
Für den Start einer neuen Kolumne muss man eine gute Geschichte ausgraben. Also, los geht’s: Im Sommer 2020 stand ich in einer Hose, die vom Schritt bis zu den Kniekehlen aufgerissen war, in der Umkleidekabine von Markus Lanz. Zum ersten und wahrscheinlich letzten Mal war ich vorher Gast in seiner Sendung gewesen. Ich war einer dieser berühmten Gäste, die ganz am Rand sitzen und bei denen man immer mitfiebert, ob sie überhaupt noch drankommen – oder ob Lanz am Ende den vernichtenden Satz sagt: „Sie müssen unbedingt noch mal wiederkommen!“
Ich hatte mir danach eigentlich trotzdem wenig vorzuwerfen, zumindest redete ich mir das ein: Lanz hatte lange mit Hannes Jaenicke über dessen Wildlachs-Reportage gesprochen. Wie hätte ich mich da einklinken sollen? Als ich endlich drankam, schlug ich mich nicht schlecht, trotzdem blieb mir vor allem ein Satz in Erinnerung, den Lanz in den ersten 70 Minuten immer wieder gesagt hatte: „Zu Ihnen komme ich gleich, Herr Eder!“
Heute geht es bei Lanz nur noch um Politik, schon allein deswegen werde ich dort als Gesellschaftsredakteur wohl nicht mehr auftauchen. Oder liegt es doch an der aufgerissenen Hose?
Als ich nach der Sendung meine Sachen packte, bückte ich mich, und mit einem riesigen „Ratsch“ riss die Anzughose, die ich kurz vorher in der Türkei gekauft hatte. Just in diesem Moment wurde ich zu Lanz in die Umkleide gerufen, wo er nach der Sendung kurz mit den Gästen plaudert. Ich war zu perplex, um noch die Hose zu wechseln, hoffte, dass der Riss nicht zu groß war und versuchte, bei dem folgenden Smalltalk vor allem frontal vor ihm und Jaenicke zu stehen – eine Taktik, die spätestens beim Rausgehen in sich zusammenbrach. Erst im Bad sah ich, dass die Hose wirklich bis zu den Kniekehlen aufgerissen war.
„Der Vater war, glaube ich, Gärtner“
Trotz allem habe ich an diesem Tag viel gelernt. Vor allem über Markus Lanz. Ich hatte ihn vorher immer dafür bewundert, wie gut informiert er Abend für Abend über völlig unterschiedliche Gäste und Themen war. Heute spricht Lanz so viel über politische Themen, dass er sich damit wirklich gut auskennt. Aber damals ging es erst um die Rente, dann um Wildlachs, dann um einen Kriminalfall, dann erzählte wahlweise ein Schwerkranker oder ein Weltreisender von seinem Schicksal.
Weil ich sehr tief in meinem Thema drin war (dem mutmaßlichen Mordfall Maddie), verstand ich bei meinem Gespräch aber Lanz’ Technik: Er hatte zu diesem Thema wahrscheinlich genau einen Artikel gelesen – die Informationen daraus trug er aber mit einem Selbstbewusstsein vor, als hätte er sich sein ganzes Leben lang mit nichts anderem beschäftigt.
Manchmal blitzt diese Technik heute noch in Lanz’ Podcast mit Richard David Precht auf. Mir gefällt eine Formulierung besonders gut: „Ich glaube . . .“, sagt Lanz oft, wenn er ein Detail nennt. Etwa so: „Der Wissenschaftler xy hat das mal schön formuliert, ich glaube im vierten Absatz in einem Aufsatz aus dem Februar 1893.“ Lanz hat diese Details vorher natürlich entweder von der Redaktion vorgelegt bekommen oder sich schnell noch angelesen. Durch sein „ich glaube“ klingt es aber, als hätte er es ganz hinten aus den Tiefen seines Hirns gekramt. Nicht ganz ideal ist es für ihn, dass der Podcast mittlerweile als Video abrufbar ist.
„Großartig!“
Kürzlich sah es doch sehr danach aus, als läse er gerade etwas ab, als er die Biographie von Jeffrey Epstein referierte und sagte: „Der Vater war, glaube ich, Gärtner.“ Herrlich war es hingegen, als Precht einmal von der ach so witzig aussehenden Widmung eines Autors in einem Buch schwärmte, die Seite in die Kamera hielt und Lanz begeistert rief: „Großartig!“ Dann ergänzte er: „Ich habe es nicht gesehen.“
Man kommt mit sehr viel Selbstbewusstsein also sehr weit. Lanz ist heute der beste und relevanteste Politik-Talkshow-Host des Landes, ich bleibe Fan. Fake it till you make it. Vielleicht hätte ich mich also doch einschalten sollen in das Gespräch über Wildlachs. Die Besetzung der Gästestühle war ja vorher klar, ich hätte mir Fakten draufschaffen können: „Herr Lanz, ich glaube, Wildlachse nutzen während ihrer Wanderung zurück ins Süßwasser spezielle magnetische Kristallstrukturen, sogenannte Magnetitkristalle in ihren Nasen oder im Hirngewebe, um das Erdmagnetfeld wahrzunehmen.“ Ich fürchte, man bringt es weit im Leben, wenn man so in Bewerbungsgespräche, Konferenzen und Talkshows geht.
So bleibt mir von diesem Tag immerhin ein schönes Selfie mit dem schönen Moderator in seiner Umkleidekabine. Mehr als 150 Likes habe ich dafür auf Instagram bekommen. Niemand wusste, wie sehr ich mich da wahrscheinlich gerade blamiert hatte: Lanz wollte sich im letzten Moment noch ein paar Schritte hinter mich stellen, wegen der Corona-Regeln. Bis heute frage ich mich zu oft: Hat er dabei das Loch in meiner Hose gesehen? Lachen er und Hannes Jaenicke noch manchmal über mich? Vielleicht will ich die Antwort gar nicht wissen. Manche Geschichten behält man lieber für sich. Einen Satz zitiere ich aber bis heute immer wieder gerne: „Zu Ihnen komme ich gleich, Herr Eder!“
In der Kolumne „Eder für sich“ schreibt Sebastian Eder einmal im Monat über das, was er in Darmstadt und der Welt erlebt.
