Wie alles andere kommt in
Cannes auch das Jury-Dinner zu Festivalbeginn mit schöner Dekadenz daher. Seit
Jahrzehnten ehrt man im prächtigen Hotel Martinez die Jury-Präsidenten mit
einer ausgeklügelten Speisefolge, in diesem Jahr den südkoreanischen Regisseur
Park Chan-wook.
In den Klatschspalten der
Regionalzeitung Nice Matin ist zu lesen, dass sich hinter dem Hauptgericht
Old Boy gegrillter Pulpo
verbirgt und als Hommage an Parks Chan-wooks
gleichnamigen Film zu verstehen ist. Darin verschlingt der Protagonist
nach jahrzehntelanger Einzelhaft gierig einen lebenden Tintenfisch. Wie könnte
man je die sich im Mundwinkel ringelnden Tentakel vergessen? Beim Nachtisch wiederum
ließ man sich von Parks Vampirfilm Durst inspirieren, mit regionalen
roten Früchten. Der Name des zuliefernden Restaurants: »Palme d’Or«.
Neben Park Chan-wook gehören
zur diesjährigen Cannes-Jury unter anderem die Schauspielerin Demi Moore, ihr
Kollege Stellan Skarsgård, die Regisseurin Chloé Zhao (Nomadland, Hamnet)
und Paul Laverty, langjähriger Drehbuchautor des Regisseurs Ken Loach. Gemeinsam werden sie in den
kommenden elf Tagen 22 Wettbewerbsfilme sehen.
Bei der Abschlussgala, davon
kann man ausgehen, wird der Regieexzentriker Park Chan-wook keine halben Sachen
machen und den Film eines anderen obsessiven Bilderfinders auszeichnen. Etwa Bittere
Weihnachten von Pedro Almodóvar, der zum siebten Mal im Wettbewerb dabei ist
und für sein Kino der Spiegelungen und sprechenden Farben hier schon einige Preise
gewonnen hat, aber noch nie die Goldene Palme. Oder Pawel Pawlikowski, Meister der tiefenscharfen
Schwarzweißbilder, der Hanns Zischler und Sandra Hüller in Vaterland als
Thomas und Erika Mann durch Nachkriegsdeutschland schickt. Oder auch die deutsche Regisseurin Valeska
Griesebach (Sehnsucht, Western). Wird sie in ihrem
Wettbewerbsfilm Das geträumte Abenteuer ihre ureigenen Bilder für
unausgesprochene Sehnsüchte finden?
Angesichts solcher Filme und
Gäste wundert man sich, dass das wichtigste Kinofestival der Welt mit einem wirklich
plumpen Liebesdrama beginnt. Seit 30 Jahren dreht der französische
Regisseur Pierre Salvadori Tragikomödien über Glückssucher und Verlierer in
prekären Verhältnissen. In seinem außer Konkurrenz laufenden Eröffnungsfilm Vénus
Electrique hat er sein Personal in einen Jahrmarkt der 1920-er Jahre
versetzt.
Das Kino kommt vom Jahrmarkt,
und so erzählt es hier auch von sich selbst als Illusionsmaschine. Es geht um
eine junge Schaustellerin, die sich gegenüber einem Maler als Medium ausgibt
und bei gemeinsamen Séancen dessen verstorbene Geliebte imitiert. Also geht es
auch um Rollen und Repräsentation, um die billige Show, an die wir alle so
gerne glauben würden. Phantastische Schauspieler und Schauspielerinnen (Gilles
Lelouch, Anais Demoustier) spielen sich zu faden Drehbuchsätzen die Seele aus
dem Leib, rumpumpelige Walzer versuchen die doppelt und dreifach erzählte Geschichte
zusammenzuhalten. Das Beste, was man über La Vénus Électrique sagen kann,
ist, dass ein Festival ja irgendwie anfangen muss, um loszugehen.
Die Eröffnungsgala immerhin lässt sich nicht lumpen. Der Jury-Präsident Park Chan-wook hält eine Rede auf
Koreanisch, die wegen technischer Probleme nicht übersetzt werden kann, aber sehr
sympathisch klingt. Der Herr-der-Ringe-Regisseur Peter Jackson bekommt die
Goldene Ehrenpalme und hält eine Dankesrede, die wegen seines genuschelten New
Zealand-English ebenfalls so gut wie niemand versteht.
Offiziell eröffnet wird das
Festival schließlich von den Schauspielerinnen Gong-Li und Jane Fonda. Gong-Li, Star der Filme des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou, spricht poetisch (»Ich stehe hier für den Osten, sie für den
Westen, und das kann nur Cannes«), Jane Fonda gibt sich widerständig und
appelliert an die Kraft der freien Rede (»die wir in diesen Zeiten besonders
auf der Straße brauchen«).
Jane Fonda, Tochter von Henry
und Schwester von Peter Fonda, spielte 1971 in Alan J. Pakulas Film Klute
auf berührende Weise eine Prostituierte, die in die Fänge eines skrupellosen
US-amerikanischen Staatsapparates gerät. Als Aktivistin wurde sie wegen ihrer
Kontakte zu Bürgerrechtsbewegungen und den Black Panther ab Ende der 1960er
Jahre vom FBI bespitzelt, die Abhörprotokolle umfassen mehrere Tausend Seiten.
Dieser Schauspielerin, die
auf und jenseits der Leinwand in amerikanische Abgründe geblickt hat, nimmt man
ab, wenn sie in Cannes, auf der Bühne des Palais des Festivals, den Mut und die
Wut des Geschichtenerzählens beschwört. Es ist ein Auftritt, es ist Kino und
bestimmt auch eine Show. Aber wir brauchen sie.
