
In der Wirtschaft wächst die Ungeduld, dass die Bundesregierung den Ausbau der Kreislaufwirtschaft nicht stärker voranbringt. Das Aktionsprogramm, welches die Transformation zur zirkulären Wirtschaft beschleunigen soll, lässt weiter auf sich warten. „Das schafft Unsicherheit und verhindert wertvolle Investitionen“, monierte Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Bolay äußerte sich zum Auftakt der Messe für Umwelttechnologie IFAT in München.
Deutschland ist seinen Worten zufolge in der Umwelttechnologie Weltmarktführer. Aber die Unternehmen brauchten Planungssicherheit und Signale aus der Politik, um der Transformation zur Circular Economy den nötigen Schwung zu geben. Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), forderte, „die Bundesregierung als Ganzes“ müsse das Thema Kreislaufwirtschaft anpacken. „Es fehlt der Aufbruch“, bemängelte er in einem Pressegespräch. Bislang stünden ökologische Aspekte im Fokus.
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), dessen Haus die Federführung für das Thema Kreislaufwirtschaft hat, hob am Montag in seiner Eröffnungsrede zur IFAT hervor, Umwelttechnologien seien kein „nice to have“, sondern Kernvoraussetzungen für „Souveränität, Sicherheit und Wohlstand“. Staaten weltweit stellten sich strategisch neu auf, um knappe Rohstoffe im Land zu halten, aber auch ihre Lebensgrundlagen und ihre Unabhängigkeit zu sichern. Für den Industriestandort Deutschland sei die Kreislaufwirtschaft ein „strategischer Wachstumsmotor“, wirbt der BDI. „Die zirkuläre Bruttowertschöpfung kann sich von heute 60 Milliarden Euro auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr 2045 mehr als verdoppeln – und das innerhalb bestehender Industrie- und Wertschöpfungsstrukturen“, heißt es in einer Studie des Verbandes, die am Dienstag auf der IFAT vorgestellt werden sollte.
Sekundärrohstoffe im Land halten
Mithilfe der sogenannten Kreislaufhebel in den Bereichen Maschinenbau, Bauwesen und Mobilität (Auto, Bahn, Batterien), Energiesektor und Textilindustrie ließen sich bis 2045 kumuliert 700 bis 800 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung generieren, erwarten die Studienautoren der Boston Consulting Group (BCG). Aber dafür müsse die Verfügbarkeit von Sekundärrohstoffen gesichert werden, mahnte Alexander Meyer zum Felde, globaler Leiter für Kreislaufwirtschaft der BCG.
Derzeit würden jährlich 85 Prozent der endgültig abgemeldeten Fahrzeuge in Deutschland als Gebrauchtwagen ins Ausland ausgeführt. Damit gingen perspektivisch strategisch wertvolle Materialien wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Seltene Erden verloren. „Absolut zentral“ sei zudem, die Nachfrage nach Recylingmaterialen und -produkten über die öffentliche Beschaffung zu stärken und die Kreislaufwirtschaft über die Digitalisierung anzukurbeln.
Deutschland ist die Volkswirtschaft in der EU mit dem größten mengenmäßigen Materialeinsatz. Doch bislang stammen nur rund 14 Prozent der industriell genutzten Materialien aus dem Recycling. Damit liegt die deutsche Wirtschaft zwar zwei Prozentpunkte über dem europäischen Durchschnitt. Italien komme auf einen Anteil von 21 Prozent und Frankreich auf 18 Prozent, heißt es in der Studie. Durch den systematischen Ausbau der Kreislaufwirtschaft ließen sich bis 2045 zwischen 20 und 40 Prozent der strategischen Rohstoffimporte ersetzen, ergeben Schätzungen.
Rohstoffabhängigkeit mindern
Der Import der sogenannten Seltenen Erden ließe sich durch Recycling und Wiederverwertung um bis zu 20 Prozent, der von Batteriematerialien um bis zu zehn Prozent senken. Für die Studie wurden nur zirkuläre Geschäftsmodelle betrachtet, die entweder schon heute wirtschaftlich tragfähig sind oder es bis 2045 unter stabilen Marktbedingungen werden könnten. Auch dürfe man nicht vergessen, dass Deutschland bei Schlüsselmaterialien für Zukunftstechnologien, etwa Lithium, Nickel und Seltene Erden, derzeit zu mehr als 99 Prozent auf Importe aus dem Ausland angewiesen sei, geben die Autoren zu bedenken.
Kreislaufwirtschaft sei kein Kostentreiber, sondern biete – bei richtiger Umsetzung – Margen- und Wachstumspotentiale, heißt es in der Studie. Im Maschinenbau ließen sich durch Generalüberholung und Aufarbeitung im Vergleich zur klassischen Neuproduktion um mehr als fünf Prozentpunkte höhere Margen erzielen. Das globale Marktpotential für Recyclinganlagen und Software für die Kreislaufwirtschaft könnte im Jahr 2045 auf 150 Milliarden Euro wachsen. Bis 2045 ließen sich rund elf Millionen Tonnen Treibhausgase zusätzlich einsparen und die Kosten der Energiewende um fast 40 Milliarden Euro senken.
Investitionen von 20 Milliarden Euro
Um das Potential der Kreislaufwirtschaft zu erschließen, sind Investitionen nötig: rund 20 Milliarden Euro bis 2045, vor allem für den Ausbau der Recycling-Infrastruktur. „Ein wesentlicher Teil der Investitionen wird durch die Industrie getragen“, heißt es in der Studie. Ob die Unternehmen dazu bereit wären, hänge auch davon ab, welche Rahmenbedingungen die Politik schaffe. Derzeit werde die Nachfrage nach Rezyklaten im Bausektor noch zu häufig durch regulatorische Barrieren und Zielkonflikte gehemmt: Der Anspruch an eine schadstofffreie Umwelt – konkretisiert etwa durch strenge Grenzwerte und Vorgaben aus dem Abfallrecht – kollidiere teilweise mit dem Ziel maximaler Verwertungsquoten, monieren die Autoren. Weitere Hürden seien uneinheitliche Qualitätsstandards, aufwendige Prüfprozesse und langwierige Genehmigungsverfahren.
