensgeschichten der Überlebenden seien auserzählt, klagen die Opferorganisationen, nun brauche es Antworten der Institution, wie es bei der Entschädigung der Opfer weitergehen sollte.
Ein Verbrechenskomplex in der Weltkirche, den die Ortsbischöfe in aller Welt bisher so wenig ernsthaft angerührt haben, wie auch der Vatikan, bildete buchstäblich die Kulisse für den Bußgottesdienst des Papstes vor der Rosenkranz-Basilika. Es geht um den mutmaßlich zehntausendfachen Missbrauch von Nonnen und Ordensschwestern in der Kirche, die zum Zeitpunkt der Verbrechen nicht mehr minderjährig waren. An der Fassade der Basilika hatte der mutmaßliche Serientäter Marko Rupnik mit seiner Römer Werkstatt Centro Aletti 2008 aus Anlass der 150. Jahrestages der Marienerscheinungen riesige Mosaike angebracht.
Dem einstigen Jesuitenpater wird der Missbrauch von mindestens zwanzig Ordensfrauen und Novizinnen vorgeworfen – im direkten Zusammenhang mit seiner künstlerischen Arbeit, zu welcher er die Frauen „heranzog“, um sie spirituell zu manipulieren und sexuell zu missbrauchen. Weil der Jesuitenorden die Aussagen von Opfern und Zeugen als glaubwürdig erachtet, wurde der aus Slowenien stammende Pater aus dem Orden ausgeschlossen. Im Vatikan ist ein kirchenrechtlicher Prozess gegen Rupnik anhängig. Auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Leo XIV. wurden vor dessen Besuch in Lourdes sämtliche Mosaike Rupniks an der Fassade der Basilika mit Aluminiumplatten und Kunststoffplanen überdeckt.
Mutmaßliche Opfer Rupniks waren bei dem Treffen Leos mit Missbrauchsüberlebenden in Lourdes nicht dabei. Aber die Werke Rupniks waren beim Papstbesuch im wichtigsten Marienwallfahrtsort Europas dabei, auch wenn sie verdeckt waren.
