Es ist kein Slum im engeren Sinne, aus dem Kunal Shah stammt. Aber das neun Quadratmeter große Zimmer im „Chawl“, einem der typischen mehrstöckigen Mietshäuser für Mumbais Unterschicht, in das der Teenager mit seiner vierköpfigen Familie im Süden der indischen Wirtschaftsmetropole zog, war von einem Elendsquartier nicht weit entfernt.
Der Vater hatte mit seinem Arzneimittelhandel eine Pleite hingelegt, die Familie saß auf einem Schuldenberg. Der junge Kunal versuchte, auf alle möglichen Arten Geld zu verdienen. Er verkaufte Hennapaste, mit der sich Frauen Muster auf ihre Hände und Füße malten. Er verhökerte raubkopierte Software auf CDs. Er gab Nachhilfe. Er tippte Zahlen und Wörter aus Papiertabellen in Excel-Tabellen am Computer im Auftrag großer Unternehmen. Auf seinem Honda-Motorrad fuhr er Essen aus.
Das war vor dreißig Jahren und zu einer Zeit, in der Mumbai noch Bombay hieß. Shah hatte so wenig Geld, dass an der Tankstelle nur Benzin für fünf Rupien drin war, was zehn Pfennig entsprach. Doch er hatte sich einen Trick überlegt. Er sei nicht arm, sagt Shah dem Tankwart, die Honda gehe vielmehr zum Überholen in die Werkstatt, deshalb reichten die paar Tropfen Sprit. Da hatte der Tankwart Mitleid. „Er füllte mir heimlich immer ein wenig mehr in den Tank.“
Kunal Shah ist heute 47 Jahre alt. Die Geschichte vom barmherzigen Tankwart hat er schon oft erzählt. Vermutlich hat sie auch Mark Zuckerberg zu hören bekommen, als dessen Meta-Konzern einen neuen Chef für Whatsapp gesucht hat, den Messengerdienst mit weltweit über drei Milliarden Nutzern. Die tippen Nachrichten oder rufen in aller Welt andere Whatsapp-Nutzer an, kostenlos. Die Reichweite des Dienstes ist riesig, doch weil dort anders als auf dem Meta-Dienst Facebook kaum Werbung läuft, tut sich Zuckerbergs Konzern schwer damit, mit Whatsapp Geld zu verdienen.
In Indien hat jeder Slumbewohner ein Smartphone
Bei der Frage, wer das ändern könnte, tauchte in der Meta-Zentrale im Silicon Valley Kunal Shahs Name auf. In China sind Metas Dienste gesperrt. Der größte Markt für den Konzern ist Indien, das bevölkerungsreichste Land der Erde, in dem heute selbst jeder Slumbewohner ein Smartphone hat. Auf diesem Markt hat sich Shah als Start-up-Unternehmer einen Namen gemacht. Eine Plattform, auf der die Inder Guthaben auf ihre Smartphones laden konnten und dafür McDonalds-Gutscheine bekamen, hat er für 450 Millionen Dollar verkauft.
Shahs Fintech-App mit Namen Cred, auf der gut betuchte Inder ihre Kreditkartenrechnungen bezahlen konnten und dafür Gutscheine etwa von Amazon erhielten, hatte zeitweilig einen Wert von 4,5 Milliarden Dollar. Zuckerberg war beeindruckt. Meta kündigte an, 900 Millionen Dollar in Cred zu investieren, und machte Shah, der bis zum 24. Lebensjahr nach eigener Aussage kaum ein Wort Englisch gesprochen hatte, zum Vorstandschef von Whatsapp.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Chefs von amerikanischen Techgiganten mit indischen Wurzeln gibt es viele: Sundar Pichai stammt aus Tamil Nadu und leitet heute den Google-Konzern Alphabet. Satya Nadella aus Hyderabad steht Microsoft vor. Aus derselben Stadt in Südindien stammt auch Shantanu Narayen von Adobe. Arvind Krishna aus Andhra Pradesh ist CEO von IBM. Sie haben alle in den USA studiert. Viele haben ihre ersten akademischen Schritte in Indien gemacht, doch für den Master oder die Promotion haben sie sich ihren amerikanischen Traum erfüllt und sind an eine der mehr oder weniger bekannten Hochschulen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gegangen. Dort wurden die Talente nach ihrem Ingenieurs- oder Management-Abschluss von einem der großen Unternehmen rekrutiert und erlebten fortan ihre gesamte berufliche Sozialisation in Amerikas Tech-Welt.
Kunal Shah nicht. Der neue Whatsapp-Chef hat sein gesamtes Leben in Indien verbracht. Weil es das einzige Studienfach war, dessen Stundenplan genug Zeit ließ, auf der Honda Waren auszuliefern und im Großraumbüro Daten zu digitalisieren, schrieb sich Shah am traditionsreichen staatlichen Mumbaier Wilson-College für Philosophie ein. Nach dem Bachelor fing er ein MBA-Studium an der ebenfalls in der Stadt befindlichen privaten NMIMS-Universität an. Das brach er jedoch ab, weil es ihm zu langsam voranging.
Der Philosophenkönig unter den Gründern
Auf die Studentenproteste, die in der vergangenen Woche Indien erschütterten und am Sonntag zum Rücktritt des Bildungsministers geführt haben, dürfte Shah seinen eigenen Blick haben. Allein in der Hauptstadt Neu Delhi hatten Zehntausende junge Menschen gegen die Regierung demonstriert, die es einfach nicht in den Griff bekommt, dass bei den großen, nationalen Aufnahmeprüfungen wieder und wieder vorab die Fragen an gut zahlende Prüfkandidaten durchgestochen werden.
Dass für viele junge Inder die Prüfungen zur Aufnahme ins Medizinstudium oder in den öffentlichen Dienst heutzutage oft der einzige Weg zu einem besseren Leben sind, hat Shah oft kritisiert. „Wir vergeuden unsere Zeit in den Nachhilfeschulen für all diese bekloppten Prüfungen“, hat er gesagt. Die Lernlogik des indischen Hochschulwesens sei ein Hindernis für Unternehmertum.

Doch das bedeutet noch lange nicht, dass der Multimillionär Shah ein Gegner von Indiens Regierung wäre. Dass der Staat unter Ministerpräsident Narendra Modi eine digitale Infrastruktur vorangetrieben hat, die unter dem Namen „India Stack“ jedem Inder eine digitale Identität gegeben hat, in deren Folge nun selbst Slumbewohner ihren Reis mit dem Smartphone bezahlen und die Ladenbesitzer von der Bank einen Kleinkredit erhalten können, findet er toll.
Weil er das Grundstudium in Philosophie absolviert hat und bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Youtube und anderen Kanälen über Gott und die Welt spricht, wird Shah oft als der Philosophenkönig unter den Internet-Mächtigen porträtiert. Doch bereits ein Blick auf die Liste seiner Lieblingsbücher, die von Yuval Noah Harari über Nassim Taleb und Daniel Kahneman bis zu Peter Thiel alle gefeierten Hauspropheten des Silicon Valley enthält, lässt die Ahnung aufkommen, warum Mark Zuckerberg dem Vielredner aus Mumbai vertraut.
Shah wohnt nicht im Ashram, sondern auf knapp 500 Quadratmetern im 42. Stock des Omkar 1973, einer bis zu 267 Meter hohen Luxuswohnanlage, die aus drei neofuturistischen Türmen besteht. Entworfen hat das Gebäude das Londoner Architekturbüro von Norman Foster, der auch die neue Konzernzentrale von Apple im kalifornischen Cupertino gebaut hat. Die Wohnung in bester Lage im Edelviertel Worli mit Blick aufs Arabische Meer hat umgerechnet fast fünf Millionen Euro gekostet.
Reden statt Umsatz machen
Shah ist der Ansicht, dass sich das jeder Inder leisten könnte, wenn er sich anstrengt. Dass sich viele im Land auf Eltern und Staat verlassen, nervt den umtriebigen Unternehmer. Zeit werde in Indien nicht als knappe Ressource behandelt, schilt Shah die indische Jugend, die sich angesichts von 40 Prozent Arbeitslosigkeit bei den unter Fünfundzwanzigjährigen zunehmend dem Chillen hingibt. Eigenverantwortung hält Shah dem entgegen: „Seht euch selbst als Aktie.“ Wie schnell steigt der Kurs? Wenn es zu langsam nach oben geht: einfach die nächste Wachstumsrakete zünden. „Niemand außer euch selbst wird euch helfen.“
Shah hat es schließlich vorgemacht. Mit 30 Jahren gründete er sein erstes Unternehmen mit Namen Paisaback, das er nach wenigen Jahren unter dem Namen Freecharge 2015 verkaufte – ohne dass an dem Deal irgendwelche Investmentbanker beteiligt gewesen wären. Das Portal hatte 20 Millionen Nutzer, machte aber Verlust. Als das ebenfalls indische Techunternehmen Snapdeal Freecharge gerade mal zwei Jahre nach dem Kauf wieder abstieß, erhielten die Amerikaner nur noch 60 Millionen Dollar, fast 90 Prozent weniger, als sie zuvor dafür bezahlt hatten.
Shahs jüngstes Start-up, das Besserverdienenden-Portal Cred, hat Hunderte Millionen Dollar verbrannt, aber seinen Kritikern bisher nicht klarmachen können, wie es irgendwann Geld verdient. Es gibt Menschen, die sagen, der Mumbaier Philosophenkönig könne besser reden als Umsatz machen. Doch Zuckerberg hat Shah überzeugt.
Wie macht man drei Milliarden Nutzer zu Geld?
Der Facebook-Gründer will, dass der Inder Whatsapp zur Super-App umbaut. Unternehmen sollen künftig mehr dafür zahlen, über den Messengerdienst mit Kunden zu kommunizieren. Schwieriger dürfte es für Shah sein, aus dem Programm, mit dem bisher relativ anonyme Nutzer chatten, einen Ort zu machen, auf dem sie auch einkaufen und Rechnungen bezahlen. Schließlich ist Whatsapp gerade deshalb beliebt, weil es simpel gehalten ist und keine Nutzerdaten erhebt wie das verrufene Facebook. Einfachheit und Vertrauen seien wichtige Prinzipien, sagt Shah. Er weiß, dass er Whatsapp nicht hemmungslos mit Werbung vollstopfen und die Nutzer zur effizienteren Monetarisierung ausspionieren kann.
Doch irgendwie Kapital schlagen aus den drei Milliarden Whatsapp-Kunden sollte der zum Angestellten gewandelte Unternehmer schon, sonst dürfte er seinen Job bald los sein. Dass Shah in der Vergangenheit gemosert hat, die Inder verbrächten zu viel Zeit auf Social Media, scrollten sich dumm und verschwendeten ihre Zeit damit, auf Instagram an ihrem Ruf zu feilen, bevor sie überhaupt etwas geleistet hätten: all diese Kritik dürfte bei der Tätigkeit für den neuen Arbeitgeber fortan keine Rolle mehr spielen. Schließlich gehört Instagram ebenfalls zu Meta. „Doomscrolling“, das exzessive, zwanghafte Konsumieren negativer Nachrichten im Netz, sowie die sekundenschnelle Beglückung durch sinnfreie Videoschnipsel (Reels) stellen nichts anderes dar als Metas extrem lukratives Geschäftsmodell.
Denkbar ist, dass die Konzerndienste Facebook, Instagram und Whatsapp künftig über ein einheitliches Konto geöffnet werden. Das ermöglicht eine schärfere Personalisierung der Anzeigen, die dann auf allen drei Plattformen ausgespielt werden könnten. Geschätzt zehn Milliarden Dollar erzielt Whatsapp Berichten zufolge derzeit im Jahr. Bereits in einem Jahr sollen es fünf Milliarden Dollar mehr an Erlösen sein.
Konflikt mit den Gerichten
Der Weg zur Zielvorgabe ist nicht ohne Widerstand. Indiens Oberster Gerichtshof zum Beispiel hat im Februar gedroht, den von Meta geplanten Datenaustausch zwischen Facebook, Instagram und Whatsapp zu verbieten. Auf dem Subkontinent ist der Messengerdienst nicht nur irgendein Programm. Whatsapp ist das Allzweckwerkzeug, auf dem sich Familien austauschen, rund um die Uhr. Die Daten von Handwerkern, Kleinunternehmern und Behörden fließen alle über die App mit dem weißen Telefon auf grünem Grund im Logo. Kein Wunder, dass Indiens Staat sensibel ist, was den Datenschutz angeht. Der sei bei Whatsapp „sehr geschickt darauf angelegt, die Nutzer in die Irre zu führen“, befand das Oberste Gericht.
Bereits Ende 2024 hatte die indische Kartellbehörde Whatsapp eine Strafe von 25 Millionen Dollar auferlegt und dem Dienst für fünf Jahre untersagt, Nutzerdaten zu Werbezwecken an andere Meta-Dienste wie Facebook oder Instagram weiterzugeben. Die zeitliche Sanktion wurde später wieder aufgehoben. Die Geldstrafe hingegen blieb bestehen. Das letztendliche Urteil in dem Verfahren steht noch aus. Doch es sieht nicht gut aus für Meta in seinem größten Markt mit 500 Millionen Nutzern. Die Weitergabe der Whatsapp-Daten zu kommerziellen Zwecken sei nichts anderes als eine „ordnungsgemäße Art von Diebstahl“, hat der Oberste Richter Indiens die Anwälte von Meta abgekanzelt.
Es könnte noch dicker kommen für den Konzern. Ende Juni, Kunal Shah war seit vier Tagen Vorstandschef, stellte Whatsapp eine Neuheit vor: den Benutzernamen, mit dem es künftig möglich sein sollte, zu chatten und zu telefonieren – ohne dass der Nutzer seine Telefonnummer preisgeben musste wie bisher. Was mehr Geschäft bringen sollte, verkaufte Meta als einen Gewinn an Datenschutz.
Neu Delhi sah das anders und verbot die Einführung der Nutzernamen. Man darf davon ausgehen, dass es der immer autoritärer agierenden Regierung unter Modi nicht nur darum geht, dass Betrüger unter falscher Flagge unbescholtene Bürger künftig leichter hereinlegen können. Was die Modi-Regierung vom Mobilisierungspotential sozialer Medien hält, kann man daran ablesen, dass sie das Internet während der jüngsten Massenproteste gegen die Staatsspitze eine Woche lang täglich für bis zu zwölf Stunden abschalten ließ.
Angesichts dieser explosiven politischen Gemengelage könnte es sich als kluger Schachzug Metas herausstellen, einen Inder mit Wohnsitz Mumbai an die Spitze von Whatsapp zu berufen, der die Verhandlungen mit den Sicherheitsbehörden im Land führt. Wobei nicht sicher ist, dass sich die Führung von Shahs Urteil beeindrucken ließe, mit dem der Tech-Philosoph noch vor Kurzem gegen all die Bedenkenträger in seinem Heimatland ausgeteilt hat: „Indien hat keine Kultur der Exzellenz.“
