Unter dem Titel „A European Collection – Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw“ sind 73 Gemälde und Skulpturen von Spanien im Westen des Kontinents bis hin zu ukrainischer Kunst im Christian Schad Museum Aschaffenburg zu sehen. Das 1919 auf Basis der über Jahrzehnte systematisch aufgebauten Privatsammlung von Bohdan und Varvara Khanenko gegründete Nationalmuseum in einer prächtigen Kiewer Neorenaissancevilla beherbergt den bedeutendsten Bestand europäischer Kunst in der Ukraine. Es zählt zu den wichtigsten Sammlungen dieser Art – sicher aber auch zu den im Westen unbekanntesten. Da Putin von Kriegsbeginn an auch Museen wie das Khanenko als Horte ukrainischer Kultur bombardieren ließ, die Bestände glücklicherweise aber schon vor der schweren Beschädigung des Gebäudes 2022 ausgelagert wurden, nutzte der Herr der Aschaffenburger Museen, Thomas Schauerte, die Gelegenheit und bot dem ortslosen Museum Obdach bis ins nächste Jahr.

Die Sammlung der beiden Khanenkos, er Unternehmer, seine Frau Varvara aus einer der reichsten Industriellenfamilien des Landes, war freilich in ihrer Zeit noch bedeutender, da die Eheleute all die Rembrandts, Boschs, Rubens und Tizians noch als Originale der Meister gekauft hatten. Mehr als hundert Jahre und eine Fülle kunsthistorischer Forschungen später finden sich die übergroßen Namen, die man seinerzeit einfach in seiner Sammlung haben musste, nun häufig durch „Werkstatt“ oder „Umkreis“ ergänzt. Oder durch Namen aus der zweiten und dritten Reihe, die selbst Kunsthistorikern oft nicht geläufig sind, doch um keinen Deut weniger interessant sein müssen.
Bei Bosch und Tizian führten fähige Werkstätten die Ideen weiter
Ein schlagendes Beispiel hierfür ist der heilige Hieronymus, der als athletischer Asket links in felsiger Einsamkeit vor seiner Höhle in der Bibel auf dem Tisch vor ihm liest, die er selbst aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat. Auf der Tischkante steht in großen schwarzen Versalien der Name „Titianus“. Wie aber an der sich babyglatt über die muskulösen Oberarme spannenden Haut und der sorgfältigst ausgepinselten weiten Weltlandschaft im Hintergrund mit den vielen Felsgesichtern und im Tal sich duckenden Bauernhäusern mit ausladenden Strohdächern darin unschwer zu erkennen ist, hat dieses Bild den Pinsel Tizians nie gesehen. Es ist jedoch nicht minder interessant, wie ein Maler aus Venedig – die typische Hintergrundlandschaft der venezianischen Terraferma weist die von den höchsten Palästen der Lagunenstadt zu sehenden Alpen in Sfumato auf – sich beltracchihaft in die Maniera Tizians hineindenkt und dabei eine neue Ikonographie mit der zwei Drittel des Gemäldes einnehmenden Landschaft neben der Höhle des Kirchenvaters erfindet.

Apropos Hieronymus. Selbst wenn der Khanenko-Bosch nicht vollständig von Meister Hieronymus aus s’-Hertogenbosch gemalt sein sollte, stammt er doch von einem seiner talentiertesten Mitarbeiter. Bis heute steht man kopfschüttelnd vor den drei apokalyptischen Bildern mit der Versuchung des heiligen Antonius, in denen das Auge des Betrachters etwa in den bewohnbaren Hintern eines auf allen vieren kauernden Riesen mit Strumpfband und milchig-transparentem Straps am linken Bein kriecht, während der Hochhausgigant sehr modern und ökologisch grasbewachsen ist. Natürlich gab es im Mittelalter solche mit Grassoden wie grünen Teppichen gedämmten und in den Boden eingegrabenen Häuser, aber wie kommt irgendwer auf die Idee, einen Menschen daraus zu machen?
Eine Prozessionsfahne aus Seide bezaubert
Kaum eines der Bilder langweilt, selbst wenn die abgeschriebenen großen Namen fehlen und die neuen dem Nichtkunsthistoriker wohl wenig sagen. Gleich links von der Eingangstür der ersten Ausstellungshälfte hängt ein äußerst rares, auf rote Seide gemaltes Prozessionsbanner aus dem „Umkreis Pietro Peruginos“ mit einem nicht nur wie gewöhnlich in Mariens Kammer einschwebenden, vielmehr geradezu in die Szenerie hineinsprintenden Verkündigungsengel. Blondgelocktes Haupt und Flügel Gabriels sind mit derart hauchdünner Ei-Tempera-Farbe angelegt, dass das Licht von der Rückseite durch die seidene Membran fällt und den Engel wie mit göttlichem Licht umflort, was bildtheologisch das Wunder der Menschwerdung Gottes noch kräftig verstärkt. Auftraggeber der augentäuscherischen Prozessionsfahne war die renommierte Familie Staffa aus Perugia. Dem begabten Maler wurde offensichtlich aufgegeben, den berühmten wie „mit Licht gemalten“ Engel aus Peruginos berühmtem Fresko in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans von 1482 möglichst getreu zu wiederholen.

Auch die daneben hängende querformatige Kreuzigung von etwa 1430 aus Siena bezaubert mit ihren liebevollen Details auf Goldgrund. Das Paneel insgesamt weist eine noch durch und durch gotische Stilsprache auf, was typisch für sienesische Malerei ist, wo man sich aus Protest gegen das verhasste Florenz noch bis ins 15. Jahrhundert hinein gegen die Renaissance sperrte. Der sogenannte Observanz-Meister, vielleicht Sano di Pietro, der das Querformat als Zentrum einer fünfteiligen Predella, mithin des bemalten Unterbaus eines Altarpolyptychons darüber malte, verteilt seine lachs-, rosé- und scharlachfarbenen Rottöne geschickt über die gesamte Breite der Tafel, deren andere Altarteile über Museen in aller Welt verteilt sind. Die Verkürzung der Pferdehintern, auf denen etwa der gute Hauptmann sitzt, ist gekonnt bewerkstelligt; der Moment des Wieder-sehen-Könnens des blinden Legionärs Longinus unter dem Kreuz durch Beträufelung mit Blut aus der Seitenwunde Christi und dessen maßloses Erstaunen über das Wunder sind psychologisch überzeugend eingefangen.

Und selbst eine nur dreißig Jahre später entstandene Florentiner Madonna, dann schon in voll entwickelten Renaissanceformen, ist, obwohl sie nur von „Pseudo-Pier Francesco Fiorentino“ stammt und damals für die private Andacht in einem Hausaltar fast schon Massenprodukt war, derart bestrickend schön und innig mit dem Kind, dass sie botticelleske Qualitäten besitzt und keinen Vergleich scheuen muss.
Zurbaráns Gefäße scheinen zu leben
Was von einer in tiefem Lapislazuli-Blau gehaltenen Madonna vor rotem Vorhang und erneut venezianischer Terraferma-Landschaft des Malers Cima nicht gesagt werden kann, da diese im Vergleich zu Bellini-Madonnen durch die Nichtbeherrschung der Anatomie und ihre beinahe bucklige Gestalt wenig überzeugt. Dafür sind die drei wild bewegten Wolken über ihr mit Gesichtern angereichert und das behutsame Legen des nackten Christuskindes durch die Gottesmutter auf die marmorne Fensterbank, die zugleich wie ein Grabdeckel wirkt, ikonographisch äußerst selten – eine Vorschau auf den sündentilgenden Kreuzestod und das spätere Betten Christi in den steinernen Sarkophag.

Das zweite Stockwerk ist der Epoche vom Barock bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gewidmet, Letzteres für die Khanenkos damals noch zeitgenössische Kunst. Abenteuerliche Fundgeschichten parallel zu jenen west- und mitteleuropäischer Sammler zur selben Zeit – etwa Bernhard August von Lindenau mit seiner Altenburger Trecento-Sammlung – offenbaren sich hier, wie beispielsweise die Tronie-Charakterkopfstudie eines Damenbildnisses von der Hand eines „Nachfolgers Rembrandts“, das mit mehreren anderen Bildern auf dem Dachboden eines Moskauer Pferdezüchters „entdeckt“ und von den Khanenkos erworben wurde. Juan de Zurbaráns hinreißendes „Stillleben mit Schokoladenservice“ von 1640 sollte trotz seines dunklen Hintergrunds auf keinen Fall übersehen werden, war doch die scheinbar lakonische, körperlich jedoch sehr präsente Reihung von fünf eigenwilligen Gefäßen so revolutionär, dass noch Giorgio Morandi im 20. Jahrhundert mit seinen verlebendigten und anthropomorphen Kannen und Tiegeln davon zehrt.
Der Flussgott spricht mit der Personifikation Antwerpens
Auch Jacob Jordaens’ quadratisches „Amor und schlafende Nymphen“ vom Ende des Dreißigjährigen Krieges ist solch ein zentrales Bild eines Epochenübergangs. Wie am grellfleckigen Licht auf dem fast unbekleideten und stark überlängten Körper des erwachsenen Liebesgottes und den völlig nackten Leibern der Nymphen zu ersehen ist, trägt das Bild noch manieristische Stilzüge in sich. Erst recht sprechen die sturmzerzausten fiedrigen Bäume für Jordaens’ Kenntnis eines Bildes wie Giorgiones „Tempesta“. Und selbst in Rubens’ zur Vorbereitung eines monumentalen Historienbildes um 1617 furios hingeworfener Ölskizze „Dank an den Flussgott der Schelde“ steckt schon alles Wesentliche des fertigen Bildes, wenn nicht mehr, denn die innige Zwiesprache des lässig auf seinen Quelltopf gelehnten Flussgotts und der in ihrem Inkarnat hell leuchtenden Personifikation der Stadt Antwerpen vor ihm ist psychologisch prickelnd. Ähnlich wie Rubens’ Bilder Europa von Spanien bis Polen querten und in nahezu allen großen Sammlungen zu finden waren, traf dies auch auf die Venedig-Veduten Bernardo Bellottos zu, die durch die Grand Tour der Reichen und Adeligen vom Süden in den Norden und Westen des Kontinents gelangten.

Gemahnten schon die apokalyptischen Explosionen und Ruinen auf Hieronymus Boschs Triptychon schmerzlich an die Verheerungen im Herkunftsland der Sammlung, fällt erst recht die starke Inszenierung stiller Hoffnung in Form der marmornen Friedensallegorie des klassizistischen Bildhauers Antonio Canova von 1815 im Herzen des Saals auf. Entstanden am Ende der blutigen Napoleonischen Kriege, die auch das Territorium der heutigen Ukraine verwüsteten, gelangte die „Pax“ 1953 als Schenkung der Moskauer Lenin-Bibliothek – welche Ironie der Geschichte – in das prunkvolle Treppenhaus des Khanenko in Kiew.
Unübersehbar hingegen ist die Allusion auf den derzeitigen Krieg in der bewusst zur Aktualisierung der Schau eingesetzten lebensgroßen Skulptur der ukrainischen Künstlerin Maria Kulikowska. Es handelt sich um den Epoxidharzabguss ihres nackt-verletzlichen Körpers, der zusätzlich als „Shot Figure“ wie bei Niki de Saint Phalle durch eingegossene Patronenhülsen und Einschusskrater versehrt ist. Angesichts dieses eindringlichen Selbstbildnisses einer vom Krieg unmittelbar Betroffenen wirkt die Friedensallegorie Canovas beinahe naiv. Bis zum 10. Februar 2027 sind die in mehrerlei Hinsicht existenziellen Werke von damals und heute noch zu erleben – eine Erfahrung, die man auf keinen Fall missen sollte.
