
Die Szene, die sich am helllichten Tag im November vergangenen Jahres auf der Zeil ereignete, hat Spuren hinterlassen. Zwei Gruppen junger Afghanen geraten aneinander. Einer zieht ein Messer und sticht auf einen anderen ein. Es mag eine Art glücklicher Fügung für die Ermittler sein, dass einer der Umstehenden die Straftat filmt und sie anschließend ins Internet stellt. Besser wäre es gewesen, eine polizeilich aufgestellte Kamera hätte die Szene erfasst. Die Polizei hätte schneller eingreifen können – noch bevor das Messer gezogen wurde. Den unbeteiligten Passanten auf der Zeil wäre der Anblick eskalierter Gewalt erspart geblieben.
Insofern sind die Videoanlagen, die nun das Kriminalitätsgeschehen auf der Zeil erfassen, kein Akt der Willkür. Es ist eine leider notwendige Anpassung an die gesellschaftliche Realität. Wenn allein in einem Jahr 5000 Straftaten auf einem überschaubaren Abschnitt von gerade einmal wenigen Hundert Metern erfasst werden, dann braucht es ein Konzept, um dagegen anzugehen. Selbst wenn man die 1700 Ladendiebstähle herausrechnet, bleiben 500 Körperverletzungen, dazu Drogenhandel, Sexualdelikte und Raub.
„Szenetreff“ mit Aggression
Die Kriminalität ist gestiegen, seit die Zeil abends an den Wochenenden als „Szenetreff“ für junge Männer und Frauen vor allem aus dem Umland Frankfurts entdeckt wurde. Kaum, dass die Geschäfte schließen, wandelt sich die Szenerie. Alkoholflaschen werden ausgepackt, Musik wird aufgedreht. Auseinandersetzungen, die harmlos beginnen, enden nicht selten in Gewalt. Wenn die Videokameras (die man, sollte sich die Kriminalitätslage beruhigen, im Übrigen wieder abbauen kann) dabei helfen, dass die Zeil wieder zu einem zivilisierteren Ort wird ohne Aggression, hat die Polizei alles richtig gemacht.
Doch auch der Polizei dürfte klar sein, dass die Kameras nur ein Mittel zur Symptombekämpfung sind. Nicht umsonst hat die Frankfurter Polizei bei der Vorstellung ihrer Kriminalstatistik vor einigen Wochen das Thema „gesellschaftliche Verrohung“ auf die Agenda gesetzt. Soziales Verhalten im öffentlichen Raum hat sich verändert – hin zu einem Kampf um die Reviere, in denen es Akteure gibt, die nicht anerkennen wollen, dass gesellschaftliche Normen existieren. Nichts anderes wurde Ende vergangenen Jahres in der „Stadtbild“-Debatte thematisiert. Und hätte man den Mut gehabt, diese Diskussion in aller Sachlichkeit zu Ende zu führen, hätte man auch Lösungen finden können, wie diese Entwicklungen aufzuhalten sind. Die Chance wurde vertan. Dann bleibt, wie auf der Zeil, nur die Bekämpfung von Symptomen.
