In den sozialen Medien dauert ein Staatsstreich nur wenige Minuten. Es reicht schon ein strenger Blick, eine Geste in Richtung des Trainers oder eine etwas zu bestimmte Anweisung an die Mitspieler – und schon wird ein Fußballer zum neuen Alleinherrscher erhoben.
Kylian Mbappé regiert das Internet bereits seit einiger Zeit mit eiserner Faust. Unter den Stichworten „Diktator Mbappé“ oder „General Mbappé“ finden sich Tausende von KI-generierten Inhalten, die den Kapitän der französischen Nationalmannschaft in Militäruniform zeigen, als Mao Zedong oder Josef Stalin, und alle das gleiche Bild zeichnen: Mbappé als Anführer eines Fußballstaates, in dem es keine Opposition, keine Mitsprache und auch keine demokratischen Entscheidungen gibt.
Als Beweismaterial für Mbappés angeblichen Autoritarismus dienen Videos, in denen er Stadionmitarbeitern, Mitspielern oder Schiedsrichtern sagt, was sie zu tun haben. Ihren Ursprung haben die Memes aber noch etwas früher, im März 2024: Mbappé hatte einen Ladenbesitzer verklagt, weil dieser seinen Döner mit den Worten bewarb, das Brot sei „so rund wie Mbappés Schädel“. Für jemanden, dem ohnehin eine gewisse Empfindlichkeit nachgesagt wird, war es vielleicht nicht allzu geschickt, wegen eines Witzes gleich die eigenen Anwälte loszuschicken …
Folgt man der Meme-Logik, diktiert Mbappé seinem Trainer Didier Deschamps die Taktik, bestimmt, welche Spieler aufgestellt werden und welche nicht, und entscheidet wahrscheinlich auch, wann im Teamhotel das Licht ausgeht. Das führte so weit, dass sich Deschamps nach Frankreichs Sieg gegen Marokko zu einer Klarstellung gezwungen sah: „Viele halten ihn für eine Art Diktator, der nur an sich selbst denkt“, sagte Deschamps, „aber er ist ein vorbildlicher Kapitän, und das beweist er durch seine Leistungen auf dem Platz.“ Das muss man sich einmal vorstellen: Da sitzt ein Trainer, der gerade ins WM-Halbfinale eingezogen ist, und muss die Gewaltenteilung in der Kabine erklären.
Diktatorenvergleich auch außerhalb des Netzes
Die sozialen Medien leben von Übertreibung. Mbappés Ruf ist allerdings auch nicht komplett aus der Luft gegriffen: In Paris wurde ihm eine Sonnenkönig-Mentalität nachgesagt. In Madrid soll er seine Mitspieler angewiesen haben, nach dem verlorenen Supercopa-Finale kein Ehrenspalier für den Sieger zu bilden. Dass Paris Saint-Germain erst nach Mbappés Abgang die Champions League gewann und Real Madrid mit ihm nicht mehr über das Viertelfinale hinauskam, tat sein Übriges.
Das mögen alles nur Zufälle sein, aber das Bild von Mbappé, der seine Mannschaften eher beherrscht als beflügelt, hat die virtuelle Welt längst verlassen. In einem Video aus dem Flugzeug, das der französische Fußballverband selbst gepostet hat, hört man einen Mitspieler im Spaß nach „Mobutu“ rufen. Der Spitzname geht auf Mobutu Sese Seko zurück, den Diktator von Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, der für seine blutige Unterdrückung politischer Gegner bekannt war. Bei den Spielen gegen Senegal und Norwegen kamen Fans sogar mit Plakaten ins Stadion, auf denen Mbappé als Mobutu dargestellt wurde.
Keine Frage, die Vergleiche sind für jeden, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, mindestens befremdlich, aber die sozialen Medien hatten noch nie einen Sinn für Verhältnismäßigkeit. Mbappé scheint sich mit den Memes arrangiert zu haben. Und solange seine tatsächliche Macht nur darin besteht, Tore zu schießen und Spiele zu entscheiden, kann Frankreich mit dieser Form der Diktatur vermutlich auch ganz gut leben.
