
Der Notizzettel mit der Autonummer ist für die Ermittlungen das entscheidende Puzzleteil. Das Kennzeichen hat die Polizei zu den drei Männern aus Nordmazedonien geführt, die einen 81 Jahre alten Mann in Biblis in Südhessen getötet haben sollen. So berichten es der Leiter der Mordkommission und ein weiterer Kriminalbeamter am Montag im Gerichtssaal in Darmstadt. Die Tochter des Opfers hatte ihren Vater im Februar 2025 an Händen und Füßen gefesselt sowie geknebelt tot in seiner Wohnung gefunden. Der Mann ist an dem Knebel erstickt, wie die Ermittlungen ergeben haben. Im Gerichtssaal wird ein Foto gezeigt, das die Polizei am Tatort aufgenommen hat. Es zeigt den alten Mann gefesselt auf einem Sofa sitzend.
Von einem Mieter des Opfers erfuhren die Ermittler, dass in dem Haus in Biblis, in dem auch der Vermieter lebte, drei neue Bewohner eingezogen waren, um in Deutschland zu arbeiten. Und dass der Vermieter ihre Autonummer notiert hatte, wie der 58 Jahre alte Leiter der Mordkommission berichtet. Anhand der Autonummer konnten die Ermittler den Reiseweg der drei Männer nachvollziehen, denn an der Grenze von Nordmazedonien wird genau festgehalten, wer aus- und einreist. Die Gruppe hatte das Land im Februar vergangenen Jahres verlassen und war drei Tage später zurückgekehrt. In der Zwischenzeit war ihr Vermieter in Biblis getötet worden.
Die Kriminalpolizisten haben auch Beweise dafür entdeckt, dass die drei Männer tatsächlich in dem Ort in Südhessen waren. Sie haben nämlich die Aufnahmen sämtlicher Überwachungskameras dort und in der Umgebung gesichtet – und Videos aus einer Spielhalle in Biblis nahe dem Tatort entdeckt, die eine Gruppe von drei Männern zeigen.
Anklage sieht Mord aus Habgier
Einer von ihnen sitzt nun als Angeklagter vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. Er war bei der Einreise nach Griechenland verhaftet worden. Der 35 Jahre alte Demirali Z., gibt zu, einer der Männer auf den Videobildern zu sein.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord aus Habgier vor, begangen mit Heimtücke. Der Anklage zufolge haben der Angeklagte und die beiden Mittäter ihren Vermieter beraubt, weil ihre Arbeitsaufnahme in Deutschland nicht zustande kam. Bei der Knebelung hätten sie seinen Tod billigend in Kauf genommen.
Am ersten Verhandlungstag vor drei Wochen hatte der Angeklagte angegeben, die beiden anderen Männer hätten die Arbeitsstelle in Deutschland und das Zimmer in Biblis organisiert. Am Tattag seien zuerst die beiden Freunde in die Wohnung des Vermieters gegangen. Als er später dazugekommen sei, sei einer der beiden gerade dabei gewesen, den alten Mann zu fesseln. Auf Aufforderung des Freundes hin habe er dabei geholfen, so die Einlassung des Angeklagten am ersten Prozesstag.
Am Montag, dem zweiten Prozesstag, möchte Demirali Z. noch einmal etwas dazu sagen. Nun behauptet er, er habe bei der Fesselung nicht mitgeholfen. Vielmehr habe er die beiden Kollegen entsetzt gefragt: „Was macht ihr mit dem Menschen?“ Der Angeklagte wischt sich immer wieder Tränen ab. Seine Worte gehen schließlich fast im Schluchzen unter, als er beteuert: „Bitte glauben Sie mir, ich habe nie etwas getan.“ Das seien die beiden anderen gewesen. Diese beiden Männer werden am Montagnachmittag per Videoverbindung in Nordmazedonien als Zeugen befragt. Beide streiten jede Beteiligung an der Tat ab.
Ebenfalls am Montag trägt ein Sachverständiger des Landeskriminalamts vor, der Blutspuren vom Tatort analysiert hat. Nach seinen Worten wurde die DNA des Angeklagten an einem Kissen nachgewiesen. Mit der Kordel an diesem Kissen waren die Hände des Opfers gefesselt worden. Der Prozess wird fortgesetzt.
