Am Anfang der dichterischen Laufbahn von Laura Vazquez stand das Gebet. Lange bevor die heute neununddreißigjährige Franko-Spanierin begann, Gedichte, Romane und Theaterstücke zu verfassen, schrieb sie, damals noch ein kleines Mädchen, Gebete. Einfache Texte, Bittrufe an Gott, Worte, die sie aufmerksam aneinanderreihte. Weniger, um etwas zu erzählen, als um etwas zu bewirken: das Ende des Todes nämlich. Oder, etwas bescheidener gefasst: das Ausbleiben des Todes ihrer geliebten Großmutter. „Ich war damit leider nicht sehr erfolgreich“, sagt sie, „meine kleine Oma ist am Ende doch gestorben.“
Es ist ein warmer Montagnachmittag im August, Laura Vazquez sitzt in ihrer Wohnung in Marseille und blickt konzentriert in die Kamera. Über ihrem Pferdeschwanz trägt sie, wie immer, ein schwarzes Cap, ihre Augen sind von einem Lidstrich gerahmt, ihr Mund ist rot bemalt, an ihrem Nasenflügel glänzt ein silberner Ring. Damals habe sie eine intensive mystische Phase durchgemacht, erzählt sie, mit acht Jahren bat sie den Priester ihres Heimatortes, einer kleinen Stadt in der Nähe des südfranzösischen Perpignan, sie zu taufen. Sie fühlte sich zu einer Mission erkoren, träumte davon, eine Heilige zu werden. Eine Teresa von Avila vielleicht, mindestens eine Simone Weil. Eine, die von einer Kraft geleitet wird, die sie selbst weit übersteigt, die Dinge hört, die andere nicht hören, Dinge sieht, die andere nicht sehen, fühlt, was den meisten verschlossen bleibt. Eine, die fest glaubt.
Von der Romanidee besessen
Denn auch wenn der Traum der Heiligen sie vor langer Zeit verlassen hat, bleibt die Ausrichtung ihrer Arbeit im Kern doch dieselbe. Es geht darum, sich durch das Schreiben etwas zu nähern, das größer ist als sie selbst, größer als unsere Existenzen, größer als all die kleinen mentalen und materiellen Zäune, mit denen wir unsere Leben umzingeln. Und tatsächlich hat, wer Laura Vazquez zum ersten Mal liest, das diffuse Gefühl, etwas Außergewöhnlichem beizuwohnen. Es ist, als schiebe die Autorin die lärmende Gegenwart mit ihren Worten wie einen Vorhang zur Seite, um uns den Blick auf Landschaften zu eröffnen, deren Existenz wir vielleicht erahnten, allein aber nie gefunden hätten. Sie wirken ewig, fast südlich, leben von starken Kontrasten. Von tiefer Dunkelheit und warmem Licht, von Gewalt und einer unter allem durchschimmernden Sanftheit.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Wenn Sie ein geniales Buch lesen, fragen Sie nicht: Wie hat der Autor es geschafft, das zu schreiben? Fragen Sie: Wie hat der Autor es geschafft, zu glauben?“, schreibt sie in ihrem kurzen Band „L’Idiote du village“. Fragen wir also: Laura Vazquez, wie schaffen Sie es, zu glauben? Die Autorin entspannt ihre Züge, grinst. Sie sei durch eine sehr harte Krise gegangen, meint sie, eine Krise des Glaubens könnte man sagen. Vor etwa zehn Jahren, damals hatte Sie bereits Gedichte veröffentlicht und beschloss, einen Roman zu schreiben: „Alle Bücher, die mich tief bewegt haben, sind Romane. Proust, Faulkner, Kafka. Ich liebe den Roman. Es ist eine Form, die sich noch lange nicht erschöpft hat, in der es nahezu keine Grenzen gibt. Im Roman ist alles möglich.“ Zumindest schien es ihr so. Doch dann setzte sie sich vor ihren Computer, und es passierte: nichts. Gar nichts.
„Ich war so von der Idee besessen, einen großen Roman zu schreiben, einen wichtigen Roman. Ich redete mir so sehr ein, er müsse herausragend werden, dass ich mich komplett blockierte. Meine Erwartungen waren viel zu groß für meine kleinen Schultern, ich machte alles schlecht, was ich tat, es schien mir, als produzierte ich nur Müll, „de la vrai merde“, sagt sie mit ihrem südlichen Akzent, und es scheint fast, als tue es ihr für ihr jüngeres Selbst leid. Es sei eine wahre Qual, zu wissen, was man tun möchte, tun muss, also zu glauben, dass man keinen anderen Grund hat, in der Welt zu sein (Vazquez glaubt an Berufung), aber außerstande zu sein, es zu tun.
Damals habe sie nur zwei Wege gesehen: aussteigen aus dem Leben oder sich ergeben, aufgeben. Sie entschied sich fürs Aufgeben: „Ich habe beschlossen, anzunehmen, dass ich es nicht kann. Dass ich keinen großen Roman schreiben kann, sondern nur schreiben kann, was ich schreiben kann, so winzig das auch sein mag. Ich habe beschlossen, mein Bestes zu geben und zu sehen, was passiert.“ Damit kam sie weiter. Seite um Seite, Tag um Tag. Am Ende entstand der Roman „La semaine perpétuelle“ und parallel dazu der Gedichtband „Le livre du large et du long“, für den sie 2023 mit dem Prix Goncourt de la Poésie ausgezeichnet wurde. Vor Kurzem, erzählt sie, habe sie etwas über Samuel Beckett gelesen, das ihr gefiel: Jemand fragt ihn, ob er schreibe. Er sagt: Nein, ich bin noch nicht tief genug gefallen. Da sei etwas dran, glaubt Vazquez, man müsse sich fallen lassen, um zu schreiben, wer Angst hat und sich festkrallt, kommt nicht weit.
Die Suche führt in eine Bar
Mittlerweile pendelt die Autorin zwischen dem Schreiben und Performen von Gedichten, Romanen und Theaterstücken, Formen, die ihrer Meinung nach alle nach dem gleichen Gefühl suchen, nämlich „dem, das eine Spinne haben muss, wenn sie sehr gut an ihrem Netz arbeitet“, die aber andere „Tauchgänge“ erfordern: „Wenn ich an einem Gedichtband schreibe, dann fehlt mir irgendwann die Tiefe und Länge des Romans, wenn ich in einem Roman stecke, dann vermisse ich das Gedicht, seine Schärfe.“
In diesen Tagen erscheint ihr zweiter Roman, „Die Kräfte“, auf Deutsch, und auch wenn Vazquez von autobiographischer Lesart wenig hält und es im Grunde auch nichts zur Sache tut, kommt man nicht darum herum, einige Parallelen zu sehen. Kann man den Wunsch nach Transzendenz, nach Weite, den sie als Kind verspürte, mit dem der Protagonistin in „Die Kräfte“ vergleichen? „Wenn man will, ja. Am Anfang blickt sie auf die Welt, sieht, wie gigantisch sie ist, voller Möglichkeiten, und begreift nicht, weshalb die Menschen sich mit so winzigen Existenzen zufriedengeben. Sie hat einen sehr unnachgiebigen Blick, sie urteilt viel. Die Leben der anderen erscheinen ihr leer, ihre Sätze tot und vorgefertigt. Das bedrückt sie sehr. Deshalb macht sie sich auf die Suche nach etwas anderem.“

Im Roman führt diese Suche erst einmal in eine Bar. Dort begegnet die Protagonistin anderen jungen Frauen, nur fühlt sie sich in ihrer Gegenwart genauso fremd und andersartig wie im Umfeld ihrer Eltern. Also beginnt sie innerlich mit Autoren und Autorinnen der Vergangenheit zu sprechen: Fernando Pessoa, Sophokles, Fjodor Dostojewskij, Virginia Woolf, Franz Kafka, Han Yu. Sie driftet weg, bis das „Mädchen mit den dunklen Augen“, das zu ihrem Leidwesen zu fast allem sagt „Das ist stark, das spricht mich an“ („Sie macht sich lustig, das gefällt mir nicht“, sagt Vazquez, als habe das eine andere geschrieben), sie hinter einen Vorhang führt und sie einer mysteriösen alten Frau („Ich liebe alte Frauen!“) vorstellt. Diese fordert sie dazu auf, zu schreiben. Nur ist das, was die Protagonistin produziert, ein bisschen so wie angeblich auch Vazquez’ erste Versuche, „pas gégé“. Also „pas génial“, nicht genial, weil sie meint, etwas Besseres zu sein. Um die Demut zu erlernen, ohne die man, laut Laura Vazquez, nichts wirklich Gutes schreiben kann, begibt die Protagonistin sich auf eine extrem amüsante Reise, bei der sie unterschiedliche Sichten auf die Welt, unterschiedliche Glaubensweisen kennenlernen und das harsche Urteilen, wer weiß, vielleicht, verlernen wird.
Im wahren Leben führte die Suche Laura Vazquez über etwas andere Umwege. Nicht durch eine Reihe wahnwitziger Sekten und das „Haus der Toten“, sondern nach Spanien. Nach dem Abitur zog die Tochter spanischer Einwanderer nach Sevilla, wo sie als Straßensängerin französische Chansons sang. Kurz dachte sie, die Berufung, die sie spürte, liege vielleicht dort, im Singen, stellte dann aber doch fest, dass es das Schreiben, das Dichten sein musste. Die Poesie brachte sie auch zurück nach Frankreich: „Es klingt sicher komisch, aber mir war lange nicht klar, dass es lebendige Dichter gibt. Als ich es entdeckte, dachte ich: Ich muss alles lesen. Also suchte ich auf Google nach einem Zentrum für Poesie und stieß auf das Centre International de Poésie in Marseille. So kam ich nach Marseille.“ Wenn du schreiben willst, dann lies so lange, bis du Lust hast zu schreiben, so lautet einer der Ratschläge der Autorin, die seit Jahren Schreibkurse gibt. Man schreibe nicht allein, meint sie, man schreibe mit allen, die man gelesen, allen, die man geliebt hat.
Eine ihrer großen Lieben ist Franz Kafka, sein Porträt steht nie weit von ihrem Schreibtisch entfernt. Kafka, der, ein bisschen wie sie, meinte: „Die Kunst ist so wie das Gebet eine ins Dunkle ausgestreckte Hand, die etwas von der Gnade erfassen will, um sich in eine schenkende Hand zu verwandeln.“ Spricht man sie auf ihn an, auf ihren Freund Franz, sagt sie mit ihrer leicht rauen Stimme: „Ah mais Kafka, c’est …“, und lehnt sich zurück, als müsse sie sich erst einmal ausruhen, bevor sie erörtern könne, was Kafka alles ist. Für sie, so meint sie, sei auch er ein Autor des Südens. Ein Außenseiter, einer, der mit der Dunkelheit arbeitet, der tief gräbt. Dass es jemanden wie ihn gegeben hat, einen, der sich dem Schreiben so hingegeben hat, der gelitten hat, aber auch geliebt, der mit einer solchen Leidenschaft suchte, es versuchte, immer und immer wieder, das berühre sie sehr.
Laura Vazquez: „Die Kräfte“. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Ullstein Verlag, 288 Seiten, 23 Euro. Die Autorin wird am 8. September um 18 Uhr auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin auftreten.
