Sol war elf, als sie rekrutiert wurde. Sie konnte noch nicht richtig lesen, da lernte sie die Taktiken des Guerillakampfes, irgendwo im tiefsten Dschungel, wo genau das war, weiß sie nicht. Sol lernte, mit Waffen umzugehen, musste unter Stacheldraht hindurchrobben. An einer Eisenstange riss sie sich dabei den Bauch auf. Sol musste innerlich und äußerlich genäht werden, war wochenlang im Krankenhaus. Noch heute zieht sich eine große Narbe über ihren Bauch. Noch schlimmer aber sind die Wunden, die diese Zeit in ihrer Seele hinterlassen hat.
In ihrem Dorf, erzählt Sol, habe die Guerilla zum Alltag gehört. Sie erinnert sich daran, wie Kämpferinnen in der kleinen elterlichen Finca ein und aus gingen. Sie flochten ihr die Haare, bevor sie zur Schule ging. Ihr älterer Bruder schloss sich den Kämpfern an. Und als sie ihm schließlich folgte, waren auch schon viele andere dabei, die sie kannte. Sie habe damals älter ausgesehen als ihre elf Jahre und sei robust gewesen, sagt Sol heute fast rechtfertigend.
Kinder als billige Ressource
Seit in den Sechzigerjahren der Konflikt zwischen linken Guerillagruppen, Paramilitärs und dem kolumbianischen Staat ausbrach, werden in Kolumbien auch Minderjährige für den Kampf rekrutiert. Daran hat auch der Friedensvertrag mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) vor zehn Jahren nichts geändert. Offiziell wurde die größte Guerillagruppe Kolumbiens aufgelöst.
Tausende ihrer einstigen Kämpfer aber machen in unzähligen Splittergruppen weiter. Sie werden FARC-Dissidenten genannt. Ihr Antrieb ist nicht mehr ideologisch oder politisch, sondern rein wirtschaftlich. Sie kämpfen um Territorien und Korridore für die Produktion und den Schmuggel von Rauschgift und illegalem Gold – gegen die weiterhin aktive Guerillagruppe Nationale Befreiungsarmee (ELN), gegen andere bewaffnete Banden und untereinander.
Mehr als 25.000 Kämpfer sind laut Erhebungen des Forums humanitärer NGOs heute in Kolumbien aktiv. Das sind doppelt so viele wie 2021. José Luis Barreiro vom NGO-Forum macht dafür teilweise auch die Sicherheitspolitik von Präsident Gustavo Petro verantwortlich, die nicht auf militärische Konfrontation, sondern auf den Dialog mit allen bewaffneten Akteuren setzt. „Die Gruppen haben die Zurückhaltung des Staates genutzt, um sich zu stärken, wirtschaftliche Grundlagen aufzubauen und zu rekrutieren“, sagt Barreiro.

Jedes Jahr werden von den bewaffneten Gruppen Hunderte Jungen und Mädchen zwangsrekrutiert oder angeworben. Sie dienen als Schutzschilde, um die Armee von Angriffen abzuhalten, und stocken zugleich die Reihen der Kämpfer auf. Bereits Kinder von zehn Jahren an werden eingespannt, um Botengänge zu erledigen, Sprengsätze zu legen oder Drohnen zu steuern. Später werden sie in den Kampf geschickt. „Sie nutzen die Kinder als Kanonenfutter. Sie töten und werden getötet“, sagt Barreiro. Mindestens 45 Prozent aller Rekrutierungen betreffen heute Minderjährige, schätzt er. Vermutlich seien es mehr.
Ramón war 16 Jahre alt, als er in die Fänge von FARC-Dissidenten geriet. Er war eine leichte Beute. Er war damals in der Schule sitzen geblieben, kämpfte mit Selbstzweifeln und Depressionen. „Ich wollte meiner Mutter helfen“, sagt er. Ramón sieht jünger aus, als er ist, erzählt aber mit der Ernsthaftigkeit eines Erwachsenen, regungslos und ohne zu lächeln. Sein Name ist zu seinem Schutz geändert, Details seines Aussehens, über die er identifiziert werden könnte, sollen nicht beschrieben werden.
Die Einkünfte seiner Mutter, die als Haushaltshilfe arbeitete, erzählt Ramón weiter, hätten kaum ausgereicht, um die Familie über die Runden zu bringen. Mitschüler brachten ihn zu den FARC-Dissidenten, die im Ort das Sagen haben. Sie boten ihm ein Monatsgehalt von einer Million Pesos an, weniger als 250 Euro, aber mehr, als man als Tagelöhner in der Landwirtschaft verdient. Er sei, wie so viele andere, sagt Ramón, vom Geld verführt worden.
Ramón stammt aus dem Bergland des Caucas im Südwesten Kolumbiens. Hier hat sich der Kampf um die illegalen Märkte seit dem Rückzug der FARC besonders zugespitzt. Erst am letzten Aprilwochenende explodierte auf der Panamericana südlich der Metropole Cali eine Bombe. Sie riss einen gigantischen Krater in die Fernstraße und mehr als 20 Menschen in den Tod. Es war der folgenschwerste Anschlag einer ganzen Serie, die im April die Departements Cauca und Valle del Cauca erschütterte. In den sozialen Medien zirkuliert ein Pamphlet einer FARC-Zelle, in dem von der Fortsetzung des Konflikts die Rede ist und die Bevölkerung aufgefordert wird, sich auf Straßen und an stark besuchten Orten in Acht zu nehmen.

Ende Mai wird in Kolumbien ein neuer Präsident gewählt. Die politische Stimmung ist so aufgeheizt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dazu beigetragen hat auch die Ermordung des jungen konservativen Senators Miguel Uribe Turbay im vergangenen Jahr, der bis dahin als aussichtsreichster Oppositionskandidat gegolten hatte. Der Wahlkampf ist zu einer Sicherheitsdebatte geworden. Während der linke Kandidat und bisherige Senator Iván Cepeda versucht, den von ihm wesentlich mitgestalteten Kurs des „totalen Friedens“ von Gustavo Petro zu verteidigen, fordern rechte Herausforderer wie Abelardo de la Espriella und Paloma Valencia eine Politik der harten Hand.
Fernab der politischen Debatten und der großen Städte ist die Situation komplexer. Dort füllen die bewaffneten Gruppen auch ein Vakuum, das der Staat hinterlässt. Sie sind zugleich Schutzmacht und Arbeitgeber, Entführer und Ausbeuter. Wer den Menschen draußen auf dem Land zuhört, hört vor allem eines heraus: Angst. Und das nicht nur vor den bewaffneten Gruppen, sondern auch vor der Armee, vor neuen Kriegen und noch mehr Leid.
Nicht weit von dem Anschlagsort an der Panamericana liegt Santander de Quilichao. Die Kleinstadt mit rund 60.000 Einwohnern ist das Tor zum bergigen Hinterland des Caucas, wo Kokasträucher und Cannabispflanzen wachsen. Von der Stadt geht es hinunter zur Pazifikküste. Santander sei ein logistisches Drehkreuz, sagt Felipe Castillo Domínguez, der Ombudsmann der Stadt, der die Rechte der Bevölkerung vertritt. „Das Marihuana und das Koka fließen zusammen, um von hier aus die Weltmärkte zu fluten.“ Darüber hinaus habe der illegale Goldabbau massiv an Bedeutung gewonnen.
Das illegale Milliardengeschäft blüht mehr denn je – und umso härter wird darum gekämpft. Eine Karte, die die Präsenz bewaffneter Gruppen in den Gemeinden des Caucas zeigt, gleicht einem bunten Mosaik. Wo sich früher die 6. Front der FARC und die kolumbianische Armee gegenüberstanden, herrscht heute ein Vielfrontenkleinkrieg zwischen allerlei Banden. Die Mordrate im Cauca liegt bei etwa 60 pro 100.000 Einwohnern und damit fast dreimal so hoch wie im nationalen Durchschnitt.
Jede Woche würden allein in Santander drei bis fünf Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren ermordet, sagt Castillo. „Der Tod von Jugendlichen hat sich normalisiert.“ Viele dieser jungen Menschen stammten aus Familien, die vor der Gewalt in den umliegenden ländlichen Gemeinden in die Stadt geflohen seien, sagt Castillo. In Santander gerieten sie dann häufig in eine Armutsfalle aus Perspektivlosigkeit und Kriminalität. Für bewaffnete Gruppen seien sie leichte Beute.
„Ein Gewehr in die Hand zu nehmen und zu schießen, ist nicht einfach“
Ramón bekam als neues Mitglied zunächst einfache Aufgaben in seiner Gemeinde. Zusammen mit Gleichaltrigen war er für Besorgungen, Straßensperren und das Konfiszieren von Motorrädern zuständig. Um nicht erkannt zu werden, hätten sie Tarnanzüge und Sturmmasken getragen, erzählt er. Er habe versucht, den Anschein der Normalität zu wahren, sei eine Zeit lang sogar noch zur Schule gegangen. Seiner Mutter sagte er, er verdiene das Geld mit Gelegenheitsjobs.
Dann aber wurde Ramón eingezogen und in einem Lastwagen in eine Region gebracht, in der seine Gruppierung mit einer Einheit der ELN um die Vorherrschaft kämpfte. Ramón erzählt, er sei mit der Situation vollkommen überfordert gewesen und habe sich während der Gefechte die meiste Zeit hinter Bäumen und Felsen versteckt. „Ein Gewehr in die Hand zu nehmen und zu schießen, ist nicht einfach“, sagt er. „Es war sehr hässlich.“ Er bereue sehr, dass er sich darauf eingelassen habe.
Ramóns Reue erklärt sich auch mit einem Gefühl des Verrats an seinem Volk. Von Santander de Quilichao führen kurvige Straßen in die Berge. Die Hitze der Stadt weicht kühler Luft, die Zuckerrohrfelder in der Ebene bleiben zurück, am Hang liegen kleine Häuser, Kaffeepflanzungen, Weiden und Wald. Hier beginnt das Territorium der Nasa, eines der größten indigenen Völker Kolumbiens, das seit Jahrzehnten um Land, Autonomie und sein kulturelles Überleben kämpft – und dem auch Ramón angehört.

Die Präsenz bewaffneter Gruppen in ihrem Gebiet, die staatliche Vernachlässigung und die Ausbreitung legaler wie illegaler Wirtschaftszweige haben eine ungewöhnlich starke Selbstorganisation hervorgebracht. Die Nasa haben politische Gremien, Gerichte, eigene Schulen. Und sie haben eine Art Bürgerwehr, die Guardia Indígena.
Vorwurf des Völkermords
Am Wegesrand warten einige ihrer Mitglieder in blauen Westen auf Motorrädern. Sie tragen keine Waffen bei sich, sondern lediglich ihren mit bunten Bändern geschmückten „Bastón de mando“, den traditionellen Autoritätsstab, ein Symbol kollektiver Verantwortung und territorialer Selbstbestimmung. Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, ihr Volk zu schützen, insbesondere die Kinder, die sie als „Samenkörner“ bezeichnen.
Doch diese Aufgabe wird immer schwieriger. Zwei von drei Zwangsrekrutierungen im Cauca betreffen Indigene. In den vergangenen vier Jahren wurden hier mehr als 800 minderjährige Indigene rekrutiert. Allein in diesem Jahr verschwanden bereits mehr als 50 Kinder, von denen nur 32 wiedergefunden wurden – einige tot. Auch Dutzende Angehörige der Guardia Indígena sowie politische und spirituelle Anführer der Nasa haben ihren Widerstand seit dem Friedensabkommen mit dem Leben bezahlt.

Mauricio Capaz, der Delegierte für Menschenrechte beim Regionalen Indigenenrat von Cauca (CRIC), spricht von einem Ethnozid, einem kulturellen Völkermord. Die bewaffneten Gruppen zielten darauf ab, die kulturelle und spirituelle Identität der indigenen Gemeinden zu zerstören und ihren Widerstand zu brechen, sagt er. An die Stelle der Ideologie der einstigen Guerilla sei eine Narco-Kultur getreten, mit der Jugendliche verführt würden. Der Cauca sei für die bewaffneten Gruppen zu einer Art „Vorratskammer“ geworden, aus der Kinder für den Krieg im ganzen Land „exportiert“ würden.
Capaz spricht im Zusammenhang mit der Rekrutierung von „emotionaler Nötigung“, die gezielt dort ansetze, wo Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung oder familiären Situation instabil seien. Auch der scheinbar freiwillige Eintritt in eine Gruppe sei deshalb als Zwangsrekrutierung zu verstehen. „Wir stehen mit den Gruppen in einem nicht erklärten Krieg um die Kindheit.“
Und dieser Krieg tobt nicht nur im Cauca. Mehr als 70 Prozent aller Gemeinden in Kolumbien stehen direkt oder indirekt unter Kontrolle einer bewaffneten Gruppe. Gerade in abgelegenen ländlichen Regionen üben sie soziale Kontrolle über die Bevölkerung aus, verhängen Ausgangssperren und erlassen Regeln, denen man sich fügen muss. Laut Erhebungen des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) waren 2025 rund 1,6 Millionen Kolumbianer von den Folgen des bewaffneten Konflikts betroffen, dreimal so viele wie im Jahr zuvor. Die Zahl der Vertriebenen erreichte laut OCHA im vergangenen Jahr mit fast 100.000 den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung.
Flucht unter Lebensgefahr
Auch Sol ist heute eine Vertriebene. Als sich die Kämpfe in ihrer Region intensivierten und an einem einzigen Tag bei einem Angriff 17 ihrer Kameraden getötet wurden, beschloss ihr älterer Bruder, sie herauszuholen. Sol hatte Glück, dass ihr gerade ein Urlaub bewilligt worden war, um ihre Eltern zu besuchen. Sie nutzte die Gelegenheit und flüchtete zu einer Verwandten in ein benachbartes Departement. Bald stellte sie jedoch fest, dass sie beobachtet wurde. „Ich sah immer wieder dieselben Männer auf Motorrädern“, erzählt sie. Später kamen Drohbriefe, in denen der Kommandeur ihrer Einheit sie aufforderte, wieder anzutreten. Er drohte ihr und ihren Eltern mit dem Tod. „Sie hätten uns alle umgebracht“, sagt Sol.
Als Sol zurückkehrte, wurde sie zwei Wochen lang festgehalten. Die Kämpfer nahmen ihr das Handy weg und durchsuchten es mit einer Software nach gelöschten Nachrichten und GPS-Daten. Dann ließen sie das Mädchen wieder frei und befahlen ihr, das Haus ihrer Eltern nicht zu verlassen. Als Sol einige Zeit später die Nachricht erhielt, dass ihr Freund angeblich im Kampf getötet worden sei, ergriff sie abermals die Flucht – und kehrte nicht mehr zurück.
Auch Ramón schaffte es, zu entkommen. Nach mehreren Wochen im Gefecht floh er und geriet dadurch in Lebensgefahr. „Wenn man ihnen nicht mehr dient, streichen sie einen von der Liste“, erklärt er – und meint damit, dass Deserteure hingerichtet werden. Nachdem er sich in sein Dorf zurückgeschlagen hatte, wandte sich Ramón gemeinsam mit seiner Mutter an die Lehrer und die Wächter der Guardia Indígena. Er erzählte ihnen alles. Die Behörden halfen ihm, einen Platz in einer Einrichtung in der Hauptstadt Bogotá zu finden.
Seit einigen Monaten lebt Ramón nun im Internat von Benposta, einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe, die minderjährigen Opfern des bewaffneten Konflikts ein neues Zuhause bietet und ihnen ermöglicht, einen Schulabschluss zu machen. 90 Kinder und Jugendliche aus allen Landesteilen sollen hier in einer demokratisch organisierten Struktur zurück in ein normales Leben finden. Auch Sol gehört dazu. Sie ist jetzt 17 und fast fertig mit der Schule.
Sol träumt davon, bald Veterinärmedizin zu studieren. Ihr größter Wunsch aber ist es, ihre Eltern aus der Finca in ihrem Dorf zu holen. In den vergangenen Jahren hat Sol ihren Freund, ihren Bruder und zwei Tanten verloren. Sie wurden Opfer eines Konflikts, der sein Gesicht verändert hat, jedoch nicht seine Grausamkeit. Sol fürchtet, auch noch ihre Eltern zu verlieren. Die Angst ist ihr geblieben.
