Nach monatelangem Üben bringt man ein Stück Musik auf die Bühne. Doch dabei zittern Hände und Knie. Ein Wirbelsturm fegt durch den Kopf und lässt einem das vertraute Stück so vorkommen, als begegne man ihm zum ersten Mal. Im schlimmsten Falle klingt es auch so, und die Zuhörer reagieren entsprechend.
Übermäßiges Lampenfieber ist ein häufiger Grund, warum auch begabte Musiker ihre Karriere vorzeitig beenden. Daneben gibt es Musiker, die kein Lampenfieber kennen und kategorisch behaupten, es sei nur ein Zeichen von mangelndem Können und schlechter Vorbereitung.
„Lampenfieber war über lange Zeit ein Tabuthema“, sagt Professor Christopher Brandt, konzertierender Gitarrist und Dekan des Fachbereichs Künstlerische Instrumentalausbildung an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK). Denn wer mag es schon zugeben, wenn er nicht ohne Alkohol oder Medikamente auftreten kann?
Beides sei insbesondere in Orchestern weit verbreitet, sagt Brandt. Obwohl jeder um langfristige Risiken der Gewöhnung, beeinträchtigte Motorik und depressive Verstimmungen weiß. „Doch gerade im Orchester ist man als Musiker in einer Situation, in der man keine Schwächen zeigen will“, sagt Brandt. Dass kulturelle Institutionen sich in einem ständigen Rechtfertigungsdruck befänden, verschärfe die Situation.
Zu hohe Anforderungen an sich selbst
Mittlerweile ist es Konsens, dass übermäßiges Lampenfieber insbesondere Menschen trifft, die sehr hohe Anforderungen an sich selbst stellen. Annabel Bücker, die an der HfMDK „Lehramt für Gymnasien“ mit dem Hauptfach Gesang studiert, fühlte sich in der Frühzeit ihres Studiums wie im Märchen „Der Hase und der Igel“: Wie der Hase habe sie beständig ihr Bestes gegeben. Aber ihre gewachsenen Ansprüche standen gleichsam vor der Tür zum Prüfungs- oder Konzertsaal und sorgten nicht eben für Unbekümmertheit mit ihrem Befund, sie habe noch immer nicht genug geübt und ihr Instrument, die Stimme, noch immer nicht genug weiterentwickelt.
Mittlerweile hat sie viele Techniken gelernt, um das Lampenfieber in den Griff zu bekommen. Besonders hilfreich fand sie ein Seminar an der Uni zur Stressbewältigung, in dem sie lernte, das archaische Flucht- oder Angriffsdilemma des Lampenfiebers bewusst umzudeuten und sich zu sagen: Wie schön, mein Körper versorgt mich mit genügend Adrenalin, ich habe Mut und Kraft zum Angriff! Und schon würde ihr Herzschlag ruhiger. Eine Restaufregung sei geblieben.
Es gibt auch „gutes“ Lampenfieber. Es stimuliert, sodass man vor Publikum noch ein bisschen besser ist als sonst. Schlimm wird Lampenfieber nur, wenn es die Leistung auf der Bühne blockiert oder zu körperlichen und seelischen Schäden führt. In solchen Fällen kann es sein, dass Musiker schon zehn Tage vor einem Konzert nicht mehr essen und schlafen können oder schließlich selber glauben, sie könnten es nicht.
Ängste aus frühester Kindheit
Für ähnliche Fälle unter ihren Schülern hatte Viviane Goergen bereits als Siebzehnjährige begonnen, nach Lösungen zu suchen und funktionierende zusammenzutragen. „Anfangs wurde ich belächelt. Doch Anfang der Zweitausenderjahre wurde quasi Satz für Satz wissenschaftlich bewiesen“, sagt die Pianistin, die jetzt in Bad Homburg lebt. „Es geht um eine Arbeit an sich selbst, um den Weg für ein freies Fließenlassen der Musik zu öffnen“, sagt sie. Zunächst über Inserate, dann über Flüsterpropaganda kamen von Lampenfieber geplagte Musiker zu ihr, um sich Hilfe zur Selbsthilfe zu holen.

In den Neunzigerjahren hatte Goergen in Rödermark ein Zentrum für Musik und konstruktives Denken gegründet. In der Corona-Zeit hat sie diese Räume aufgegeben, doch ihre Arbeit geht weiter. Etwa an Menschen, die sich, um die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen, von klein auf fragen mussten, wie sie bei anderen ankommen. „Die fragen sich das dann auch auf der Bühne, sind dann nicht mehr nur bei der Musik, und schon kommen Fehler. Aus Ängsten, die in frühester Kindheit angelegt werden“, sagt Viviane Goergen.
Der übliche Weg wäre eine Therapie. Doch dafür sei im Musikerleben oft keine Zeit. So hat sie eine Methode entwickelt, die auch dann noch greifen kann, wenn man übernächtigt, halb krank und übel gelaunt in einer fremden Stadt ankommt und in wenigen Stunden ein Konzert spielen muss.
Forschungsprojekt „Resilienz gegen Auftrittsangst“
Um das Lampenfieber-Phänomen systematisch zu erforschen, hat Christopher Brandt kürzlich an der HfMDK zusammen mit Kati Thieme, die an der Philipps-Universität Marburg Professorin für Neurowissenschaften und Klinische Psychologie ist, das Forschungsprojekt „Resilienz gegen Auftrittsangst“ ins Leben gerufen. In der Schmerztherapie arbeitet Thieme, die auch ausgebildete Musikerin ist, viel mit elektrischen Reizen, die mittelbar auch auf Stresshormone einwirken.

Thieme und Brandt bieten ein breites Spektrum an Methoden an, um Stress vor, während und nach einem Konzert zu reduzieren und dem Ziel näherzukommen, auf der Bühne pure Freude empfinden und vermitteln zu können. Intensiver Sport baut etwa überschüssiges Adrenalin ab. Yoga und Meditation bringen den Körper vor der Aufführung in den performativen Modus, der die kritische Instanz der Übephase außen vor lässt. In einer Studie zeigten die zusätzlich mit elektrischen Reizen behandelten Studierenden den höchsten Zuwachs an messbarer Leistung.
„Vor einem Konzert akzeptiere ich einfach, ziemlich nervös und oft traurig zu sein“, sagt Annie Jacobs-Perkins, Cellistin des Ensemble Modern. Sie ist mindestens einen Monat vorher gut genug darauf vorbereitet und hält sich vor Augen, was sie an anderen Interpreten liebt: „Mut und Verletzlichkeit. Beide brauchen, dass man auch ein bisschen Angst hat.“
