Was wir vor zehn, zwanzig Jahren Extremwetter genannt haben – und oft noch immer so nennen –, ist schon jetzt nicht mehr selten. In zehn Jahren wird es normales oder sogar vergleichsweise kühles Sommerwetter sein. Natürlich wird es auch neue Hitzewellen geben, die dann bei über 40 Grad liegen werden, und Starkregenmengen, wie wir sie noch nie gesehen haben.
Wie können wir uns auf die Hitzewellen der Zukunft vorbereiten?
Wenn wir über Klimawandel reden, haben viele die krassen Bilder von Starkregen oder Dürren im Kopf. Aber Hitzewellen sind die mit Abstand tödlichsten Extremwetterereignisse. Schon heute sterben in Europa jedes Jahr Tausende Menschen an den Folgen extremer Hitze. Und die Hitzewellen der Zukunft werden heißer sein als alles, was wir bislang erlebt haben.
Darauf und auf andere Wetterereignisse sollten wir die Städte vorbereiten: Kurzfristig brauchen Menschen, die in schlecht isolierten Wohnungen leben, kühle Orte, wo sie hingehen können. Langfristig braucht es mehr Bäume, mehr Grünflächen und weniger versiegelte Flächen, wo das Wasser nicht abfließen kann. Straßen mit Bäumen können während einer Hitzewelle fünf Grad kühler sein als Straßen ohne Bäume.
Es gibt zum Beispiel in Berlin-Rummelsburg die sogenannte Schwammstadt. Eine Siedlung in dem Stadtteil wurde schon umgebaut. Es gibt viele Wasserflächen und viel Grün, damit die Gebäude kühler sind. Die gesundheitlichen Folgen der Hitze werden auch durch die Luftverschmutzung verstärkt. Langfristig müsste man radikal sagen: raus mit den Autos aus den Innenstädten, wo Menschen wohnen. Eine kurzfristige Maßnahme wäre, dass es wie bei der Ölkrise Fahrverbote gibt.
Wir werden uns an den Anblick von Bäumen ohne Blätter im Sommer gewöhnen müssen
Der Sommer wird zudem im Südosten von Deutschland deutlich trockener werden. Also in Bayern, Thüringen und Sachsen. Dort werden nicht nur dadurch, dass die Temperaturen stark ansteigen und mehr Wasser verdunstet, Dürren intensiver, sondern auch häufiger, da es weniger regnet. Wir werden uns also an den Anblick von kargen Bäumen ohne Blätter im Sommer gewöhnen müssen, wenn wir weiterhin nicht schnell handeln.
In Norddeutschland werden die Winter hingegen deutlich nasser. Es werden nämlich vermehrt Tiefdruckgebiete vom Atlantik zu uns ziehen. Diese Entwicklung vom trockenen Süden und nassen Norden zieht sich durch ganz Europa, und die Grenze verläuft eben auch durch Deutschland.
Eine der großen Auswirkungen des Klimawandels ist, dass sich die Jahreszeiten verschieben. Der Frühling beginnt eher, alles sprießt und blüht früher. Wenn es dann plötzlich kalt wird, wird das mehr Schäden anrichten, auch wenn es insgesamt weniger Kälteeinbrüche geben wird.
Deutscher Wein von der Nordsee?
Auch auf die Hitze ist die Landwirtschaft nicht vorbereitet. Wir sehen das jetzt schon in den Weinbaugebieten, die sich verschieben. Es wird ja bereits in England oder Dänemark Wein angebaut. Vielleicht trinkt man in zehn Jahren deutschen Wein von der Nordsee?
In zehn Jahren könnte es jedenfalls in anderen Regionen in Europa, wo traditionell Wein angebaut wird, zu heiß sein. Für viele andere Nutzpflanzen, die wichtig sind für die globale Ernährung, sind die Konsequenzen viel dramatischer.
Wie schnell sich Deutschland in zehn Jahren verändert haben wird und wie lange der Klimawandel fortschreitet, hängt davon ab, wie viele Treibhausgase wir weiterhin ausstoßen. Derzeit erhitzt sich das Klima um etwa 0,3 Grad pro Dekade.
Wir wissen sehr genau, was wir dagegen tun können
Die 1,5-Grad-Marke im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ist in den letzten Jahren bereits überschritten worden. In den letzten zehn Jahren hat sich die Rate an Öl, Kohle und Gas, die global verbrannt wurden, erhöht. Wenn wir die Emissionen reduzieren, verlangsamt sich die Erwärmung. Dann wären es vielleicht nur noch 0,1 Grad pro Dekade. Erst wenn wir die Emission global auf null senken, stabilisierte sich auch die Temperatur.
Was mir Hoffnung macht? Wir wissen sehr genau, was auf uns zukommt. Wir wissen auch, was wir dagegen tun können: Die Lösungen sind bekannt, der rechtliche Rahmen für mehr Klimaschutz ist vorhanden. Umfragen zeigen, dass eine große Mehrheit der Menschen mehr Klimaschutz möchte. Das hat sich auch nicht wirklich geändert durch die geopolitische Lage.
Es gäbe eine breite Unterstützung dafür, Politik zu machen, die das Leben in zehn Jahren für uns alle besser machen würde, anstatt Reiche immer reicher zu machen.
Friederike Otto forscht als Physikerin und Klimatologin am Imperial College in London. Buch: „Klimaungerechtigkeit. Was die Klimakatastrophe mit Kapitalismus, Rassismus und Sexismus zu tun hat“. (Ullstein)
Morgen: Teil 7 der Serie mit Verena Pausder.

