Natürlich haben sie uns kommen sehen. Ihre Augen funktionieren an Land fast so gut wie unter Wasser. Mehrere Delegationen der Art Aptenodytes patagonicus, vulgo Königspinguine, haben ihre Kolonie ohne Scheu verlassen, um am Meeressaum nach dem Rechten zu sehen. Still stehen sie in Gruppen von vier oder fünf Tieren da und starren uns an, während wir, dick eingehüllt in wasserabweisende Hosen und Anoraks, einer nach dem anderen mit dem Po auf der Gummiwulst des schwarzen Schlauchbootes Platz nehmen, die Beine herumschwingen und durch die Brandung an Land waten. Wir wissen nicht, was die Pinguine über uns denken, welche Haltungsnoten sie uns vielleicht geben und ob sie womöglich über uns lachen, sofern Pinguine überhaupt lachen. Wie man elegant ins Wasser hinein und wieder hinauskommt, zeigen die seltsamen Vögel selbst am besten. Kleinen Torpedos gleich schießen sie aus dem subpolaren Meer, landen mit dem Bauch auf Sand und Kieseln, richten sich auf, schütteln sich kurz und watscheln davon, als wäre nichts gewesen.
Auf der Salisbury Plain in Südgeorgien regiert die Natur, nicht der Mensch. Die Ebene liegt zwischen zwei mächtigen Gletschern. Ein Wasserfall stürzt von den Hängen hinab, fächert sich auf halbem Weg nach unten auf wie ein Flussdelta in der Vertikalen und versickert in Dutzenden kleinen Strömen in einem See. Grünes und braunes Tussockgras weht in kniehohen Büschen am Ufer, Moose und Flechten bedecken Felsen und Gestein. Es sind zwei Grad über null, fast ein Sommertag in diesen Breiten. Der leichte Schneefall, der gerade einsetzt, ist nur ein Versuch, kein wirklicher Wetterumschwung, ein sanfter Gruß aus wolkenverhangenem Himmel, der sofort auf der Nase schmilzt.
Staunen über eine fremde, ferne Welt
Südgeorgien ist britisches Überseegebiet und steht unter der Souveränität der Krone. Captain Cook kam einst hier vorbei, jener Mann fürs Ferne und Vergessene, der auf seinen Weltumsegelungen Gegenden fand, die kein Mensch jemals zuvor gesehen hatte. 1775 nahm er das 185 Kilometer lange, zerklüftete Eiland in Besitz und taufte es nach dem amtierenden Monarchen Georg III. aus dem Haus Hannover. Fast 1500 Kilometer sind es über den stürmischen Südatlantik bis nach Argentinien, genauso weit liegt die Antarktis entfernt. Nur eine kleine Zahl von Reedereien hat Südgeorgien im Programm. Wir sind mit Silversea gekommen, deren Expeditionsschiffe hier drei- bis viermal pro Saison haltmachen. Von Ushuaia, Punta Irenäus oder Puerto Williams aus ist es eine erhebliche Abschweifung. Die Reisenden in diesen Gewässern wollen mehrheitlich die gewaltige Eiswüste der Antarktis sehen, nicht aber eine grünbraune Insel kurz vor dem Nirgendwo.
Und doch nehmen Menschen diesen Umweg auf sich. Südgeorgien ist ein Traumziel für Vogel- und Naturliebhaber. Oder für Menschen, die sich einmal im Leben als Randnotiz fühlen wollen. Manche an Bord unseres Schiffes, der Silver Wind, sprechen von den Wundern der Natur. Die Religiösen unter ihnen reden von Gottes Schöpfung und dem letzten verbliebenen Paradies. Das ist alles recht so. Wir aber empfinden schlicht Überraschung und tiefes Erstaunen über diese fremde, ferne Welt.

Wer aber mit Einsamkeit rechnete, mit Stille und Leere, wird eines Besseren belehrt. Wir stapfen auf der Salisbury Plain mit unseren kniehohen Gummistiefeln durch den Matsch, erklimmen eine Anhöhe und sehen vor uns keine Pinguinkolonien, sondern ganze Agglomerationen aus silbernen, schwarzen und braunen Körpern. Dicht gedrängt, stehen sie in Senken und Tälern, auf Kuppen und Hügeln wie ein gewaltiger Ferienstau auf deutschen Autobahnen, bis sie sich im feuchten Nebel oder hinter einer Biegung verlieren. „Wie viele sind es?“, fragen wir fassungslos die Expeditionsleiterin, eine Südafrikanerin mit dem Spitznamen „Clouds“, weil sie eigentlich Claudia heißt und Wetterkunde studiert hat. Wir müssen schreien, denn der Wind auf der Anhöhe reißt uns die Worte aus dem Mund und verstreut sie weit über die Ebene, aus der Gurren und Murren, Gackern und Pfeifen zu uns empordringen. „Keine Ahnung“, schreit Clouds zurück. „Hunderttausend? Hundertfünzigtausend?“ Ein Manila des Vogelreichs, ein Mumbai der Gefiederten. Und keine Spur von Chaos.
Ganz überwiegend sehen wir Königspinguine, die zweitgrößte Art der Welt und nach Meinung vieler Seevogelexperten die schönste. Nur Kaiserpinguine sind noch größer. Sie brüten und leben jedoch überwiegend im Eis der Antarktis und sind auf einer Kreuzfahrt nur selten zu sehen. Ein ausgewachsener Königspinguin wiegt etwa 15 Kilo und reicht einem erwachsenen Mann bis zur Hüfte, ein Kaiserpinguin wird noch 30 Zentimeter größer. Was dem Königspinguin an Körperlänge fehlt, macht er durch Gefälligkeit wett. Sein Körper wirkt schlank und ausgewogen, der Hals ist lang, der Schnabel spitz. An Kopf und Kragen leuchten orangefarbene Verzierungen, als hätte Gustav Klimt mit etwas Gold bei der Abschlussgestaltung nachgeholfen.
Der Seeleopard schlägt aus dem Hinterhalt zu
Clouds hatte uns gewarnt. Wir sollten Abstand halten. Mindestens fünf Meter zu jedem Tier, Füttern und Anfassen streng verboten. Kreuzt ein Pinguin unseren Pfad, weichen wir aus, nicht umgekehrt. Gleichwohl halten sich die Pinguine nicht an das Abstandsgebot. Einzeln, zu zweit oder zu dritt kommen sie näher, bleiben stehen, schauen uns abwartend an, als würden wir sie ganz gewiss gleich nach dem Weg fragen, als hätten wir uns nur verirrt. Kein Arg, keine Furcht ist zu erkennen, auch kein Fluchtinstinkt. Hier und da steht ein Pinguinjunges einsam im Wind, noch im karamellbraunen Daunenkleid, das ganz anders aussieht als das prachtvolle Erwachsenengefieder. Es wartet auf die Eltern, hofft auf ihre Rückkehr aus den Tiefen des Ozeans. Im Wasser lauern die wirklichen Gefahren: Seeleoparden und Schwertwale. Ein Seeleopard schlägt aus dem Hinterhalt zu. Ein Orca überwältigt seine Beute mit Ausdauer und Cleverness. Oft jagen zwei Wale einen Pinguin so lange, bis er erschöpft aufgeben muss.
Die Vögel watscheln zu unserem Schlauchboot und blicken hinein, als überlegten sie, gleich damit in See zu stechen. Sie inspizieren unsere Schwimmwesten und die Notfallausrüstung, die wir am Strand abgelegt haben. Da das Wetter so schnell umschlagen kann, nimmt die Crew von Silversea nach gängiger Praxis in diesen rauen Breiten bei jedem Ausflug ausreichend Proviant, Wetterschutz und medizinische Ausrüstung mit an Land – für den Fall, dass wir länger als geplant bleiben müssen. Erst vor einer Woche, so erzählt man uns, sei das der Expeditionsgruppe einer anderen Reederei passiert. Die ganze Nacht musste sie bei den Pinguinen bleiben, weil so heftiger Wind aufkam, dass eine Rückfahrt zum Schiff in den Schlauchbooten zu gefährlich war. Clouds funkt alle fünfzehn Minuten zum Kapitän, einem Finnen mit umfassender Polarerfahrung, um über jede Veränderung der Wetterlage draußen am Ankerplatz in der Bucht frühzeitig informiert zu sein.

Über der Kolonie kreisen Schwarzbraunalbatrosse und Wanderalbatrosse, deren Flügelspannweite dreieinhalb Meter beträgt, sie sind die größten flugfähigen Vögel der Welt. Auch Sturmvögel und Skuas ziehen ihre Bahnen. Südgeorgien besitzt eine der höchsten Artendichten der Erde, es ist eine Serengeti im Eis. Zwischen den Vögeln dösen Hunderte Pelzrobben und Seeelefanten im Gras, reglos und träge wie an Land gespülte Statuen. Nur ab und zu seufzen sie leise, als hätte sie ein böser Traum ereilt.
Doch plötzlich reißen sie die Augen auf, wuchten sich hoch und bewegen sich schnaufend und prustend auf uns zu. Es sind gewaltige Tiere, manche Bullen wiegen bis zu vier Tonnen. Vor allem die Teenager-Robben scheinen Gefallen daran zu finden, ihre Kraft und Stellung im Revier an den seltsamen Besuchern in den roten Jacken auszuprobieren. Nach einer Weile erkennt man, welches Tier ein Auge auf einen sich nähernden Zweibeiner geworfen hat, sich einstweilen aber noch schlafend stellt. Ein kurzes Heben des schweren Kopfes, ein schneller Blick aus dunklen, glänzenden Augen verrät es.
Die Attacke des furchterregenden Seeelefanten
Der ahnungslose Mensch schreitet vorsichtig durch Schlamm und Schnee, durch Vogelkot und halb zerpflückte Kadaver, macht ein Foto, richtet seine Mütze, dann bricht vor ihm der Robbenrowdy aus der Deckung. Ein lautes Grunzen, erstaunlich rasche Bewegungen, aufgerissenes Maul: Attacke! Wir hätten keine Chance. Wir könnten uns genauso gut vor einen rollenden Bus werfen. Zum Glück bremst das Tier kurz vorher ab. Auch Klatschen in die Hände hilft, um den Abstand wiederherzustellen. Wer von den Passagieren vor Schreck nicht selbst auf diese Idee kommt – man hat uns das mit dem Klatschen vorher an Bord eigens gesagt –, dem springen die Begleiter aus dem Expeditionsteam zur Seite, vertreiben den aufgeregten Inselbewohner ruhig, aber entschieden und fordern uns zum Rückzug auf. Auf Südgeorgien hat die Tierwelt immer recht.
Das war nicht immer so. Sieben Buchten weiter steht am Rand eines Fjords die Ruine einer kleinen Siedlung. Grytviken wirkt wie die Kulisse eines Films, der nie zu Ende gedreht worden ist. Vor hohen Bergen erheben sich haushohe Tanks und Kessel, von rotbraunem Rost überzogen. Zwei Walfangschiffe liegen halb versunken am Ufer. Bevor wir an Land gehen dürfen, kommt eine Gesandtschaft an Bord. Sie kontrolliert unser Schiff auf Ratten und Ungezieferbefall, lässt sich Jacken und Stiefel der Passagiere zeigen, um auszuschließen, dass Samen und Blüten oder auch nur der kleinste Brocken Erde mit Vogelgrippeviren in Falten, Taschen und Profilen eingeschleppt werden. Denn schon einmal ging von Grytviken eine Katastrophe aus.

Die Siedlung wurde 1904 von dem Norweger Carl Anton Larsen gegründet. Grytviken heißt auf Norwegisch die Bucht der Kessel. Die Gegend musste dem skandinavischen Kapitän vertraut vorgekommen sein: karge, steile Berge, über den Gipfeln hängende Wolkenfetzen, nur selten etwas Sonnenschein. Doch wenn die Sonne scheint, glänzt der Himmel so klar und blau wie oben im Norden über dem Geirangerfjord.
Grytviken war die erste moderne Walfangstation in der Antarktisregion. Wohnhäuser, Werkstätten, Lagerhallen, Verwaltungsgebäude und Fabrikanlagen wurden errichtet. Im südlichen Sommer arbeiteten hier mehrere Hundert Menschen, überwiegend Norweger, aber auch Briten, Schweden und andere Seeleute. Schiffe brachten ihre Beute ein, Tag und Nacht stiegen Rauch und Dampf aus den Anlagen auf. Der Geruch von Tran und Kohle soll weit über der stillen Bucht gelegen haben. Die Renditen waren groß und machten die Einsamkeit wett, 13.000 Kilometer von der Heimat entfernt. Es gab eine Bäckerei und ein Kino, ein Fußballfeld und ein Krankenhaus. Auch einen Friedhof. Dort liegt Ernest Shackleton begraben, einer der berühmtesten britischen Polarforscher. Sein Schiff, die Endurance, wurde 1915 im Packeis der Weddellsee zerdrückt und erst mehr als 100 Jahre später auf dem Meeresgrund wiederentdeckt.
Ein Massaker an Tausenden von Walen
Nach ein paar Jahren wurde sogar eine weiße Holzkirche nach Grytviken gebracht. Sie steht bis heute intakt am Ende eines Schotterwegs vor den dunklen Bergen. Nur ihre Fassade bräuchte etwas frische Farbe. Die Tür ist unverriegelt, über dem Altar liegt eine weiße Decke. Eine kleine Orgel mit einem Stapel roter Gesangbücher steht bereit für den nächsten lutherischen Gottesdienst. Die Bänke sind gescheuert, ihr helles Kiefernholz von Astaugen durchzogen. Zwei junge Amerikaner vom Schiff können es nicht lassen und ziehen am Seil. Auch die Glocke funktioniert noch, hell weht ihr Klang über die stille Siedlung, als könnten sich gleich die Türen der verlassenen Häuser öffnen und die Menschen zum Gebet herbeiströmen. Doch nichts geschieht. Nicht einmal die Robben, die auch hier am Strand seufzend ihren Träumen nachhängen, rühren sich.
Als die Station 1965 aufgegeben wurde, waren dort in sechs Jahrzehnten mehr als 54.000 Wale geschlachtet und in den Kesseln zu Tran verarbeitet worden. Auf Südgeorgien insgesamt waren es mehr als 175.000 Wale. Zusätzlich erlegte man noch Tausende Robben. Doch das war nicht die einzige Katastrophe. Die Norweger brachten Rentiere zur Versorgung der Siedlung mit. Sie fanden ideale Bedingungen vor: keine natürlichen Feinde, weite Grasflächen. Aus wenigen Tieren wurden Tausende. Dort, wo die Hufe der Rentiere auf den Boden schlugen, blieb wenig zurück. Sie fraßen das Tussockgras, das vielen einheimischen Arten Lebensraum und Schutz bot. Auch Ratten und Mäuse überzogen die Insel. Als blinde Passagiere waren sie in den Frachträumen der Schiffe mitgereist. Bodenbrütende Tiere wie die Pinguine hatten ihnen so gut wie nichts entgegenzusetzen. Eier, Küken und Jungvögel wurden zu ihrer Beute. Bei manchen Arten, schätzen Forscher, gingen die Bestände um mehr als 90 Prozent zurück.
Anfang dieses Jahrhunderts begann auf Südgeorgien eines der weltweit größten Projekte zur Beseitigung eingeschleppter Arten. Die Rentiere wurden in mehreren Wellen zwischen 2013 und 2015 entfernt, fast 6000 Tiere. Bei den Ratten war die Bekämpfung schwieriger. Hubschrauber verteilten Giftköder über die gesamte Insel. Es dauerte Jahre, bis der 2005 gegründete South Georgia Heritage Trust die Insel wieder für rattenfrei erklären konnte. Seitdem hat sich Südgeorgien auf spektakuläre Weise erholt. Man schätzt, dass hier heute wieder eine halbe Million Königspinguine brüten, mehr als irgendwo sonst auf Erden.
Am nächsten Tag fahren wir weiter zum letzten Stopp: Gold Harbour im Osten. Die Bucht heißt so, weil ihr großer Gletscher im Licht der aufgehenden Sonne leuchtet, als wäre er aus Gold, als spiegelte er den Kranz der Königspinguine wider. Diesmal gehen wir nicht an Land, es sind einfach zu viele Tiere am Strand. Wir betrachten die Schönheit der Insel stattdessen von den kleinen Schlauchbooten aus. Das Gackern und Schnattern der Vögel dringt herüber. Kleine Eisbrocken treiben vorbei. Kein Mensch ist in Sicht, als wäre vor uns noch nie jemand hierhergekommen, kein Haus, kein Kessel, kein anderes Schiff. Doch ist selbst hier der Einfluss des Menschen unübersehbar. Der Gletscher zieht sich immer schneller zurück und hinterlässt dort, wohin einst sein 10.000 Jahre altes Eis reichte, Lagunen und Moränen. Nach den Walfängern, den Rentieren und den Ratten kommt die neue Gefahr nicht mehr über das Meer, sie kommt aus der Atmosphäre, aus der Erwärmung der Welt, und an Ort und Stelle wird man dieses Mal wenig dagegen tun können.
Fallwinde kräuseln das Wasser, leichter Schneefall setzt ein. Unsere Expeditionsleiterin drängt zum Aufbruch. Ein letzter Blick zurück, dann verlassen wir Südgeorgien.
