Selbst so mancher Banker dürfte sich darüber wundern, was gerade an der Börse passiert. Gerade eben hat der amerikanische Aktienindex S&P 500 einen neuen Rekordstand erreicht, die glatte Marke von 7000 Punkten. Und auch der MSCI World hat einen neuen Höchststand erreicht.
Es ist eine der wenigen positiven Eilmeldungen, die derzeit auf dem Handybildschirm aufpoppen und bei manchem Anleger für Verwunderung sorgen. Denn Krieg und Unsicherheit prägen die Weltlage. Im Iran wird ein Krieg geführt, den der amerikanische Präsident Donald Trump offenbar maßlos unterschätzt hat. Die Öllieferungen aus der Region sind gestört, in Folge der Blockade einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt, der Straße von Hormus. Mit dem Krieg hat der globale Ölpreis neues Hoch von 140 Dollar pro Barrel erreicht. Und das ist nur einer von vielen Konfliktherden weltweit.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Börse scheint das auf den ersten Blick wenig zu kümmern. Vom Tiefstand seit Ausbruch des Irankriegs ist der S&P 500 um rund zehn Prozent gestiegen. Der MSCI World hat allein in den vergangenen Tagen zeitweise um fast sechs Prozent zugelegt. Ist dieser Jubel berechtigt? Oder verschließen die Börsianer schlichtweg ihre Augen vor den Krisen auf der Welt?
„Es geht darum, dass die Eskalationsgefahr sinkt“
Dafür muss man die Gründe für die Rally verstehen. Erstens: Dass die Börse vom aktuellen Weltgeschehen losgelöst ist, wirkt nur auf den ersten Blick so. Zuletzt hat sie auf eine Aussage von Donald Trump reagiert, der behauptete, der Krieg in Iran würde bald enden. Die Hoffnungen, dass sich die USA und Iran in Verhandlungen doch noch einig werden, sind groß. „Anleger wollen die Chance nicht verpassen, vom Kursanstieg zu profitieren, sollte es tatsächlich zu einem Frieden kommen“, sagt Sören Hettler, Leiter für Anlagestrategie und Privatkunden bei der DZ Bank. Deshalb nehmen einige Aktienkäufer den Anstieg bereits vorweg.
Denn geopolitische Krisen folgen häufig einem Muster: Als Reaktion auf den ersten Schock fallen die Kurse. Doch genauso schnell können sie wieder steigen, wenn sich die Krise beruhigt hat. Zu sehen war das beispielsweise auch im Zollstreit, als Trump im vergangenen Jahr hohe Zölle auf Importe aus den verschiedensten Ländern ankündigte und teils wieder zurückruderte. Nun ist ein Krieg natürlich nicht mit Zollstreitigkeiten gleichzusetzen. Doch die Anleger verhalten sich ähnlich. Selbst wenn der Krieg nicht endgültig vorbei ist, seien es derzeit vor allem die Signale, die an der Börse zählen, sagt Hettler. „Es geht darum, dass die Eskalationsgefahr sinkt.“
Die Tech-Aktien steigen besonders stark
Ein zweiter Grund für die steigenden Kurse sind die Geschäftszahlen der Unternehmen in den USA. Kürzlich hat die Berichtssaison begonnen, die Unternehmen übertreffen dabei teils die Erwartungen. Seit Jahresanfang sind es in erster Linie der Immobiliensektor, die Industrie und Energieunternehmen, deren Aktien überzeugen, sagt Hettler. In den vergangenen Tagen wiederum glänzten vor allem die Aktien der Techunternehmen und stiegen stärker als der allgemeine Markt. „Es gab zuletzt einige positive Meldungen, etwa von Chipherstellern, dass sie weiterhin eine hohe Nachfrage verzeichnen“, sagt er. Die Sorgen haben abgenommen, dass Techaktien überbewertet sind und die Hoffnung auf die Künstliche Intelligenz (KI) überschätzt wird. „Das gibt der KI-Phantasie einen neuen Schub“, so der Fachmann.
So kräftig ist der Schub, dass in der Finanzindustrie die These die Runde macht, dass Techaktien der neue sichere Hafen sind. Was absurd klingt, denn der Titel ist sonst Anleihen und Gold vorbehalten. Hettler hält von derartigen Äußerungen wenig: Techaktien bleiben riskant und unterliegen starken Schwankungen, sagt er. Zumal der wahre Test erst noch kommt, die Techfirmen legen ihre Geschäftszahlen erst noch vor.
Der dritte Grund für die Kursanstiege hängt mit den ersten beiden zusammen: Wenn die Eskalationsgefahr sinkt, besteht die Hoffnung, dass die Energiepreise nicht mehr so stark steigen. Denn die amerikanische Notenbank würde die Inflation eindämmen, indem sie die Zinsen erhöht. Und das wiederum wäre für Unternehmen schlecht, wenn sie dadurch höhere Kosten für Kredite bezahlen und so weniger in Innovationen investieren können. So weit die Theorie. Bleiben Zinserhöhungen aus, lässt das die Aktienkurse steigen.
Nicht alle schließen sich der Jubelstimmung an
Auch in Europa mehren sich die Inflationssorgen. Und zwar teils noch ausgeprägter als in den USA. Denn während die USA auch viel eigenes Öl und Gas haben, hängt Europa noch stärker vom globalen Energiemarkt ab. Blickt man auf die Entwicklung des Dax seit Jahresanfang, liegt dieser sogar leicht im Minus. Europäische Aktien sind derzeit weniger der Gewinnbringer, anders als noch vor einem Jahr.
Damals haben die Europäer die Amerikaner abgehängt. Die Rede war sogar vom Ende des sogenannten amerikanischen Exzeptionalismus, was vereinfacht gesagt heißen sollte: Die Zeit, in der amerikanische Aktien höhere Renditen bringen als Aktien anderer Regionen, sei vorbei. Selbst amerikanische Investoren berichteten, wie sie verstärkt auf Europa setzten – auch getrieben von den Erwartungen auf neue staatliche Investitionen, etwa durch das deutsche Sondervermögen. Zwar ist das Interesse an europäischen Aktien weiterhin da. Doch gleichzeitig erhöhen die Profis das Gewicht amerikanischer Aktien in ihren Portfolios wieder, so zumindest der Vermögensverwalter Blackrock und die Bank Citigroup.
Zeigt all das also, dass die Euphorie an der amerikanischen Börse berechtigt ist?
Ganz so einfach ist es trotzdem nicht. Es gibt durchaus Stimmen, die sich der Jubelstimmung nicht anschließen. Die Märkte müssten vorsichtiger sein, sagte Kristalina Georgiewa, Präsidentin des Internationalen Währungsfonds (IMF) unlängst in einem Interview. Aktuell seien die Märkte vor allem beeindruckt von der stabilen wirtschaftlichen Lage in den USA. Doch die Unterbrechungen in den Lieferketten machten sich schon bemerkbar. Selbst wenn es zu einem Ende des Kriegs kommt, würden die Nachwehen in Form eines hohen Ölpreises noch lange zu spüren sein.
Ähnliche Sorgen äußerte auch unlängst Sebastian Rädler, Aktienstratege der Bank of America Merrill Lynch, im F.A.Z.-Podcast Finanzen und Immobilien: „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine echte wirtschaftliche Schwächephase bekommen, ist viel höher als das, was der Markt derzeit einpreist.“ Rädler rechnet mit fallenden Kursen, er kann sich sogar Verluste von bis zu 30 Prozent vorstellen. Seine Schlussfolgerung daraus: Er reduziert sein Marktrisiko und hält weniger Aktien.
Lassen sich daraus auch Tipps für Privatanleger ableiten? Es gelten die üblichen Lehren: Das Depot breit aufstellen und das Vermögen auf verschiedene Branchen und Anlageklassen verteilen. Wer nachts nicht ruhig schlafen kann, sollte seinen Risikoanteil reduzieren. Und wer das investierte Geld bald braucht, könnte darüber nachdenken, sich über die jüngsten Gewinne zu freuen und diese zu realisieren.
