
So ganz hat es nicht gereicht für die „Frau gegen Blau“ oder, wie die „heute-show“ dichtete, „die Mutter vom Kutter“. Vor der AfD liegt sie nicht. Aber Manuela Schwesig kann weiterregieren. Das ist unzweifelhaft eine Leistung in diesen Zeiten. So schmerzhaft das für die CDU, die bald im Nordosten womöglich nur noch unter „Sonstige“ firmiert, auch sein mag und Moskau-Liebschaft hin oder her: Schwesig kann kommunizieren. Schwesig kann Wahlkampf.
An der AfD, die abermals bei einer Landtagswahl die meisten Stimmen holte, kam sie aber nicht vorbei. Die AfD hat sich im Nordosten verdoppelt und brauchte dazu gar keine starke Führungsfigur. Sie wird, wenn man es so nennen will, wegen ihres Programms gewählt, mobilisiert sehr stark, und zwar auch jene, die zuletzt gar nicht gewählt haben. Sie wird von jenen gewählt, die meinen „So kann es nicht mehr weitergehen“. Das unterschreiben offenbar auch jene aus dem vermeintlichen bürgerlichen Lager, die nicht über die jetzige Lage hinausdenken und denen sogar eine vollkommen unbürgerliche Regierung lieber ist als die jetzige.
Die Bedeutung nicht herunterspielen
Gerade mit Blick auf die nach der Zahl der Einwohner eher kleineren östlichen Länder kann man natürlich die Bedeutung auch dieser Landtagswahl herunterspielen. Gleiches gilt dann aber auch für Wahlen im Saarland oder in Bremen.
Im deutschen Nordosten muss man sich aber tatsächlich gerade aus einer bürgerlichen Perspektive fragen, was aus dem Land geworden ist. In der ersten freien Landtagswahl nach der Wiedervereinigung errang die CDU mehr als 38 Prozent der Stimmen; sie regierte vier Jahre lang mit der FDP, danach mit der SPD. Angela Merkel war die direkt gewählte Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Rügen/Nordvorpommern von 1990 bis 2017.
Auf der anderen Seite gab es danach in Mecklenburg-Vorpommern – sieht man von einer „Duldung“ in Sachsen-Anhalt ab – die erste veritable Koalition von SPD und PDS, später Linkspartei, vormals SED. Insofern ist der Boden bereitet, den vierzig Jahre lang die DDR beackerte.
Flüchtige Scheinwelt
Dass das wunderschöne Land (ja, nicht nur in Bayern ist es schön) auch viel Unzufriedenheit gebiert, glaubt kaum, wer es nur durch die Touristenbrille sieht. Dabei ist das der herrschende Blick. In der Hochsaison herrscht Arbeitskräftemangel, die Nachfrage muss auch mit Sachsen und Thüringern gestillt werden. Doch das ist eine flüchtige Scheinwelt. Das Landleben hat im Übrigen dieselben Herausforderungen wie überall in Deutschland. Die Jungen, die fitten Leute ziehen weg.
Wer bleibt, muss oft ehrlicherweise zugeben, dass es ihm persönlich so schlecht nicht geht. Jedenfalls besser als früher, wenn damit die Zeit der Diktatur gemeint ist. Doch das ist eher eine objektive Betrachtung von oben, subjektiv überwiegt die Erinnerung an die schönen Seiten des Lebens, und so leuchten auch ein Unrechtsstaat und die früher verabscheuten Besatzer in anderem Licht.
Noch heller leuchtet der Westen, auch wenn er längst nicht mehr so helle ist. Und man sieht sich im Nachteil gegenüber Migranten aller Art. Mit dem eingeübten Ritual, nun endlich Reformen umzusetzen, die ja meist allenfalls Reförmchen sind, kommt man offenbar kaum weiter. Sondern wohl nur mit Politikern, die ein Gefühl von Aufgehobenheit und Zuversicht vermitteln können, Heimat eben.
