
Haben Sie auch eingefleischte Fußballfans in der Nachbarschaft? Also nicht irgendwelche Erfolgsfans, die nur zu ihrem Verein stehen, wenn es gut für ihn läuft. Sondern so richtige Fans. Zum Beispiel solche, die ihrem Herzensverein selbst über viele Jahre durch ein Tal der Tränen nicht von der Seite weichen. Die trotz enttäuschter Aufstiegsversprechen in der vierten Liga eine Dauerkarte haben. Unsereiner ist von Fans der Offenbacher Kickers umzingelt. Mitten in Oberhessen. Der Himmel kennt den Grund. Zumal diese Gegend im Grunde als „Eintracht-Gebiet“ gilt. Wobei es dort natürlich auch richtige Fans anderer Fußballvereine gibt und das nicht zu knapp.
„Eintracht-Gebiet“ also. Diese schon etwas größenwahnsinnig anmutende Zuschreibung interessiert die OFC-Nachbarn nicht die Bohne. Die jüngeren unter ihnen machen das auch gerne an vielen Stellen deutlich. Sie hinterlassen alle möglichen Aufkleber mit OFC-Emblem. An Laternenmasten, auf Verteilerkästen, auf Straßenschildern. Das haben Fans des Erz-Rivalen vom Main natürlich spitz gekriegt. Und sie wappnen sich auf besondere Weise, um die Provokation zu kontern.
Nachwuchs-Ultra mit Sturmhaube, dunkler Brille und Helm
Eines Abends fährt ein junger Mann vor. Mit Sturmhaube, dunkler Brille und Helm. Auf einem robusten Rad. Als wolle er zum Downhill-Fahren in den nahen Wald. Das will er aber nicht. Vielmehr kramt er, der aussieht wie ein kleiner Darth Vader, aus einer Tasche kleine Schildchen hervor. Er zieht von einem Schildchen ein transparentes Papier ab, reckt sich und klatscht den Aufkleber auf das Sackgassenschild über seinem Kopf. Und dann noch einen. Genau über zwei Kickers-Sticker.
„Gießen bleibt schwarz weiss“ steht auf den Stickern. Das ist etwas unpassend. Zum einen ist Gießen eine halb Radstunde entfernt. Zum zweiten scheinen die Aufkleber hellrot. Denn als Hintergrundbild dient eine Aufnahme von dem mit entflammten Bengalos grell beleuchteten Zaun der Nordwestkurve im Waldstadion. So wirken die Aufkleber auf den ersten Blick wie solche von Basketball-Fans der Gießen 46ers („Unsere Liebe ist rot“).
Dem Nachwuchs-Ultra scheint das egal zu sein. Er wendet das Rad um 90 Prozent und sich selbst dem nächsten Straßenschild zu und danach einem Zaun an einem Privatgrundstück. Dumm nur, dass er dabei beobachtet wird. Und das ausgerechnet von zwei jungen OFC-Fans, die hinter dem Zaun wohnen. Der folgende streitige Wortwechsel ist unausweichlich. Ob sie auch schlagkräftige Argumente austauschen? So weit kommt es dann doch nicht.
Der Nachwuchs-Ultra mit dem Adler im Herzen gestikuliert noch etwas herum. Dann packt er im Angesicht der Übermacht seine Aufkleber ein, wendet sein Rad und fährt davon. Ob er aus Wut über die erlittene Schmach an anderer Stelle seine Aufkleber besonders beherzt an Straßenschilder klatscht, ist nicht sehen.
Dessen ungeachtet hat die Begegnung vielleicht etwas Gutes: Mit Niederlagen umzugehen, will gelernt sein. Am besten lässt er seine Klebe-Touren einfach bleiben.
