Die Goldmedaille der Chelsea Flower Show haben in diesem Jahr Butterblumen, Brombeerranken und Brennnesseln bekommen. Sie wachsen in Sarah Eberles Schaugarten rings um einen gefällten Baumstamm, um einen rostigen Wassertank und allerhand Schutt herum. Die neugierigen Mitglieder der Royal Horticultural Society, der königlichen Gartengesellschaft, die ihre Jahresschau an den ersten Tagen ganz für sich haben, stehen in Dreierreihen um Eberles Gartenrechteck herum und staunen. Dabei ist Eberle, eine rekordpreisgekrönte englische Gartenarchitektin, nicht die Einzige, die absieht von kunstvoller Farbenpracht und aufsehenerregenden Neuzüchtungen und stattdessen die Alltagsnatur in ihrem rund 100 Quadratmeter großen Schaugrundstück ausstellt.
Gleich nebenan, beim Eden Project, wachsen in einem Garten, der „Bring mir Sonnenschein“ zum Motto hat, gelbe Schafgarbe, orangefarbener Sanddorn und violette Disteln. Das Eden Project ist ein gemeinnützig geführter botanischer Garten in Cornwall, der die Wechselwirkungen von Biotopen präsentiert und demnächst einen zweiten Standort an der nordenglischen Westküste eröffnen will. Die in Chelsea präsentierten Elemente sollen dort wiederverwendet werden, unter anderem die Trittplatten aus einem Zement, der mit Muschelabfällen aus der Fischerei angerührt wurde.
„Das sind hier meine Freunde“
Im Garten der Children’s Society, einer Wohltätigkeitsstiftung für Kinder, sind die Gartenwege mit recycelten Betonfliesen gepflastert. Auch dort wachsen Blumen, die nicht mit großen Blüten nach Aufmerksamkeit rufen. Im Schatten stehen weißes Salomonssiegel und kleinblütige weiße Spieren, in der Sonne Bauernrosen, Nachtkerzen und Klatschmohn. Patrick Clarke, der Designer dieser unaufdringlichen Idylle, gibt an, er habe ausgedienten Materialien einen neuen Zweck gegeben und einen Ort „makelhafter Schönheit“ schaffen wollen; einen „umweltbewussten Raum“, der Teenagern mit mentalen Krankheitsbildern einen Nutzen bieten könne.

Auch Sarah Eberles Schöpfung folgt einem Anliegen. Ihre Brachlandoase ist von der „Kampagne zum Schutz des ländlichen Englands“ zu deren hundertjährigem Bestehen gestiftet worden. Diese Bürgerinitiative hat in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erzeugt mit ihrem Widerstand gegen viele große Wohnungsbauvorhaben auf Grünlandflächen. Eberle sagt, für diesen Konflikt gebe es keine einfachen Lösungen. Sie habe mit ihrem Garten jedenfalls das Bewusstsein dafür wecken wollen, dass wohltuende Natur einen überall umgebe, auch auf den vernachlässigten Brachen ungenutzter Grundstücke oder am Feldweg hinter den letzten Häusern.
War es schwer, das Gewöhnliche zu inszenieren? Die Designerin lacht und sagt: „Na ja, wir sind hier in Chelsea“, da müsse sich auch aus Alltäglichem schon eine Komposition ergeben. Aber die Auswahl der Pflanzen sei für sie nichts Besonderes gewesen: „Das ist sowieso mein Stil“, nickt sie und breitet die Arme zwischen den Beeten mit den gelben Butterblumen und dem blauen Storchschnabel aus, „das sind hier meine Freunde“.
Der König zupfte am Sommermantel
Und wenn man hierzulande einen Garten anlege, „dann kann man die ja gar nicht draußen halten, die säen sich irgendwohin“. Ein bisschen hat aber auch Eberle ihrer Pflanzenvielfalt nachgeholfen und eine winzige wilde Müllkippe angelegt, einen kleinen Gärtnerabfallfleck, damit dort Fingerkraut und Cosmea wachsen können. Die kämen zwar nicht von selbst am Stadtrand vor; aber wenn jemand dort seinen Gartenabfall entsorge, „dann schon“.
Die Designerin bekommt in Chelsea nicht nur für ihren Schaugarten Lob; die neugierigen Besucher, die sie ansprechen, bewundern immer wieder ihren mit Pflanzenstängeln und Blüten bestickten Sommermantel. Der ziehe mehr Blicke auf sich als ihre Pflanzung, seufzt Eberle. Sogar König Charles habe beim traditionellen Rundgang der Königsfamilie am Vorabend am Stoff gezupft und gesagt: „Nice coat!“
Charles III. hat in diesem Jahr auf der Blumenschau fast einen eigenen Garten. Der Veranstalter, die Royal Horticultural Society, hat sich mit der King’s Foundation, der Wohltätigkeitsstiftung des Königs, zusammengetan und ein Areal bepflanzt, das in seiner fröhlichen Buntheit an die Einstecktücher und Krawatten des Monarchen erinnert. Da stehen Rittersporn – Charles’ Lieblingspflanzen – und Rosen, aber auch nützliche Pflanzen: rote Rhabarberstängel, Färber-Mädchenauge und ein Maulbeerbäumchen.
