
Im Spielfilmklassiker „Moderne Zeiten“ führt Regisseur und Hauptdarsteller Charlie Chaplin die Automatisierung in der Industrie ad absurdum. Er verarbeitet darin Wahrnehmungen der Großen Depression, die mit der Weltwirtschaftskrise 1929 begann. Die modernen Zeiten, wie sie Chaplin skizziert, zeichnen sich durch eine Entfremdung des Menschen von den Maschinen aus, die er braucht, um zu produzieren, was er nicht brauche.
Das Effizienzstreben geht so weit, dass sein Alter Ego Charlie als Testperson für einen Automaten ausgewählt wird, der ihn füttert, um Zeit zu sparen. Leider läuft das Gerät bald aus dem Ruder. Wichtigste Inspiration für den Filmemacher sei ein Gespräch mit einem jungen Reporter gewesen, zitiert ihn der Filmjournalist Christoph Hartung wörtlich: „Er erzählte mir vom Fließbandsystem, das in Detroit in den Fabriken angewendet wurde. Es war eine erschütternde Geschichte, wie die Großindustrie gesunde junge Männer aus der Landwirtschaft abwarb, die nach vier oder fünf Jahren am Fließband geistig und körperlich zusammenbrachen.“
Auf diesen Film und die Szene des Fütterautomaten beruft sich auch der Nobel-Gedächtnispreisträger für Ökonomie, Robert Shiller, in seinem Buch „Narrative Economics. How Stories Go Viral & Drive Major Economic Events“. Es ist kurz vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019 erschienen. Chaplins Meisterwerk habe eine starke Erzählung aus der Großen Depression geschaffen, die bis heute nachwirke und ein Grundverständnis des technischen Fortschritts transportiere. „Es ist kein Zufall, dass diese Geschichte ansteckend war in einer Zeit hoher Aufmerksamkeit für arbeitssparende Maschinen“, schreibt Shiller.
Blind für den echten Mechanismus des ökonomischen Wandels
An anderer Stelle geht der Wirtschaftswissenschaftler der Yale-Universität auf ein übersehenes Detail ein. Im Jahr 1930 hat der US-Senat in Washington D.C. Telefone mit Wählscheiben eingeführt. Doch damals war die Arbeitslosigkeit stark gestiegen, die Einführung bedeutete für Telefonisten, dass sie ihre Stelle verlieren würden. Senator Carter Glass nahm sich ihrer an und übersetzte die verbreitete Erzählung der Zeit, Technik ersetze Menschen, in eine politische Resolution.
Es sind ungewöhnliche Beispiele für das Buch eines Ökonomen. Doch Shillers Buch ist voll von solchen Erzählungen, die manchmal wabern, bevor die sozialen Umstände danach sind, dass sie ansteckend werden, viral gehen und Politik beeinflussen. Solche Narrative müssten stärker in die ökonomische Theorie einbezogen werden. „Andererseits bleiben wir blind für einen sehr echten, sehr spürbaren, sehr wichtigen Mechanismus des ökonomischen Wandels wie für ein Schlüsselelement ökonomischer Vorhersagen.“
Er plädiert dafür, die Verbreitung argumentativer Muster zu studieren. Sie verrieten mehr über die Entwicklung als ökonomische Fundamentaldaten, für die es nicht immer eine plausible Erklärung gebe. Populäre Geschichten veränderten sich über die Zeit und beeinflussten ökonomische Resultate, also auch Rezessionen und Depressionen, den Anstieg und Fall von Immobilienpreisen und Börsenkursen. Dabei arbeitet er nicht mit Modellen, sondern argumentiert häufig auf Basis von Google-Ngrams-Statistiken, die zeigen, wie häufig Begriffe überliefert sind.
Mit der Wahrheit hat die Ansteckungsrate wenig zu tun
In seinem Buch analysiert er die Wirkung von „Wir gegen die“-Geschichten. Immer wieder erwähnt er auch kleine augenöffnende Episoden. Die Idee des Rollkoffers, der den Transport auf Reisen vereinfacht, sei seit 1887 mindestens zwei weitere Male (1932 und 1972) auf den Markt gebracht worden. Erst als der Northwest-Pilot Robert Plath ihn in den Neunzigerjahren noch einmal erfand und zum begehrenswerten Objekt machte, kam der Durchbruch. „Die Epidemie wurde befeuert, als Flugcrews die Rollaboards annahmen und Passagiere sahen, wie diese glamourös aussehenden Menschen mit ihnen durch Flughäfen liefen.“
Doch es geht Shiller in seinem Narrativ-Buch nicht um geschicktes Marketing, sondern um Geschichten, Songs, Witze, die ansteckend werden, sobald die Zeit dafür ist. Der Wahrheitsgehalt ist unerheblich. „Letztlich hängt die Ansteckungsrate einer Geschichte nicht von der zugrunde liegenden Wahrheit ab“, schreibt er. „Eine ansteckende Geschichte ist eine, die schnell die Aufmerksamkeit erwischt und einen Eindruck auf eine weitere Person macht, egal ob sie wahr ist oder nicht.“
Zwei Kapitel seiner Arbeit widmet Shiller dem Themenkomplex von Maschinen, Automatisierungstechniken und Künstlicher Intelligenz, die menschliche Arbeit ersetzen. Niemand könne die Effekte auf die Lebensgrundlage und Arbeit in der Zukunft vorhersagen: „Aber die Narrative selbst haben das Potential, verstärkte wirtschaftliche Booms anzutreiben, wie auch die öffentliche Politik.“
Der Einfluss der Popkultur
Schon 800 Jahre vor Christus habe der Schriftsteller Homer in der „Ilias“ den Begriff „automatisch“ für ein selbstnavigierendes Gefährt verwendet. 400 Jahre später erwähnt der Philosoph Aristoteles die Möglichkeit, dass Maschinen Menschen ersetzen könnten. Über die Jahrhunderte tauchen solche Gedanken immer wieder auf. In den Depressionen der 1870er-Jahre findet Shiller viele Nachweise dafür, dass arbeitssparende Technik stark ins öffentliche Bewusstsein geraten ist. Schon 1879 tauchte eine Gegenerzählung auf: Technischer Fortschritt führe nicht zu weniger, sondern zu mehr Arbeitsplätzen.
In Jahren ökonomischer Prosperität verfange diese Erzählung stärker als in schwierigeren Zeiten. Häufig griffen Lobbygruppen und Arbeitnehmervertretungen solche Geschichten auf. Shiller zitiert John C. Chase, den Bürgermeister von Haverhill, Massachusetts, der diesen 1899 in der Debatte über die Macht von Kartellen beisprang. Ein Kartell sei eine arbeitsschützende Maschine, sagte dieser damals.
Inmitten der Depression von 1920 machte das tschechische Drama „Rossumovi Univerzální Roboti“ die Idee mechanischer menschenähnlicher Maschinen auf der Welt bekannt. „Um ansteckender zu werden, könnte die Idee eines Roboters noch weitere Entwicklung durch kreative Menschen gebraucht haben“, schreibt Shiller. Das geschah ab den Siebzigerjahren, als die Star-Wars-Reihe, die Filme „Blade Runner“ und „Terminator“ die Idee popularisierten.
Auch die Nazis wollten den Ersatz von Menschen verbieten
Zwischenzeitlich kam Ende der Dreißigerjahre die Idee einer technologischen Depression auf. Mit der Großen Depression gab es einen scheinbaren Anwendungsfall dafür. Nun vermischte sich eine negative Erzählung mit realer Angst. Zeitungen füllten sich mit Artikeln über Innovationen, die Arbeitsplätze ersetzen. Dies dürfte zu gleichen Teilen Folge der realen Veränderungen wie der gewachsenen Sorge gewesen sein.
Dabei konnten Ökonomen einen behaupteten „Unterkonsum“ nie empirisch nachweisen, obwohl er vielen als Erklärung der Depression diente. Auch wachsende Skepsis gegenüber Migration geht auf diese Erklärung zurück. Geadelt wurde diese Geschichte durch Autoritäten anderer Fachrichtungen. So sagte der Physiker Albert Einstein im Jahr 1933: „Die Verbesserungen im Produktionsapparat durch technische Erfindung und Organisation haben den Bedarf an menschlicher Arbeit verringert.“ Und auch anderswo verfing die Geschichte: Die deutschen Nationalsozialisten traten mit dem Versprechen an, den Ersatz von Menschen durch Maschinen zu verbieten.
Vier Phasen (1960er-, 1980er-, 1990er- und 2010er-Jahre) unterscheidet Shiller, in denen die Geschichte der Automatisierung wieder ansteckend wurde. „Jedes Mal hat das Narrativ suggeriert, die Welt erreiche nun den beängstigenden Wendepunkt, an dem die Maschinen übernehmen“, schreibt er. Das aber habe sich am Arbeitsmarkt nicht gezeigt. Nach und nach wandelte sich das Bild von der ersetzten Muskelkraft zum ersetzten menschlichen Hirn.
Der renommierte Yale-Ökonom beansprucht nicht die Deutungshoheit über den Verlauf des Diskurses. Aber er zeigt an Beispielen, dass sich Rezessionen durch dominante Narrative verschärft haben – so etwa Anfang der Achtzigerjahre. Umgekehrt habe die Euphorie um das Internet so viele Geschichten vermeintlich revolutionärer Geschäftserfolge kreiert, dass dies in den Crash des Neuen Marktes Anfang der 2000er-Jahre mündete. Kurz: In guten Zeiten sprechen Menschen viel über Chancen, in schlechten Zeiten über Risiken. Die Konjunktur verschärft sich.
Als nächste Großgeschichte, die epidemisch werden könnte, sieht er den überflüssig werdenden Menschen, weil KI mehr könne. Auch sie habe einen erheblichen politischen Einfluss. So gewinne seit Jahren ein Konzept aus den Dreißigerjahren an Popularität: das bedingungslose Grundeinkommen, für das ein behauptetes Ende menschlicher Arbeit ein wesentlicher Grund ist.
Bücher wie Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hätten den Begriff „digitale Spaltung“ bekannt gemacht, der zwischenzeitlich viral gegangen sei, schreibt Shiller. Ideen, wie wahrgenommene ökonomische Herausforderungen zu lösen sind, würden stark geprägt von Narrativen, die sich verbreiten. Einige wesentliche Diskurse hat er genauer nachgezeichnet. Ein Instrumentarium, um ihre Wirkung zu quantifizieren, haben einige Ökonomen nach seinem Vorbild zu schaffen versucht. Ob aber prognostische Modelle möglich sind, darf durch die unvorhersehbare Natur von Narrativen bezweifelt werden.
