Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft Russland bei der Rekrutierung von Soldaten im Ausland Menschenhandel vor. »Viele Rekruten wurden mit falschen Versprechen von zivilen Jobs, hohen Gehältern, einem Aufenthaltstitel oder der russischen Staatsbürgerschaft gelockt und fanden sich prompt an der Front in der Ukraine wieder«, heißt es in einem von Amnesty veröffentlichten Bericht.
Demnach sollen bei der Anwerbung von ausländischen Kämpfern durch Russland Mittel wie Nötigung, Betrug, Täuschung oder die Ausnutzung einer wirtschaftlichen Schwächelage eingesetzt worden sein. Somit seien die Voraussetzungen für den Vorwurf des Menschenhandels nach der im Protokoll von Palermo aus dem Jahr 2000 festgehaltenen Definition der Vereinten Nationen erfüllt. Amnesty zufolge locken die Anwerber ihre Opfer häufig mit der Aussicht auf einen zivilen Job nach Russland: als Fahrer, Koch, Wachmann oder als Fachkraft in Logistik, Bau oder IT. Zudem würden oft hohe Gehälter und eine schnelle russische Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt.
Die Vorwürfe passen zu früheren Aussagen von im Ausland angeworbenen Kämpfern, die später von der Ukraine gefangen genommen wurden. Auch der Amnesty-Bericht beruht auf Gesprächen mit ausländischen Kämpfern, die in zwei ukrainischen Gefangenenlagern einsaßen. Weil Amnesty in Russland als »unerwünschte Organisation« eingestuft ist, seien keine Nachforschungen in Russland möglich gewesen. Allerdings seien Aussagen von Angehörigen, Anwälten und Journalisten in den Bericht eingeflossen.
Fronteinsatz ohne Waffe und Nötigung zum Kriegseinsatz
Die in ukrainischen Kriegsgefangenenlagern Befragten stammten demnach unter anderem aus Kolumbien, Kuba, Ägypten, Somalia und Südafrika. Nur drei von 15 Befragten gaben demnach an, bewusst einen Vertrag für den Kriegsdienst unterschrieben zu haben.
Kriegsgefangene aus Brasilien und Sri Lanka schilderten laut Amnesty, dass ihnen nach der Vertragsunterzeichnung Pässe und Mobiltelefone abgenommen worden seien. Zudem seien die Verträge auf Russisch gehalten gewesen, Englisch habe mit ihnen niemand gesprochen. Die neuen Soldaten erhielten nach ihren Angaben nur eine unzureichende militärische Grundausbildung von rund zwei Wochen. Einer der Befragten schilderte demnach, in unmittelbare Frontnähe gebracht worden zu sein, ohne eine Waffe erhalten zu haben.
Weitere Männer gaben an, wegen Vergehen wie Drogenbesitz oder ausgelaufenen Aufenthaltsgenehmigungen mit sehr hohen Haftstrafen bedroht und als Alternative dazu zum Kriegseinsatz genötigt worden zu sein – eine Praxis, die auch gegenüber russischen Staatsbürgern, gegen die strafrechtlich ermittelt wird, üblich ist. Andere Befragte haben demnach bewusst einen Vertrag mit dem Militär unterschrieben – allerdings mit dem Versprechen von zivilen Tätigkeiten für die russische Armee statt des darauffolgenden Fronteinsatzes.
Nötigung und Täuschung bei der Rekrutierung von Ausländern für militärisch relevante Tätigkeiten in Russland gibt es laut früheren Berichten auch außerhalb des Militärs. So berichtete etwa die Nachrichtenagentur AP bereits 2024, dass in Russlands wichtigster Drohnenfabrik Alabuga Hunderte Frauen aus afrikanischen Ländern beschäftigt sein sollen, die unter falschen Versprechen nach Russland gelockt worden seien. Ihnen seien Ausbildungsprogramme versprochen worden, stattdessen hätten sie ohne ausreichende Schutzausrüstung unter ausbeuterischen Bedingungen in der Drohnenfabrik arbeiten müssen.
Keine Hinweise auf Menschenhandel bei Ausländern in ukrainischer Armee
Nach ukrainischen Angaben sollen seit Beginn des Krieges mehr als 28.000 Staatsangehörige von mehr als 130 Drittstaaten einen Vertrag mit der russischen Armee abgeschlossen haben – mehr als 40 Prozent von ihnen sollen aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion in Zentralasien stammen.
Wie viele Soldaten Russland gegen die Ukraine seit Kriegsbeginn insgesamt bis heute eingesetzt hat, ist nicht bekannt. Die Zahl dürfte allerdings bei mindestens zwei Millionen liegen. Der Anteil ausländischer Kämpfer läge damit bei weniger als zwei Prozent.
Nach Angaben aus Kyjiw sind unter den rund 880.000 Angehörigen des ukrainischen Militärs knapp 16.000 Ausländer aus mehr als 70 Ländern, fast 40 Prozent davon aus lateinamerikanischen Staaten. Amnesty teilte mit, keine Hinweise auf mögliche Praktiken des Menschenhandels bei Drittstaatlern in der ukrainischen Armee gefunden zu haben. Allerdings gebe es Hinweise auf Korruption und Diskriminierung. Das ukrainische Außenministerium habe dazu erklärt, von solchen Vorfällen zu wissen und sie zu untersuchen.
Verfolgen Sie alle aktuellen Entwicklungen im russischen Krieg gegen die Ukraine in unserem Liveblog.
