Im Juni erreichten dreißig Tonnen Kokain das spanische Festland. Die gründlich organisierte Reise endete aber anders als geplant. Statt auf dem europäischen Markt landeten die Drogen in einer spanischen Verbrennungsanlage. Mehr als 800 Millionen Euro gingen in Rauch auf. Zwei Tage und zwei Nächte dauert die Vernichtung. Es war die größte Menge Kokain, die jemals auf der ganzen Welt bei einer einzelnen Polizeiaktion sichergestellt wurde.
Ursprünglich stammte das Kokain von einem Frachtschiff namens Arconian, das spanische Sicherheitskräfte Anfang Mai vor der Westsahara durchsucht hatten. Die Route des Schiffes war ungewöhnlich: Es hatte südamerikanisches Kokain an Bord, war aber in Sierra Leone in See gestochen – eine neue Afrikaroute der Schmuggler, auf der sie sich so sicher fühlen, dass dort immer größere Mengen verschifft werden. Sierra Leone ist ein kleines Land mit knapp neun Millionen Einwohnern, aber mittlerweile ein wichtiger Knotenpunkt für den internationalen Drogenhandel.
Europäische Länder gehören schon seit Jahren zu den wichtigsten Absatzmärkten für Kokain, Spanien ist innerhalb Europas zu einem zentralen Drehkreuz geworden. Allein dort vernichteten die Behörden in diesem Jahr mehr als 300 Tonnen Rauschgift. Die Drogen werden von größeren Schiffen in Ufernähe gebracht und dort mit kleinen Schnellbooten abgeholt, die an andalusischen Stränden anlanden. Genau dort also, wo sich jetzt viele Urlauber drängen. Die Arconian hatte für solche Transferfahrten 45.000 Liter Benzin in Kanistern an Bord.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Experten befürchten, dass Europa für die Drogenmafia in Zukunft noch bedeutsamer wird, weil die Trump-Regierung ihr Militär angewiesen hat, Schmugglerboote in der Karibik zu jagen. Also suchen die Händler neue Märkte in Europa. Der direkte Weg über den Atlantik wird mittlerweile besser überwacht als in der Vergangenheit. Deswegen gewinnt seit etwa 2019 der Umweg über Westafrika an Bedeutung, so beobachtet es Lucia Bird, Leiterin des Westafrikateams der Global Initiative against Transnational Organized Crime (GI-TOC). Der Zwischenstopp in Ländern wie Sierra Leone oder Guinea-Bissau verursacht zusätzliche Kosten, aber die sind geringer als das Risiko, die gesamte Fracht durch Beschlagnahmung zu verlieren.
Die Arconian dümpelte mehr als zwei Wochen in der Nähe des Hafens von Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone. Vier Tage lang war sie am größten Kai des Hafens vertäut und wurde mit in Plastikfolie eingehüllten Kokainballen beladen. Die Experten vermuten, dass die Drogen aus Südamerika an Bord verschiedener Schiffe in kleineren Ladungen nach Freetown transportiert und dort über längere Zeit gesammelt wurden.

Bemerkenswert ist, dass die Polizei von alldem nicht alarmiert wurde. Seit mindestens fünf Jahren habe es keine Beschlagnahmung von Drogen im Hafen von Freetown gegeben, heißt es in dem von GI-TOC erstellten Index über die globale Kriminalität. Als das Schiff beladen und der Zeitpunkt günstig war, setzte sich die Arconian unter der Flagge der Komoren in Fahrt. Ihr offizielles Ziel: Libyen.
Die Westafrikaroute bietet den Schmugglern viele günstige Bedingungen. Die lange Küste lässt sich nur schwer kontrollieren. Mancherorts kommen Korruption und schwache staatliche Institutionen hinzu. In einigen der ärmsten Länder der Welt gibt es viele Helfer, die an dem illegalen Milliardengeschäft mitverdienen wollen.
Die meisten westafrikanischen Küstenstaaten sind heute stärker in den Welthandel integriert als in der Vergangenheit. Vielerorts wurde kräftig in die Infrastruktur der Häfen investiert. In einigen haben sich die Containerfrachtmengen seit 2010 mehr als verdoppelt. „Diese Fortschritte sind phantastisch für den legalen Warenfluss mit Rohstoffen oder Agrarprodukten, aber es entstehen auch mehr Chancen für illegale Aktivitäten“, sagt die Beobachterin Bird. Einige westafrikanische Staaten haben sich von reinen Transitländern zu Knotenpunkten mit moderner Logistik auf den Kokainhandelsrouten entwickelt.
Das Kokain ist doppelt so viel wert wie die Entwicklungshilfe
Wegen der 30 Tonnen Kokain auf der Arconian schauen nun alle auf Sierra Leone. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Bürgerkriegs ist dort nur eine leichte wirtschaftliche Erholung bemerkbar. Das Gesundheitswesen ist weiterhin auf internationale Hilfen angewiesen. Die Drogendealer haben in solchen Ländern eine immense Kaufkraft. Allein der Wert des Kokains auf der Arconian entspricht einem Zehntel der Jahreswirtschaftsleistung von Sierra Leone – und ist mehr als doppelt so hoch wie die von der EU gewährte Entwicklungshilfe in den Jahren 2021 bis 2027. Die betrug immerhin 352 Millionen Euro.
Sierra Leone ist schon lange als Schmugglerparadies bekannt. 2008 sorgte die Landung eines zweimotorigen Privatflugzeuges aus Venezuela auf dem Flughafen in Freetown für Aufsehen. Die Polizei fand 700 Kilogramm Kokain an Bord, das Flugzeug trug ein gefälschtes Rotes-Kreuz-Emblem. Vor wenigen Jahren stieß der Zoll in Antwerpen auf 7,7 Tonnen Kokain, versteckt unter Sojabohnensäcken auf einem Frachter. Ein Jahr später brachte eine britische Bande 1,3 Tonnen Kokain nach Großbritannien. Und vor wenigen Wochen stellten deutsche Behörden acht Tonnen Kokain im Hafen von Wilhelmshaven sicher. Die Drogen hatten immer eines gemein: Sie wurden über Sierra Leone transportiert.
Ein ranghoher Beamter der spanischen Guardia Civil sagt, dass es auf hoher See manchmal zugehe wie „an einem Taxistand“. So dicht drängen sich die kleinen Schnellboote der Schmuggler in internationalen Gewässern und warten auf „Mutterschiffe“ wie die Arconian, um deren Drogenfracht an Land zu bringen. Diese dezentrale Verteilung verringert die Risiken und ist das zweite Standbein des neuen Schmugglermodells.
Dabei werden die Kanarischen Inseln immer mehr zu einer ersten Drehscheibe für den Kokainschmuggel, bevor es an die Atlantik- und Mittelmeerküsten Spaniens weitergeht. Die spanischen Schmuggler haben viel Erfahrung und eine über Jahrzehnte aufgebaute Infrastruktur. „Erst schmuggelten sie Tabak aus Gibraltar nach Spanien, dann Haschisch aus Marokko. Jetzt haben sie gemerkt, dass sich mit Kokain ein noch rentableres Geschäft machen lässt“, sagt Francisco Mena. Als Vorsitzender der Organisation Alternativas kämpft der pensionierte Elektriker dafür, die Abhängigkeit eines der ärmsten Gebiete Spaniens vom Rauschgift zu verringern. Von seinem Wohnort in der Nähe von Algeciras kann er die Straße von Gibraltar sehen.
Im Haus eines Chefinspektors wurden 20 Millionen Euro gefunden
Früher war der Hafen von Algeciras einer der wichtigsten europäischen Umschlagplätze für Kokain. 2024 fanden spanische Beamte dort in einem Container mit Bananen aus Ecuador 13 Tonnen Kokain – die bis dahin größte je beschlagnahmte Menge – mit einem Wert von rund einer halben Milliarde Dollar. Die Schmuggler hatten offenbar sogar Hilfe durch spanische Polizeibeamte: Im Haus eines Chefinspektors in der Nähe von Madrid wurden 20 Millionen Euro gefunden. Das vor zwei Jahren zerschlagene Netzwerk soll in der Lage gewesen sein, jedes Jahr bis zu tausend Container aus Lateinamerika unkontrolliert nach Spanien zu bringen.

In den vergangenen Jahren hat die Polizei in Algeciras härter durchgegriffen. Mena von Alternativas sagt, die Schmuggler seien mit ihren Schnellbooten deshalb in Richtung Barbate, Cádiz und Huelva ausgewichen. Die Atlantikküste ist schwerer zu überwachen, besonders der Nationalpark von Doñana und der Guadalquivir, wo kaum jemand wohnt. So konnte der Fluss zu einer Art Autobahn für Schmuggler werden, die bis kurz vor Sevilla reicht. Die Schnellboote biegen in das Labyrinth von Reisfeldern ab oder verstecken ihre Ladung in einem der vielen Gewächshäuser am Ufer.
Der spanische Innenminister kündigte vor wenigen Tagen an, für die Flussmündung und zwei Seitenarme des Guadalquivir mobile schwimmende Barrieren anzuschaffen, um die Schmugglerboote zu stoppen. Das ist Teil eines Sonderplans, mit dem die spanische Regierung seit 2018 in der Region gegen den Drogenhandel kämpft. Die jüngsten Zahlen machen deutlich, welche Sisyphusarbeit das ist: Es gab mehr als 48.000 Einsätze, 32.400 Ermittlungsverfahren und Festnahmen. Rund 2200 Tonnen Rauschgift wurden beschlagnahmt.
Das alles hält die Schmuggler nicht auf. „Mit einem Schnellboot lässt sich alles transportieren. Wenn es morgen rentabel wäre, Melonen zu transportieren, dann würden die Schmuggler das tun“, sagt Mena. Früher warfen sie Haschisch im Notfall einfach weg, um der Polizei zu entkommen. Seit sie auf Kokain umgestiegen sind, sind die Schmuggler aggressiver geworden. „Kokain wird mit Kriegswaffen verteidigt, weil es zwanzigmal so viel wert ist“, sagt Mena. Gemeint sind Sturmgewehre vom Typ AK-47, mit denen sie auf Polizisten feuern und deren Boote rammen.
Die Boote der Schmuggler sind bis zu 140 Kilometer pro Stunde schnell
Im Mai kamen zwei Beamte der Guardia Civil ums Leben, als ihre Patrouillenboote vor Huelva kollidierten. Die mächtigen Außenbordmotoren der Schnellboote haben oft mehr als tausend PS und sind bis zu 140 Kilometer pro Stunde schnell. So können sie der Polizei problemlos entkommen. Die Schmuggler fühlen sich so sicher, dass sie in Häfen Schutz suchen, wenn es auf dem Meer zu sehr stürmt – wie im März 2024 in Barbate. Dort jagten Schmuggler ein kleines Schlauchboot der Polizei, nahmen Anlauf und überfuhren es. Zwei Beamte kamen ums Leben. Genauso wie später ein portugiesischer Polizist auf dem Guadiana-Grenzfluss.

Jetzt versuchen die Behörden, zumindest den Hintermännern das Leben schwer zu machen. Der Treibstoffverbrauch der Schnellboote ist hoch. Bei Razzien wurden Zehntausende Liter Benzin beschlagnahmt. Kürzlich wurde auch das spanische Strafrecht verschärft. Es sieht für den Besitz, die Lagerung und die Lieferung von Treibstoff, der für den Drogenhandel bestimmt ist, Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren vor.
Angesichts der großen Zahl der Boote wirkt das eher hilflos. An der Straße von Gibraltar zählt das Maritime Operations- und Überwachungszentrum (Covam) 600 Schnellboote. Deren jüngster Bericht stuft die Aktivitäten der Rauschgiftmafia wegen Racheakten, Entführung und des Einsatzes von Kriegswaffen als eine Bedrohung für die nationale Sicherheit ein.
Auch andere europäische Länder sehen sich von den Schmugglern akut bedroht und fordern entschlossene Einsätze an Knotenpunkten wie Sierra Leone. Dort lebt einer der meistgesuchten Kriminellen Europas seit Jahren unbehelligt: Jos Leijdekkers, Spitzname „Bolle Jos“. In den Niederlanden und in Belgien wurde er in Abwesenheit zu Haftstrafen von insgesamt achtzig Jahren verurteilt – wegen groß angelegten Kokainhandels und Gewalttaten, darunter ein Auftragsmord. An seinem neuen Wohnort aber war er Anfang 2025 in einem Video beim Neujahrsgottesdienst zu sehen – zwei Reihen hinter dem Präsidenten Julius Maada Bio und einträchtig neben dessen Tochter Agnes. Beide sollen liiert sein, angeblich haben sie ein gemeinsames Kind.
Die Niederlande fordern die sofortige Auslieferung von Jos Leijdekkers
Als das Schmugglerschiff Arconian von der spanischen Polizei gestoppt wurde, dachten viele an Jos Leijdekkers. Der niederländische Justizminister David van Weel drang wütend auf seine Auslieferung. Die Behörden und Europol setzten eine Belohnung von 200.000 Euro für Hinweise aus, die zu seiner Festnahme führen. Auch ein Stopp der EU-Entwicklungshilfe an Sierra Leone wurde gefordert. Ein Land, das einer der meistgesuchten Personen in Europa Schutz gewähre, dürfe nicht auch noch Geld vom europäischen Steuerzahler erhalten, sagt van Weel.
Aus Freetown heißt es seit Monaten, man befasse sich mit den Auslieferungsdokumenten. Der Rechtsweg müsse genau eingehalten werden. Der dortige Informationsminister wies Behauptungen zurück, wonach die Regierung mit einem Schwerstkriminellen verbunden sei. Dafür gebe es keine Beweise. Im Übrigen werde ein Einfrieren der Entwicklungshilfe nur „unschuldige Menschen“ treffen. Ein anderer Minister aus Sierra Leone teilte mit, die Niederlande könnten ja ihre eigene Marine schicken, um Leijdekkers festzunehmen, wenn sie so genau wüssten, wo er sich aufhalte.
