Vor einigen Tagen hat das iranische Regime wieder eine Militärparade abgehalten. Das ist beileibe nichts Neues. Seit Jahrzehnten hält es Militärparaden ab, lässt Uniformierte mit Maschinengewehren aufmarschieren sowie Motorrad-Bataillone, Panzer und Lastwagen auffahren, beladen mit Raketen. Die Flagge der Islamischen Republik und die Porträts der beiden Turbanträger Khomeini und Khamenei dürfen natürlich auch nicht fehlen. Man muss ja wissen, wo man ist. Von dem Ganzen werden dann ein paar eindrucksvolle Fotos und Videos gemacht – für die Anhänger, besonders aber für die Feinde. Denn so eine Militärparade dient ja in erster Linie nicht dem Entertainment der martialischen Herrscher, sondern der Verbreitung einer Botschaft: Seht her, wie potent wir sind, wie geschlossen, wie gefährlich! Und unsere Raketen – in den Himmel gerichtet – sind jederzeit abschussbereit!

Die Parade von vor einigen Tagen, deren Bilder im Netz verbreitet wurden, war anders. Zum einen, weil es keine große Militärparade mit phallischen Riesenraketen war und weil diejenigen, die da aufmarschierten, Frauen waren und auch einige Kinder. Bei den Frauen soll es sich um Mitglieder des „Fati Commando“ handeln, einer Art paramilitärischer Freiwilligenmiliz, die auch als Sittenpolizei agiert.
Es ist also kein neues Phänomen. Die Frauen trugen natürlich schwarze Tschadors. Ins Auge sprang aber eine andere Farbe, die man bei einem solchen Aufmarsch nicht vermuten würde, nämlich ein leicht pastelliges Pink. Pinker Pick-up, darauf Frauen an der Feuerwaffe, pinkes Maschinengewehr, Frauen im Tschador, die eine pinke Rakete tragen. Pink wie Barbie, wie Kinderspielzeug, Pink wie cute, mädchenfarbenpink. Aber warum, fragt man sich. Um attraktiver auf Mädchen und junge Frauen zu wirken? Als Propaganda, als Marketing-Tool? Ähnlich wie das rosa Ü-Ei, um diese Zielgruppe, die ja in diesem Regime besonders entrechtet ist, noch einmal spezifisch anzusprechen? Sie mit diesem harmlosen Pink zu ködern? Pinkwashing sozusagen?
Ein feiger, Pizza essender Donald Trump
Doch harmlos wirkt dieses Pink nicht. Im Gegenteil, es hat etwas Verstörendes, Monströses, diese Girliefication der Mordwaffe. Gerade weil hier größtmögliche Gegensätze aufeinanderprallen, die fanatischen, islamistischen Regimeanhängerinnen, die Drohung, die Machtgeste und das Pink aus den Kleinmädchenzimmern und der westlichen Popkultur.
Vielleicht lässt sich diese Pinkifizierung der Parade analog zur KI-generierten Regimepropaganda verstehen, die gerade vermehrt im Umlauf ist. KI-generierte Videos von Lego-Figuren etwa, die einen feigen, Pizza essenden Donald Trump zeigen, der, um von den Epstein-Files abzulenken, einen Krieg anzettelt. Oder einen Pete Hegseth als betrunkenen Kriegsminister, der von Kreuzrittern fasziniert ist; einen panisch vor iranischen Raketen wegrennenden Netanjahu und triumphierende iranische Militärs mit Kufija. Dazu wahlweise KI-generierte Filmmusik oder englischer Rap – „Drop the mic, infidel clown, we’re coming“. Man muss sich diese Videos wirklich ansehen, um sie in ihrer ganzen Absurdität zu erfassen. Danach fühlt man sich so, als hätte man sein Gehirn in einen Mixer geworfen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die BBC hat kürzlich den Mann interviewt, der die Videos für das iranischen Regime produziert haben soll. Auf die Frage, weshalb Lego, antwortete er, weil es eine „Weltsprache“ sei. Außerdem sei Krieg brutal, und man wollte sichergehen, dass alle die Videos sehen könnten. In dem Interview referierte er außerdem über Hyperrealität, Baudrillard und die großartige persische Poesie, die inspirierend für die mit KI für ein westliches Publikum aufpolierten, antiamerikanischen und antisemitischen – oder, wie er sagte, antizionistischen – Rap-Texte gewesen seien.
KI-Slop, also Müll, nennt man diese trashigen, massenhaft von KI generierten Texte, Bilder, Videos. Sie sollen emotionalisieren und überfordern. Auch Trump und die MAGA-Bewegung verwenden sie. Von „Slopaganda“ ist die Rede, wenn es darum geht, politische Meinungen zu beeinflussen und Desinformation zu verbreiten. Fraglich ist nur, ob sich mit den trashigen Videos wirklich jemand beeinflussen lässt, außer ein paar ohnehin schon verwirrte Studenten und Alt-Linke, die zweifelsohne angesprochen werden sollen und die dann auf Demos die Flagge der Islamischen Republik schwenken und der Hizbullah zujubeln.
Oder ob es nicht, wie auch bei dem Aufmarsch der Regimeanhängerinnen mit den pinken Raketen, vielmehr um eine ultimative Geste des Triumphes gegenüber Anhängern und Feinden geht: Seht her, wir sind immer noch da und lachen euch höhnisch ins Gesicht. Und diese ultimative Geste des Triumphes ist nicht zu trennen von den Zehntausenden, die allein im Januar erschossen wurden, von den unzähligen Menschen, die seit 1979 an Baukränen erhängt wurden, von den Foltergefängnissen, dem Blut auf den Straßen.
