Donald Trump weiß um die Bedeutung von Namen auf Landkarten, Gebäuden und Straßenschildern. Mit großem Eifer hat er in seiner zweiten Amtszeit Orte und Einrichtungen umbenennen lassen, etwa den Golf von Mexiko, einen Berg in Alaska oder einen Militärstützpunkt. Auch seinen eigenen Namen hat er an verschiedenen Orten anbringen lassen, unter anderem am U.S. Institute of Peace in Washington und am Flughafen von Palm Beach.
Im Zollstreit mit dem nördlichen Nachbarn Kanada griff der amerikanische Präsident nun abermals auf die Landkarte zurück: Man ziehe „ernsthaft in Erwägung“, den Lake Ontario, der im Süden an den Bundesstaat New York grenzt, in „Lake America“ umzubenennen, drohte er. Schließlich sei nicht damit zu rechnen, dass die Vereinigten Staaten künftig noch viele Geschäfte mit der kanadischen Provinz machen würden.
Als „dummes Geschwätz“, bezeichnete New Yorks demokratische Gouverneurin Kathy Hochul den Vorstoß. „Viel heiße Luft“ sei das, sagte der Regierungschef der Provinz Ontario, Doug Ford. Aber ist es das wirklich? „Alle dachten, ich hätte nur einen Witz gemacht. Vielleicht war es aber gar keiner“, legte der US-Präsident nach.
„Trump ist sich mehr als jeder andere Präsident in der jüngeren Vergangenheit der Bedeutung und Macht von Namen zutiefst bewusst“, sagt der Geograph Derek Alderman im Gespräch mit der F.A.Z. Der Professor an der University of Tennessee, der zur Umbenennung von Ortsnamen forscht, sieht in der Drohung mit dem „Lake America“ deshalb keine bloße Verhandlungstaktik. Trump wisse sehr genau, „welche Macht darin liegt, Orte zu benennen oder umzubenennen“.
Alderman warnt deshalb davor, Trumps Drohungen als abwegig abzutun. Der Republikaner sei so sehr seiner America-First-Doktrin verpflichtet, dass er versuche, diese durchzusetzen. „Ich glaube, dass viele Menschen, Wissenschaftler, Politiker, Medienschaffende, manchmal in die Falle tappen und annehmen, dass das alles absurd ist. Sie gehen davon aus, dass es nur eine Inszenierung ist, nur ein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber was wir über Präsident Trump wissen, ist, dass er einige seiner Versprechen tatsächlich umsetzt, gerade wenn es um Umbenennungen geht.“
Trumps umstrittene Namensentscheidungen
Beispiele hierfür gibt es einige: Gleich am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit ließ Trump den Golf von Mexiko per Dekret in „Golf von Amerika“ umbenennen und erfüllte damit ein Wahlkampfversprechen. Als sich die Nachrichtenagentur AP der neuen Ortsbezeichnung verweigerte, entzog die Regierung ihr vorübergehend die Akkreditierung für das Weiße Haus. Google Maps zeigt das Meeresgebiet je nach Standort unterschiedlich an: In den USA heißt es „Golf von Amerika“, in Mexiko weiterhin „Golf von Mexiko“, und im übrigen Ausland werden beide Namen angezeigt, der neue in Klammern.
Noch am selben Tag verfügte Trump, den Berg Denali in Alaska wieder Mount McKinley zu nennen. Präsident Barack Obama hatte den Berg 2015 in Denali umbenannt und gab dem Berg damit den historischen Namen, den die indigenen Bewohner Alaskas geprägt hatten und den viele Einwohner bevorzugten. Trump begründete die Rückbenennung damit, William McKinley, den 25. Präsidenten der Vereinigten Staaten, als einen „großartigen Präsidenten“ ehren zu wollen.

Für Aufregung sorgte auch die Rückbenennung des Militärstützpunkts Fort Liberty in North Carolina. Er hieß ursprünglich Fort Bragg, nach dem konföderierten General Braxton Bragg. 2023 wurde er auf Initiative des Kongresses in Fort Liberty umbenannt, Trump machte die Entscheidung rückgängig. Seit Februar trägt der Stützpunkt wieder den Namen Fort Bragg – angeblich zu Ehren des im Zweiten Weltkrieg ausgezeichneten Soldaten Roland Bragg.
Und erst vor Kurzem kündigte Trump an, die Straße von Hormus zu amerikanischem Territorium erklären zu wollen. Auf Truth Social veröffentlichte er dazu eine Karte von der Meerenge, die mit den Worten „US Territory“ überschrieben war. Öffentliche Ankündigungen möglicher Gebietsansprüche sind ein wiederkehrendes Element von Trumps Außenpolitik.
Kanada müsste „Lake America“ nicht übernehmen
Ortsnamen wirkten „vielleicht wie bloße Beschriftungen auf einer Karte. Aber sie sind auch ein wichtiger Teil kultureller Identität. Die Menschen verbinden mit diesen Namen ihre Gefühle, ihre Geschichte und ihre Erinnerungen“, sagt Professor Alderman. Trump wisse sehr genau, wie wichtig diese Namen für die Identität der Menschen seien. Wenn der amerikanische Präsident damit drohe, den Lake Ontario umzubenennen, verschärfe er nicht nur den Handelsstreit, sondern treffe „die Kanadier damit mitten ins Herz“.
Der Name des Ontariosees geht auf indigene Begriffe für das Gewässer zurück und entstand lange vor der Gründung der beiden heutigen Staaten. Der See ist einer der fünf Großen Seen Nordamerikas, zusammen bilden sie das größte Süßwassersystem der Welt.
Zwischen den USA und Kanada besteht seit 1989 ein Abkommen zur Koordinierung der Namen geographischer Objekte, die von beiden Ländern gemeinsam genutzt werden. Darin wird betont, wie wichtig es ist, dass beide Seiten für dasselbe geographische Objekt denselben Namen verwenden, „soweit dies kulturell akzeptabel ist“. Zudem gilt es als „höchst wünschenswert, etablierte offizielle Namen beizubehalten“.

Eine Namensänderung kann dem Abkommen zufolge dennoch in Betracht gezogen werden, „um eine Übereinstimmung mit einer starken lokalen Verwendung oder dem Wunsch der Bevölkerung herzustellen, oder auf besonderen Antrag mit starken, konkreten Gründen“.
Wenn Trump seine Drohung wahr macht, könnte er die ihm unterstehenden Behörden anweisen, den Ontariosee als „Lake America“ zu bezeichnen. Andere Länder aber kann er nicht dazu verpflichten, diese Änderung zu übernehmen.
„Es geht darum, was Kinder über die Welt lernen“
Dass ein Land einen Ort oder ein geographisches Gebiet umbenennt, sei an sich nicht ungewöhnlich, erklärt Alderman. Normalerweise beruhten Umbenennungen aber „auf Vorschlägen, die geprüft und öffentlich diskutiert werden“. Eine solche Namensentscheidung geschehe „nicht einfach vom Schreibtisch eines gewählten Regierungschefs“ aus.
Namensänderungen habe es in den USA schon viele gegeben, etwa bei diskriminierenden Ortsbezeichnungen. „In vielen Fällen wurden die Namen dann geändert, entfernt und durch andere ersetzt.“
Vor allem über die Folgen dieser Entscheidungen müsse man sich Gedanken machen, sagt Alderman. Neben den finanziellen Kosten für Änderungen an Schildern, in Dokumenten und Datenbanken gelte es vor allem, die langfristigen Folgen zu bedenken: „Es geht darum, was Kinder über die Welt lernen. Eine solche Umbenennung kann ihr Weltbild prägen und ihre Bildung über lange Zeit beeinflussen, weit über die derzeitige politische Ära hinaus.“
Den Ontariosee hätten die Menschen über „sehr, sehr viele Generationen hinweg“ so bezeichnet. Der Name sei ein Beispiel für eine von den indigenen Völkern Kanadas stammende Bezeichnung. Mit einer Umbenennung gehe es letztlich auch darum, „ein Zeichen indigener Kultur und Geschichte zu entfernen und auszulöschen“.
