Die Anhänger von Lazio Rom stecken derzeit in einem erheblichen Dilemma. Die Mannschaft von Trainer Gennaro Gattuso spielt zu Saisonbeginn formidabel, vier von fünf Spielen endeten mit einem Sieg. Das Team steht auf Platz drei der Serie-A-Tabelle, es gibt etliche Gründe für einen Stadionbesuch. Da wären etwa die Finten von Kapitän Mattia Zaccagni oder die Tore von Neuzugang Davide Frattesi. Sehenswert sind auch Fokus und Intensität, mit denen Gattuso trotz aller Widrigkeiten seine Mannschaft auftreten lässt. Das frühe Pokalaus in Runde eins gegen Mantua – geschenkt.
Trotz des spektakulären Saisonstarts ist das Stadio Olimpico bei den Heimspielen nicht einmal halb gefüllt. Gegen den CFC Genua kamen etwa 6500 Zuschauer. Beim 2:2 gegen die AC Milan waren immerhin 21.000 Menschen im Stadion. „Ich würde Lazio wirklich gerne im Stadion sehen“, sagt Starkarikaturist und Anhänger Federico Palmaroli alias Osho. Aber letztlich will er nicht, wie so viele in der Stadt. Die Tifosi sind im Streik gegen Klubpräsident Claudio Lotito.
Lazios Sparkurs
Eigentlich nichts Neues. Seit er den Verein im Jahr 2004 vom bankrotten Tomatenkonzern Cirio übernahm, ist Lotito eine Reizfigur in Rom. Der römische Reinigungs- und Sicherheitsunternehmer rettete den Verein damals vor der Insolvenz und handelte mit dem Finanzamt einen einmaligen Deal aus, dem zufolge er die 140 Millionen Euro Steuerschulden über 30 Jahre hinweg abzahlen darf. Lotito nahm der rechtsextremen Ultragruppe Irriducibili ihre Privilegien, also Freikarten und Merchandising. Das verzieh ihm der harte Kern nie.

Bis heute verfolgt der Präsident einen Sparkurs. Lazio kauft keine teuren Stars, gute Spieler werden gewinnbringend weiterverkauft. 2014 gingen die Tifosi auf die Barrikaden, weil Lotito Starspieler Hernanes an Inter Mailand veräußerte. Die Wut brandet wellenartig immer wieder auf.
Vor neun Monaten unterschrieben 45.000 Tifosi eine Petition, Lotito solle endlich das Weite suchen und den Klub verkaufen. Ihre Argumente: Passivität auf dem Transfermarkt, die Stagnation des Stadionneubauprojekts, sportliche Rückschritte und vor allem die herablassende Art gegenüber den Fans. „Der Verein gehört mir!“, lautet eine Lotito-Parole, die die Massen auf die Palme bringt.
Ein immer wiederkehrender Vorwurf lautet auch: Lotito bereichere sich am Verein. Der Präsident ersetzte externe Dienstleister bei Lazio durch eigene Firmen. Das gilt für das Catering, die Stadionreinigung, den Sicherheitsdienst an Spieltagen sowie die IT- und Fuhrparkverwaltung. Auf diese Weise fließen ganz legal Millionen aus dem Klubbudget an Lotitos Privatfirmen. Die Kombination aus Sparkurs, vermuteter Bereicherung und Missachtung der Fans hat das Klima bei Lazio vergiftet.
Tausende Tifosi protestieren
Im Juli gingen 10.000 Tifosi gegen den Patron auf die Straße. Aus Protest sank die Zahl der Dauerkarten zu Saisonbeginn auf rund 4500 Stück, von 30.000 in der Vorsaison. Nun hat sich auch die Staatsanwaltschaft Rom eingeschaltet. Sie ermittelt wegen Marktmanipulation im Hinblick auf die Lazio-Aktien, der Verein ist börsennotiert.
Die mutmaßlichen Täter, darunter der ehemalige Generaldirektor des Staatsfernsehens Rai, Mauro Masi, und zwei weitere Verdächtige, hätten Fake News verbreitet, um die Konfrontation zwischen Lotito und den Fans weiter anzufeuern und letztlich einen Verkauf des Vereins unter Marktwert zu erwirken. Ein handfestes Komplott.

Laut Staatsanwaltschaft verbreiteten Masi, heute Präsident der Regionalbank Banca del Fucino, sowie deren Vorstandsvorsitzender Francesco Maiolini Gerüchte über die Existenz eines Käufers für Lazio oder den angeblichen Plan Lotitos, den Klub absteigen zu lassen, um eine Rettungszahlung einzustreichen. Der ehemalige Journalist und bekannte Strippenzieher Luigi Bisignani soll in Artikeln für die Tageszeitung „Il Tempo“ zu diesem Zweck die Stimmung gegen Lotito geschürt haben. Auch gegen ihn wird ermittelt. Alle drei zählen zum konservativen Establishment in Rom, waren Weggefährten von Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
Dass es sich bei der angeblichen Verschwörung nur um sportlich-geschäftliche Abgründe dreht, bezweifeln die Ermittler nach Darstellungen der italienischen Presse. Geprüft wird auch die Hypothese einer politischen Abrechnung innerhalb der Berlusconi-Partei, in der seit dem Tod des Gründers 2023 ein neues Gleichgewicht gesucht wird. Lotito sitzt seit 2022 für Forza Italia im italienischen Senat.
Polizeischutz für Lazios Präsident
Im Juni 2025 tauchte nahe dem Parteibüro in Rom ein Banner mit der Aufschrift auf: „Forza Italia. Libera La Lazio.“ („Forza Italia. Befreie Lazio.“) Lotito gilt als einer der einflussreichsten Senatoren und Geldgeber der nach Silvio Berlusconis Tod 2023 im Umbruch befindlichen Partei, ist intern aber umstritten.
Eine Diskreditierungskampagne gegen ihn würde also auch seinen innerparteilichen Gegnern nützen, so die Überlegung. Lotito hatte bereits im Sommer 2025 Anzeige erstattet und erklärt, dass er und seine Familie Opfer ständiger Drohungen und Beleidigungen seien. So kamen die Ermittlungen ins Rollen.
Der Lazio-Präsident wird seit 30 Jahren von der Polizei eskortiert. Denn die Versuche, ihn von der Vereinsspitze wegzudrängen, sind alt. 2006 war es eine Gruppe um den Irriducibili-Anführer Fabrizio Piscitelli alias „Diabolik“, die Lotito aus dem Verein drängen wollte. Mit Protesten, Ausschreitungen, Gewalt und Drohungen wollten die Lazio-Ultras Lotito weichkochen.
Vereinsidol Giorgio Chinaglia fungierte als Strohmann der Übernahmeaktion. Piscitelli, tief in das mafiöse Milieu der römischen Unterwelt verstrickt, wurde später gerichtlich verurteilt. Chinaglia setzte sich in die USA ab. 2019 wurde der Irriducibili-Anführer auf offener Straße erschossen, es handelte sich um eine interne Abrechnung römischer Drogenkartelle. „Diabolik vive“, Diabolik lebt, kann man bis heute auf römischen Hauswänden als Graffiti lesen.
Und was sagt der Coach zur chaotischen Causa? „Fußball ohne Fans ist einfach scheiße“, schimpfte Gennaro Gattuso nach dem Heimspiel gegen die AC Mailand, nur um ein paar Tage später wieder zurückzurudern. Er möchte sich bei den Fans für diese Aussage entschuldigen, sagte der frühere Nationaltrainer Italiens. Gattuso weiß, wie unangenehm die Lazio-Tifosi werden können.
