
Die Bundesregierung will den Führerschein „günstiger und moderner“ machen und hat nun einen Entwurf für eine Führerschein-Reform vorgelegt. Dazu gehört eine Verkürzung des Fragenkatalogs zur theoretischen Prüfung, die Wahlfreiheit, den Theorieunterricht komplett online zu absolvieren, und die Möglichkeit für Eltern, ihrem Kind im eigenen Auto Fahrstunden zu geben. Bei den Fahrschulen stoßen die geplanten Änderungen allerdings auf Kritik. Sie fürchten, dass die Verkehrssicherheit leidet.
So warnt der Frankfurter Verkehrspädagoge und Fahrschulbetreiber Oliver Kowalski im Gespräch mit der F.A.Z. davor, den Theorieunterricht auf Online-Inhalte zu beschränken. Er erinnert an die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie. „Damals sind wir mit reinem Online-Unterricht gescheitert“, sagt er und fügt an: „Die Fahrschulen sind derzeit die einzigen, die unseren Kindern beibringen, wie man im Straßenverkehr unterwegs zu sein hat.“ Die geplante Laienausbildung sieht Kowalski dagegen grundsätzlich positiv. „Ich finde es sinnvoll, es zu entkriminalisieren, wenn Eltern mit ihren Kindern Autofahren üben“, sagt der Fahrlehrer. Zugleich gibt er zu bedenken, dass der Kabinettsentwurf, über den noch Bundestag und Bundesrat entscheiden müssen, einige Aspekte ungeklärt lässt. Wer übernehme beispielsweise die Haftung, wenn bei einer privaten Übungsfahrt ein Unfall passiert?
Fahren auf der Autobahn will gelernt sein
Diesen Punkt sieht auch Felix Finsterseifer, Geschäftsführer der Wiesbadener Fahrschule Schwarz, kritisch. „Es sollte spezielle Eignungsvoraussetzungen geben, damit die Eltern die Laienausbildung durchführen dürfen“, sagt er. Für den Wiesbadener enthält die Reform durchaus gute Punkte, wie etwa die geplante Verringerung der Theorie-Fragen in der Prüfung. Finsterseifer befürchtet allerdings, dass die Durchfallquote steigt, wenn Fahrschulen ihren Theorieunterricht nur noch online anbieten. Dass mehr Fahrschüler dann mehrmals antreten müssen, um den Theorieteil zu bestehen, würde den Preis für den Führerschein dann eher in die Höhe treiben, statt ihn zu senken.
Oliver Kowalski, der auch als Unfallanalytiker tätig ist, bezeichnet es als Fehler, für künftige Fahrschüler die Zahl der Sonderfahrten auf der Autobahn zu verringern. „Das finde ich schrecklich, denn wir haben in Deutschland kein Tempolimit, und wenn ich den jungen Leuten nicht beibringe, wie ich auf die Autobahn auffahre, dann ist das gefährlich“, sagt Kowalski, der seit fast 40 Jahren als Fahrlehrer arbeitet. Die Pflicht zu Nachtfahrten könnte seiner Meinung eingeschränkt werden.
„Die Erfahrung zeigt, dass die Fahrschüler die vier Autobahn-Sonderfahrten benötigen. Sie zu reduzieren, halte ich für einen Fehler“, bestätigt Cem Karadag, Geschäftsführer der Wiesbadener Fahrschule Team, die Einschätzung seines Berufskollegen. Auch er äußert Kritik am Reformentwurf, fragt sich aber auch, wie viele Eltern bereit sein werden, ihre Kinder nach nur sechs Fahrstunden ans Steuer des eigenen Wagens zu lassen.
Eine App vermittelt keine Werte
Genau wie seine Wiesbadener Kollegen bezweifelt der Frankfurter Kowalski, dass die Reform, die Anfang 2027 in Kraft treten soll, die Führerscheinkosten senken wird. Allerdings hält er auch die vom Bundesverkehrsminister benannten durchschnittlichen Kosten von 3400 Euro für zu hoch angesetzt. „Bei mir kostet der Führerschein im Schnitt 2700 Euro, und ich habe eine Durchfallquote von weniger als zehn Prozent“, sagt er. „Das zeigt, es geht jetzt schon anders.“
„Aus pädagogischer Sicht der Fahrlehrer kann man die Reform nicht als gelungen bezeichnen“, sagt Jennifer Ruthardt, Vorsitzende des hessischen Fahrlehrerverbandes und Fahrlehrerin in Bad Soden. In den Fahrschulen würden nicht nur theoretisches Wissen, sondern auch Werte und das richtige Verhalten im Straßenverkehr vermittelt. Theorieunterricht ausschließlich über eine App könne dies nicht leisten.
Kritik äußert auch sie an den Plänen, die Zahl der Sonderfahrten zu verringern: „Man hat sich über viele Jahre angeschaut, wo Fahranfänger in Unfälle verwickelt sind. Das sind die Landstraßen, die Autobahnen und Fahrten in der Nacht“, sagt sie. Deshalb seien die Sonderfahrten eingeführt worden. „Warum man jetzt sagt, dass dies nicht mehr notwendig ist, das erschließt sich mir nicht.“
Für Ruthardt steht fest, dass die Reform die Verkehrssicherheit gefährden kann. Zwar habe sich das begleitende Fahren mit 17 Jahren bewährt, aber dass die Jugendlichen künftig nach nur sechs praktischen Fahrstunden mit den Eltern ans Steuer dürfen, könne man nicht für gut erachten. „Nach nur sechs Stunden sind Fahrschüler noch weit davon entfernt, wichtige Basiselemente wie Bedienung oder Gefahrenwahrnehmung erfassen zu können“, sagt die Fahrlehrerin. Auch sie glaubt nicht, dass die Reform den Führerschein billiger machen wird. In der Summe konstatiert die Verbandsvorsitzende: „Eine Reform ist nötig, aber diese Reform ist nicht zu Ende gedacht.“
