
Schon morgens beim Aufstehen können die Deutschen entscheiden, ob es mit diesem Land endlich wieder vorangeht. Da sitzen die Leute, starren ins Leere und stellen sich die alles entscheidende Frage: Gehe ich heute zur Arbeit – oder lege ich mich gemütlich wieder hin? So zumindest malt sich Friedrich Merz den Tagesbeginn in Millionen Schlafzimmern offenbar aus. Unternehmer klagen über hohe Krankenstände – und immer ist da der Verdacht: Die Leute wollen weniger arbeiten, sie machen jetzt mehr blau.
Zu diesem Eindruck trägt ein statistischer Irrtum bei. Die AOK meldet, ihre Versicherten seien im Jahr 2025 durchschnittlich 23,3 Tage krank gewesen – 3,6 Tage mehr als im Jahr 2021. Allerdings müssen die Ärzte seit 2022 ihre Krankschreibungen elektronisch weitergeben. Der gelbe Zettel, der bei kürzeren Krankheiten oft einfach liegen blieb, den gibt es nicht mehr – und die Krankheitstage werden jetzt vollständiger erfasst.
So wird munter zusammengemischt, was nicht zusammengehört. Die einen reden vom Blaumachen. Die anderen sagen: Seit der Pandemie bleiben Menschen mit Infekten eher zu Hause, damit sie niemanden anstecken. Was ist wahr? Und ist die Ansteckungsgefahr bei der Arbeit so groß? Niemand weiß es.
Kaum telefonische Krankschreibungen
Sicher ist allerdings: Das ist nicht das Kernproblem der deutschen Arbeitsunfähigkeit. Deutschland hat mehr Krankheitstage als der EU-Durchschnitt, und jeder Tag weniger hilft dem Aufschwung. Doch das Problem liegt nicht da, wo die Bundesregierung ansetzt.
Die telefonische Krankschreibung, die die Bundesregierung jetzt mit lauter Trommelei wieder abschafft, machte zwischen 2020 und 2023 nur rund ein Prozent aller AU-Bescheinigungen aus, so hat es eine Analyse des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung ergeben – und das war wohlgemerkt in der Pandemie, als die Leute die Wartezimmer in der Praxis vermutlich erst recht meiden wollten.
Dann will die Bundesregierung vorsehen, dass Arbeitnehmer vom ersten Tag ihrer Krankheit an krankgeschrieben sein müssen. Das soll wohl Blaumacher bremsen und manchen Arbeitnehmer, der sich nicht ganz fit fühlt, doch noch zur Arbeit bringen. Doch Kurzzeiterkrankungen mit ein bis drei Tagen machen auch nur sieben Prozent der Krankentage aus. Wenn man jeden zehnten Kurzzeitkranken von der Krankschreibung abhält, dann hätte das Land also 0,7 Prozent der bisherigen Krankentage gewonnen. Auf das Niveau der Zehnerjahre kommt man so nicht zurück.
Ein neuer Bürokratietreiber
Was Friedrich Merz vor wenigen Tagen stolz verkauft hat, ist also vor allem Symbolpolitik.
Nun kann auch Symbolpolitik wichtig sein. Wenn die Deutschen weiterhin ihre großzügige Sozialversicherung finanzieren wollen, dann müssen sie das Geld dafür erwirtschaften – und dazu wird künftig mehr Arbeit und mehr Anstrengung nötig sein. Da bietet sich dieses Symbol an: Keine Toleranz für diejenigen, die unsere großzügige Lohnfortzahlung schamlos ausnutzen! Doch der Preis ist zu hoch.
Zahlen würden ihn alle, die künftig noch länger im Wartezimmer ausharren müssten – womöglich auch mit dem Patienten, der ein Magen-Darm-Virus hat und keinen Arzt mit Videosprechstunde fand. Da wird aus lauter Misstrauen ein neuer Bürokratietreiber beschlossen, während die Regierung auf derselben Pressekonferenz betont, dass sie Bürokratie abbauen und den Deutschen mehr vertrauen möchte.
Doch mit diesen Regeln macht es sich die Regierung zu einfach. Wirksamer wäre es, die wahren Stellschrauben für die Fehlzeiten zu identifizieren. Deutlich zeigt sich zum Beispiel, dass psychische Erkrankungen zu immer mehr Fehlzeiten führen. Eine Debatte darüber könnte das Land weiterbringen.
Auch jeder Betrieb selbst kann einiges tun. Die Fehlzeiten unterscheiden sich auch innerhalb einer Branche oft von Unternehmen zu Unternehmen oft. Wer wenige Krankheitstage hat, der hat oft gute Führungskräfte: Chefs, die das Gespräch suchen, wenn ein Mitarbeiter oft fehlt. Eine solche Haltung lässt sich aus Berlin nicht verordnen, aber vielleicht vorleben. Das Misstrauen, das aus den neuen Regeln spricht, hilft jedenfalls nicht.
