Der Trump-Jesus muss noch ganz schnell dazugekommen sein. Nun schaut er uns an, und gleich daneben wirbt ein Palast für die „Gaza-Riviera“. Eine der beiden jüngsten Arbeiten in der großen Sommerausstellung „The World Through AI“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn stammt von Occitane Lacurie und Barnabé Sauvage. Das Bildmaterial, auf das die beiden französischen Multimedia-Künstler zurückgreifen, ist erst wenige Wochen und Monate alt. Mit „Holy Slop! A Generative Atlas of Slopaganda in Palestine“ sind die beiden nahe an der aktuellen Politik und schlagen zugleich den Bogen über Jahrhunderte westlicher Rezeption des Gelobten, des Heiligen Landes und dessen, was heute die Künstliche Intelligenz Grok daraus macht.
Slopaganda, KI-generierte politische Manipulation, ist noch vor einem Jahr kein wirkliches Thema gewesen, heute ist sie in aller Munde. Das konnte dem amerikanisch-französischen Medienwissenschaftler Antonio Somaini nicht entgehen. Er hat „The World Through AI“ erstmals 2025 im Jeu de Paume in Paris kuratiert, wo er auch lehrt. Völlig neu aufgebaut und mit einigen neuen Werken angereichert, ist die Ausstellung jetzt in Frankfurt zu sehen. Sie ist in jedem Fall ein „Must-see“ dieses Sommers, das sich über das gesamte Areal der Schirn erstreckt und von einem dichten Programm an Workshops, Vorträgen und Vermittlungsangeboten für Schulen flankiert wird.

Schon am ersten Ausstellungstag, dem 11. Juni, wird ein Symposium stattfinden, zu dessen Abschluss Hito Steyerl ihren neuen Film „The Island“ zeigen wird. Mit der Installation „Mechanical Kurds“ (2025), die einen ganzen Raum einnimmt, hat Steyerl einen beispielhaften Beitrag zur Ausstellung geschaffen: Sie fragt nach den sozialen, politischen und ökonomischen Umständen der sogenannten KI-Revolution. Danach, was das mit den „Clickworkern“ in kurdischen Lagern macht und wie das mit dem „Schachtürken“ des 18. Jahrhunderts zusammenhängt.
In den 17 Themenräumen, von den materiellen Voraussetzungen der KI bis hin zu Transhumanismus, verbindet „The World Through AI“ grundlegende Informationen, Kulturgeschichte und bildende Kunst, die nicht immer, aber in den allermeisten Fällen auch einfach für sich wirken könnte. Dass das hübsche Wort „Cloud“ leicht vergessen lässt, wie viele Ressourcen Datencenter fressen, gehört zu den Tönen, die die Ausstellung vom ersten Raum an anschlägt. Sie zeigt, wie klug bildende Künstler über und mit KI nachdenken. Dass dabei kein einziges Werk eine bloße Spielerei ist, liegt an dem kuratorischen Rahmen, den Somaini, der Unterstützung von Schirn-Kuratorin Katharina Dohm erhielt, gesetzt hat. Zugrunde liegt der Schau seine Theorie der „latenten Räume“, jener Blackbox, in der das gesamte Wissen und kulturelle Gedächtnis, Bilder und Texte in komprimierter, mathematischer Form bearbeitet und neu konfiguriert werden.
Somaini und mit ihm die 34 Künstler, die er ausgewählt hat, fragen, woher die Künstliche Intelligenz kommt, wie sie funktioniert – und was sie mit uns, mit unserem Denken und unseren Seelen macht. Das geht von den Ressourcen, der Ausbeutung unterbezahlter Datenarbeiter über die Fortsetzung diskriminierender und kolonialer Bildinterpretationen durch KI-Modelle bis hin zu sektenartiger Abhängigkeit von angeblichen Parallelwelten. Schon die Ausstellungsarchitektur, die an ein riesiges Rechenzentrum erinnert, mit Räumen, die gut und gern aus einem Kubrick-Film stammen könnten, was umso mehr passt, als dieser schon in den Siebzigerjahren den Film „AI“ drehen wollte, den später Steven Spielberg übernahm, leitet die Blicke und schärft das Bewusstsein.

Von frühen Arbeiten wie Harun Farockis „Auge / Machine“ (2000 bis 2003) zur Automatisierung des Sehens in der Kriegsführung bis hin zu Trevor Paglen, der gleich mehrfach mit Arbeiten zur Manipulation des Blicks vertreten ist, geht die Ausstellung horizontal und vertikal zugleich durch die Zeit und die Systeme. Sie alle, ob Grok, ChatGPT oder frühe Vorläufer, die für die Arbeiten befragt oder verwendet worden sind, beschreiben die Bildlegenden ebenso einfach wie vorbildlich.
Es sind ausgesprochen kritische Fragen, die gestellt werden. Als wollten die Arbeiten jede für sich beweisen, dass KI weniger für Künstliche Intelligenz als für Kritische Intelligenz stehen müsste. Das ist auch spielerisch und oft sehr unterhaltsam, aber im Gegensatz zu den vielen selbstverliebten und Ressourcen verschleudernden Arbeiten, die in der jüngsten Zeit zu sehen waren, sind sich alle beteiligten Künstler der Beschränkungen bewusst, die durch die Nutzung, vor allem die übersteigerte Nutzung von KI, entstehen.
Holly Herndon und Mat Dryhurst etwa haben nicht nur einen neuen Ansatz für generative KI gesucht, der auf der Einwilligung in die Verwendung von Daten beruht. Sie betreiben mit „xhairymutantx“ gezielt das, was sie „Klischeevergiftung“ nennen: Die Reduktion Herndons auf ihre auffälligen roten Haare führt in der Weiterverwendung in generativen Systemen zu einer immer größeren Verstärkung und Verbreitung der Klischees. Wie das geht, kann das Publikum selbst mit Prompts ausprobieren.
Dazu hat Somaini auch in hiesigen Museen und Archiven historische Dokumente entliehen, die er in „Zeitkapseln“ präsentiert: von frühen Techniken der Informationsverknüpfung über Fotografie und Speichermedien bis hin zur Dondorf-Druckerei selbst. Deren Geschichte führt zum zweiten der jüngsten Beiträge. Er ist, mit den anverwandelten Stimmen des Frankfurter Cäcilienchors, ebenso ambivalent wie in gewisser Weise auch tröstlich. Denn die Filmkünstlerin Ania Szczepanska hat nicht nur die Geschichte der Dondorf-Druckerei bis hin zur Deportation und zum Tod der Dondorf-Tochter Helene 1942 recherchiert und erzählt sie entlang historischer Dokumente. Sie zeigt auch, wie fatal die erfundene Historie KI-generierter Bilder ist. Ein kluger Bogen von einer ortsspezifischen Arbeit zurück zum Heute – und zum Morgen einer Welt der KI.
