Herr Zimer, die Rüstungsindustrie hat Hochkonjunktur. Warum hat man noch nichts Konkretes von Ihrer Laserwaffe gehört?
Zielgerichtete Laser-Waffensysteme mit der erforderlichen Präzision sind technisch äußerst komplex. Im Vergleich zu ballistischen Systemen mit Streuwirkung, die einer „Schrotflinte“ ähneln, muss bei einer Laserwaffe der Lichtfokus bei fernen Distanzen sauber und ausreichend lange auf der fliegenden Drohne gehalten werden, um die Energie zur Zerstörung einzubringen. Hinzu kommt, dass es für den Einsatz von Laserstrahlung im Verteidigungsumfeld noch allerhand regulatorische Hürden gibt. Gleichzeitig spüren wir, wie viel Druck auf dem Kessel ist. Denn die Bedrohung durch Drohnen ist durchaus real. Entsprechende Innovationen rütteln deshalb gerade die gesamte Branche durch.
Woran denken Sie dabei vor allem?
Ich bin kein Rüstungsfachmann. Aber ich denke vor allem an Schwärme von Aufklärungs- und Kampfdrohnen, die künftig durch die Unterstützung von Künstlicher Intelligenz autonom herumfliegen und angreifen können. Das ist keine Science-Fiction mehr, sondern heute schon möglich. Als Techniker und Naturwissenschaftler sage ich: ohne Druck keine Zustandsänderung. Wir müssen auf den rasanten technologischen Fortschritt in der Militärtechnik ebenso schnell mit den Abwehrmaßnahmen reagieren. Das geht nur mit Geld. Das deutsche Drohnenunternehmen Helsing hat gerade eine Finanzierungsrunde von 1,8 Milliarden Dollar abgeschlossen. Je höher die Investitionssumme, desto näher bewegen sich Unternehmen an den Szenarien, die sehr wahrscheinlich kommen werden.

Dass wir uns grundsätzlich über die hergebrachte Beschaffung Gedanken machen müssen und uns die Frage stellen, ob wir wirklich noch im großen Stil konventionelle Kampfjets bestellen oder nicht lieber jetzt schon auf die technologischen Herausforderungen der Zukunft wie autonome Flugdrohnen und moderne Abwehrmaßnahmen setzen sollten. Dahinter steckt der Gedanke, ob wir der Innovationsgeschwindigkeit im Verteidigungsbereich gerecht werden, die wir momentan in der Ukraine sehen. Das bringt uns letztlich zu der Frage, warum die Industrie wie auch Trumpf erst jetzt aktiv wird. Für unser Haus kann ich sagen: Wir haben schon im Jahr 2015 mit der Rüstungsindustrie über Laserwaffen zur Drohnenabwehr gesprochen. Das wurde aber in Friedenszeiten im Unternehmen zunächst zurückgestellt, denn es gab keine unmittelbare Notwendigkeit dafür.
Bis die „Zeitenwende“ kam.
Genau. In Zukunft müssen wir uns gegen Drohnenschwärme wehren können, die mit klassischen Mitteln möglicherweise nicht mehr aufzuhalten sind. Der Laser wird durch den Beschuss von Drohnen eine hocheffiziente und kostengünstige Komplementärwaffe zu bestehenden Systemen darstellen, um derzeit existierende Lücken zu schließen. Und genau da kommen wir als Unternehmen ins Spiel: Wir können mit Stolz behaupten, dass Trumpf der einzige große europäische Hersteller von Lasersystemen ist, der das auf Dauer bewerkstelligen kann.
Was macht Sie so selbstbewusst?
Die Rüstungsindustrie ist ein eher konservatives, auf langfristige Horizonte angelegtes Geschäft. Da springt man nicht einfach mal kurzfristig rein und wenige Jahre später wieder raus. Sie machen Zusagen für 20 oder 30 Jahre, müssen Lieferketten sorgsam aufbauen und gehen durch lange Qualifizierungsprozesse.
Also ein Geschäft mit lukrativen Aussichten?
Wir haben die Entscheidung zum Bau einer defensiven Laserwaffe aus unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Familienunternehmen heraus getroffen, nicht aus kurzfristigen Erwägungen heraus, weil es in der zivilen Wirtschaft, etwa der Automobilindustrie, gerade nicht so läuft. Für Trumpf ging es nie um die Kompensation von Umsatzausfällen, zumal sich das Gesamtgeschäft für uns seither sehr gut entwickelt hat. Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir mit der Drohnenabwehr nennenswerte Umsätze erzielen werden.
Was kann eine Laserwaffe, und was kann sie nicht?
Die Laserwaffe wird nach Beschaffungskosten, die vergleichbar mit konventionellen Systemen sein werden, in den Betriebskosten sehr günstig sein. Denn die bereitgestellte Energie pro Schuss kostet fast nichts. Ein Beispiel: Eine Rakete zur Boden-Luft-Abwehr kann zwischen 100.000 und 500.000 Dollar liegen. Die Energiekosten für einen Laserschuss liegen vielleicht bei einem Dollar oder noch niedriger. Natürlich kann man die Systeme technisch nicht eins zu eins vergleichen. Aber die Innovationsgeschwindigkeit bei der Laserwaffe ist enorm.
Sie brauchen dafür doch eine Menge Strom.
Dieses Argument wird bisweilen bemüht, aber es trägt nicht ganz. Entscheidend ist die Einsatzzeit. Wenn Sie einen Schwarm von 50 Drohnen innerhalb von zwei Minuten eliminieren wollen, brauchen Sie nur einen Bruchteil dessen, was etwa eine geladene Autobatterie leisten kann. Diese Systeme haben absolut kein Energieversorgungsproblem.
Worin bestehen Ihre Herausforderungen dann?
Wir haben das Problem der Reichweite noch nicht komplett gelöst. Sie müssen den Laserstrahl in der Ferne auf einen bestimmten Punkt bündeln, nämlich auf der Oberfläche der Drohne. Wenn wir in einem Kilometer Entfernung die gleiche Leistungsdichte haben wollen wie in der Materialbearbeitung vor Ort in der Werkshalle, dann reden wir über hundertmal mehr Leistung, die dafür nötig ist. Die Laserleistung dieser Systeme richtet sich am Ende nach der Einsatzentfernung und dem Material der abzuwehrenden Drohnen. Heute nehmen wir Entfernungen bis zu einem Kilometer Reichweite ins Visier und gehen in der Regel von Kunststoffen aus, die während der Drohnenbekämpfung geschädigt werden müssen.
Um welche Energiemengen geht es konkret?
Wenn Sie Raketen, deren Hülle aus Metallblech besteht, in mehreren Kilometern Entfernung mit dem Laser zerstören wollen, brauchen Sie mehr als 300 Kilowatt an optischer Leistung. Ich glaube, dass die Entwicklung in Richtung eines Megawatts gehen wird, um etwa Lenkflugkörper mit Stahlhüllen auf diese Entfernung auszuschalten. Bei den in der Ukraine fliegenden FPV-Drohnen ist das anders. Diese sind in der Regel aus Kunststoffen und fliegen langsamer als eine Rakete. Das bedeutet: Sie müssen nicht in mehreren Kilometern, sondern erst ab einem Kilometer abgefangen und fluguntauglich gemacht werden. Dazu brauchen Sie deutlich weniger Laserleistung, was die Systeme günstiger und kompakter macht. Allerdings benötigen Sie auch hier eine extrem gute Positioniergenauigkeit des Laserstrahls auf der Drohne. Ungefähr vergleichbar mit der Aufgabe, ein menschliches Haar in rund 50 Meter Entfernung verfolgen und treffen zu wollen.
Für Laien klingt das nicht machbar. Schafft Trumpf das?
Ich bin sicher, dass wir das hinkriegen. Es ist alles andere als einfach. Allerdings bringen wir hier eine jahrzehntelange Erfahrung aus unserem industriellen Geschäft ein: bei den Lasern, bei den Optiken, bei der Steuerungselektronik und vielem mehr. Das paaren wir mit unserem Wissen in der Lasermaterialbearbeitung. Am Ende ist der Drohnenabschuss nichts anderes als „Materialbearbeitung in der Ferne“. Es gibt gerade einige Unternehmen und Start-ups, die Heilsversprechen für Laserwaffen artikulieren. Wir sehen das differenzierter. Es gibt gute Einsatzbereiche für diese Technologie, aber auch klare Restriktionen. Genau das können wir durch die unter einem Dach versammelten Kompetenzen gut einschätzen. Kurzum: Trumpf schafft das.
Wie soll der Ablauf der Drohnenabwehr in der Praxis aussehen?
Wenn ein Drohnenschwarm sich in ein oder zwei Kilometern Entfernung nähert, wird per Radar- oder Funkortung eine Signatur aufgenommen, die grob die Richtung der Bedrohung identifiziert. Das macht unser Partner Rohde & Schwarz. Das Trumpf-System übernimmt dieses Peilungssignal, realisiert dann die optische Nachverfolgung der Drohne und schlussendlich den Abschuss durch den Hochleistungslaser. Das Zusammenspiel der Laserwaffeneinheit, des Radars und der Command-Software wird wiederum von Rohde & Schwarz übernommen. Es muss schließlich entschieden werden, ob eine Drohne überhaupt eine Bedrohung darstellt, und wenn ja, an welchem Punkt diese zu beschießen ist.
Das klingt simpel. Aber Drohnen können Zickzackkurse fliegen oder in den Tiefflug gehen.
Genau. Dazu kommen die Außenbedingungen. Was ist bei Nebel oder starken atmosphärischen Turbulenzen? Deshalb denken wir die Laserwaffen zur Drohnenabwehr auch immer im Verbund mit anderen Systemen wie dem Jamming und der Ballistik. Und wir schränken uns zunächst bei der Reichweite ein. Am Anfang gab es Überlegungen, auf fünf Kilometer zu gehen. Aber das können Sie momentan noch vergessen. Das funktioniert vielleicht beim Konzept des „Iron Dome“ in Israel, wo das Gefechtsfeld klar umrissen ist. Aber nicht, wenn Sie bewegliche Ziele und Kampffelder haben wie in der Ukraine. Wir sehen im Bereich von einem Kilometer eine Fähigkeitslücke bei konventionellen Systemen und perspektivisch die Bedrohung durch „Dark Drones“, die durch elektromagnetische Impulse wie beim Jamming nicht mehr gestört werden können. Genau dort gehen wir bildlich gesprochen rein.
Wie sieht Ihr Zeitplan für das Projekt aus?
Wir wollen bis Anfang 2027 ein System haben, mit dem wir auf den Schießplatz gehen und an Vergleichsschießen teilnehmen können. Das wird wohl ein Aufbau für einen Lastwagen sein. Wir sind mit unserem Zeitplan schon ambitioniert, aber nicht reißerisch unterwegs. Wir haben uns am Anfang drei Jahre gegeben, um die Laserwaffe fertig zu bekommen – genau das war auch die Prognose unserer Vorstandsvorsitzenden im letzten Jahr. Jetzt sind noch etwas mehr als zwei Jahre übrig. Wir kommen gut voran.
Vom Schießplatz bis zum Einsatz ist es noch ein Stück. Was ist die größte Hürde auf dem Weg?
Die Regulatorik zur Laserstrahlsicherheit im Gefechtsumfeld und überhaupt die Einführung dieser Technologie in die Waffengattungen der Bundeswehr, deren Soldaten ja auch noch in einer solchen neuen Waffe ausgebildet werden müssen. Aber auch im Sicherheitsumfeld brauchen wir in Deutschland eine ernsthafte Diskussion darüber, wann man eine Drohne in der Nähe eines Flughafens herunterholen darf.
Das ist doch schon erleichtert worden.
Ja, aber es ist immer noch ziemlich vertrackt, wenn es um den Einsatz von elektromagnetischen Wellen geht. Und mit dem Laser wird es noch spannender: Der hat eine Streustrahlung an den Aerosolen in der Luft. Das wird Gesprächsbedarf mit Blick auf das Bodenpersonal geben. Solang wir keinen Ernstfall haben, wird unsere Bürokratie versuchen, entsprechende Zugeständnisse zu vermeiden. Da sind wir wieder beim Druck und der physikalischen Zustandsänderung.
Die Laser von Trumpf spielen auch für die Kernfusion eine wichtige Rolle. Bei dieser möglichen Schlüsseltechnologie für die Energieversorgung der Zukunft werden Moleküle beschossen, um den Prozess einzuleiten. Auf dem Gebiet tummeln sich gerade in Deutschland hoffnungsvolle Start-ups. Warum ist Trumpf nicht stärker aktiv?
Start-ups sind erst mal eine sehr gute Entwicklung für die deutsche Wirtschaft insgesamt. Wir hatten zu lange davon viel zu wenige. Sie haben die Schneeräumarbeit gemacht und das Bewusstsein dafür geschaffen, dass wir in Deutschland Gas geben müssen bei vielen neuen Technologien. Denn ehrlich gesagt sind die etablierten Industrien manchmal zu langsam.
Start-ups gehen ins Risiko und arbeiten mit Wagniskapital, und wie der Name schon sagt, kann das morgen auch alles verloren sein. Ein Technologieführer wie Trumpf hat aber eine andere Reputation zu verteidigen als ein Start-up, das ist der springende Punkt. Wenn wir sagen, dass etwas technisch funktioniert, dann muss es auch funktionieren. Deshalb sind wir bislang auch bei der Kernfusion etwas zurückhaltender gewesen. Aber gerade das junge Darmstädter Unternehmen Focused Energy schätze ich sehr.
Ich bin davon überzeugt, weil das Unternehmen einem technologischen Pfad folgt, den die Amerikaner schon experimentell verifiziert haben.
Der besagt, dass es möglich ist, mehr Energie bei der Kernfusion herauszubekommen, als man reingegeben hat?
Zumindest optisch. Elektrisch ist die Bilanz noch immer katastrophal. Aber mit jedem Versuch finden Optimierungen statt, die das Ganze besser machen. Der alternative technische Strang über eine magnetische Fusion konnte das noch nicht beweisen. Deshalb ist der Laser-Ansatz trotz aller Kosten und Herausforderungen ebenso zu verfolgen wie die Magneteinschlussfusion. Allerdings müssen Sie auch hier eine Menge Geld in die Hand nehmen, um eine entsprechende Testanlage zu errichten. Wir sprechen über rund mehrere Milliarden Euro in zehn Jahren.
Woher sollen die Mittel kommen? Vom Staat?
Was mir bei einer so zentralen Zukunftstechnologie fehlt, ist eine klare Aussage der Bundesregierung: Wir wollen in Deutschland eine Laserfusionsanlage errichten und betreiben. Punkt! Bei der Magnettechnik hat man das gesagt und treibt die Errichtung einer entsprechenden Stellarator-Anlage voran. Warum machen wir das nicht auch für die Laser-Technologie und lassen beides gegeneinander laufen? Wenn im Rahmen der Hightech-Agenda um das Jahr 2035 entschieden werden soll, mit welcher Technologie Fusionskraftwerke konzipiert werden sollen, dann muss man auch die Voraussetzungen dazu so schaffen, dass dies möglich ist. In neun Jahren in Deutschland eine Laserfusionsanlage zu haben, die auch schon Fusion leisten kann, das ist aus meiner Sicht ein sehr ambitioniertes Ziel.
Also soll der Staat die Risiken tragen?
Es geht um die Energieversorgung dieses Landes in der Zukunft. Der Staat muss den Auftrag zum Bau dieser Anlagen klar erteilen und die langfristigen Rahmenbedingungen dazu fixieren. Ähnlich wie in der Rüstung kann man hier nicht „ein bisschen“ reingehen – ganz oder gar nicht! Wenn das klar ist, nimmt die Industrie auch Geld in die Hand. Wenn entschieden wäre, dass beispielsweise in Biblis eine Fusionsanlage entsteht, dann hebe ich sofort die Hand und sage: Trumpf baut die Laser dafür. Die Industrie braucht in einem derart kostenintensiven Umfeld absolute Planungssicherheit.
Über wie viele Laser reden wir?
Eine solche Anlage erfordert rund eintausend Laser. Aber ich benötige dafür eine Zusage. Allein um die Laser zu entwickeln, können Sie fünf Jahre rechnen, parallel müssen Sie eine Produktionslinie aufbauen.
Wir reden wahrscheinlich über 200 bis 300 Millionen Euro – nur für die Entwicklung dieser Laser. Das kann ich nicht auf unsere eigene Forschungspipeline nehmen. Deshalb muss es als Zukunftsaufgabe mit Wachstumspotential gefördert werden. Das Geschäft wäre am Ende vielleicht größer als alles, was wir heute mit ASML im Bereich der EUV-Lithographie zusammen machen. Und da reden wir schon über 1600 Mitarbeiter, die bis zu 100 Laser im Jahr herstellen. Für die Kernfusion wären es insgesamt 1000.
Wenn Hagen Zimer über Laser-Technologie spricht, kommt schnell der Wissenschaftler in ihm durch, wenn er etwa benötigte Energieeinheiten mal eben im Kopf durchrechnet oder sich über Wirkungsgrade auslässt. Der promovierte Physiker verantwortet im Vorstand des schwäbischen Technologiekonzerns den Bereich Lasertechnik und ist damit auch für die Verteidigungslösungen zuständig. Der 53 Jahre alte Manager stieß nach akademischen Stationen in Münster, New York und Jena schon 2005 zu Trumpf, wo er an verschiedenen Stellen wirkte. Seit drei Jahren gehört er dem Vorstand an.
