Einer der größten deutschen Unternehmer ist tot. Klaus-Michael Kühne ist am Sonntagabend in seinem Haus im schweizerischen Schindellegi gestorben. Er wurde 89 Jahre alt. Kühne hatte das von seinem Vater übernommene Speditionsunternehmen Kühne + Nagel zu einem der größten Logistikkonzerne der Welt entwickelt.
Der hochgewachsene Mann mit dem kantigen Kopf und dem wie mit dem Lineal gezogenen Seitenscheitel wirkte auf den ersten Blick streng und unnahbar. Doch dieser Eindruck verflog im persönlichen Gespräch. Da war er zugewandt, offen und interessiert. Zuletzt jedoch kehrte er immer mehr in sich. Kühne litt unter Polyneuropathie, wie er im Frühjahr 2025 im Gespräch mit der F.A.Z. selbst sagte. Weil die Nerven in den Füßen geschädigt waren, konnte er nicht mehr allzu lange stehen und gehen. Das war für den umtriebigen Macher, der sein Leben lang viel unterwegs war und gerne zwischen seiner Wahlheimat Schweiz, seinem Haus auf Mallorca und seinem Geburts- und Herzensort Hamburg pendelte, schon schwer zu ertragen.
Schwerer Kampf gegen die Nervenkrankheit
Doch dann entwickelten sich aus seiner Krankheit heraus viele weitere Probleme. In den vergangenen Monaten, so verlautet aus seinem persönlichen Umfeld, erlosch langsam sein Lebenswille. Er ging nicht mehr zu Sitzungen und überlegte, alle Ämter niederzulegen. Schließlich gab der Mann, den sein Vertrauter Wolfgang Peiner einmal treffend als „Kämpfer“ bezeichnet hat, den Kampf auf. Er starb im Beisein seiner Frau Christine.
Kühne hinterlässt ein gewaltiges Vermögen. Das Magazin „Forbes“ veranschlagt es auf 44 Milliarden Dollar. Über derlei Schätzungen und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit war Kühne nie glücklich. Schließlich, so sagte er, stünden die Milliarden nur auf dem Papier, in Form der Aktienkurse jener Unternehmen, an denen er beteiligt ist, die er aber als strategischer Investor im Gegensatz zu reinen Finanzinvestoren nicht wieder verkaufen wollte. Über seine private Kühne-Holding besaß er die Mehrheit von Kühne + Nagel, 30 Prozent an der Container-Reederei Hapag-Lloyd, 20 Prozent der Lufthansa, 20 Prozent des Chemikalienhändlers Brenntag, Beteiligungen an Flix und Aenova sowie Hotels und zahlreiche Immobilien.

Die Basis für Kühnes Vermögen schuf einst sein Großvater August Kühne, der im Jahr 1890 gemeinsam mit Friedrich Nagel in Bremen eine Spedition gründete. Nach Nagels Tod ging die Firma vollständig in den Besitz der Familie Kühne über. Der jüdische Mitgesellschafter Adolf Maass musste seine Anteile nach der Machtergreifung der Nazis 1933 abtreten.
Klaus-Michael Kühne trat nach einer Bank- und Außenhandelslehre in das Familienunternehmen ein und übernahm auf Druck seines Vaters Alfred schon im Alter von gerade einmal 29 Jahren die Führung. Rückblickend war das etwas abenteuerlich, weil ihm die Erfahrung fehlte. „Zu Beginn habe ich viele Fehler gemacht“, gestand Kühne vor ein paar Jahren im Gespräch mit der F.A.Z. ein. Das größte Debakel erlitt er, als ihn der Ölboom zu Beginn der Siebzigerjahre dazu verleitete, in das Reedereigeschäft einzusteigen. Die fremdfinanzierte Übernahme von fünf Frachtschiffen entwickelte sich zu einem Fiasko, aus dem er sich nur mithilfe eines externen Partners befreien konnte.
Er musste schon früh Verantwortung übernehmen
Kühne hat unternehmerisch aber auch sehr viel richtig gemacht. Früher als viele seiner Konkurrenten reiste er nach Asien und Amerika und baute dort Stützpunkte auf. Das globale Logistiknetzwerk war der Schlüssel zum Erfolg von Kühne + Nagel, das heute mit 80.000 Mitarbeitern in 100 Ländern arbeitet und auf einen Jahresumsatz von 25 Milliarden Schweizer Franken kommt. Trotzdem erfasste Kühne immer wieder die Angst, dass sein Unternehmen den Bach runtergehen könnte. Nach dem Ausbruch von Corona sei er regelrecht in Panik verfallen und habe um die Zukunft seines Lebenswerks gebangt, heißt es im Umfeld des Konzerns. Dabei kam es ganz anders: Kühne + Nagel profitierte ebenso wie Hapag-Lloyd von den angespannten Lieferketten, weil Kunden fast jeden Preis zahlten, um ihre Waren ans Ziel zu bringen. Erst die vielen Milliarden an pandemiebedingten Sonderdividenden aus diesen beiden Beteiligungen ermöglichten ihm, größter Aktionär der Lufthansa zu werden.
Ein stiller Gesellschafter war Kühne noch nie. Wo er investierte, redete er auch mit. So kritisierte er einst im Gespräch mit der F.A.Z., die Lufthansa habe sich mit ihren vielen verschiedenen Airlines total verzettelt und zugleich die Kernmarke vernachlässigt. Der 1,90 Meter große Vielflieger monierte außerdem die gedrängte Enge der Sitze auf Air-Baltic-Partnerflügen der Lufthansa-Tochtergesellschaft Swiss.
Ehrliche Worte zum missratenen Engagement bei Benko
Nicht alles, was Kühne anpackte, wurde zu Gold. Mit dem Engagement bei René Benkos inzwischen bankrotter Luxus-Immobiliengesellschaft Signa Prime verlor er nach eigener Aussage eine halbe Milliarde Euro. Hier zeigte sich eine Schwäche Kühnes: Er war fasziniert von Unternehmertypen und ließ sich zuweilen von diesen blenden. Immerhin hatte er die Größe, seine eigene Fehleinschätzung einzugestehen („Benko hat mich um den Finger gewickelt“). Damit unterschied er sich von Ko-Investoren wie dem Unternehmensberater Roland Berger und dem Schweizer Schokoladenkönig Ernst Tanner (Lindt & Sprüngli).
Seine ursprünglich aus Schlesien stammende und später in Aachen beheimatete Frau Christine hatte Kühne einst im Urlaub in der Schweiz kennengelernt. Das war insofern ungewöhnlich, als der rastlose Unternehmer sich eigentlich nie Urlaub im klassischen Sinne gönnte. Nicht einmal auf Mallorca suchte Kühne Erholung, sosehr er die Sonne des Südens schätzte. Vielmehr liefen seine Tage auf der Ferieninsel meist genauso ab wie daheim: Nach der morgendlichen Runde auf dem Hometrainer ging es an den Schreibtisch, von dem er sich nur zum Mittagessen löste, um hernach gestärkt weiter zu werkeln. Arbeit war sein Lebenselixier.
Große Liebe zu Hamburg und dem HSV
Während Kühne an seinem Schreibtisch über Geschäftszahlen und Projekten brütete, leistete ihm seine Christine oft Gesellschaft. Die beiden teilten ihre Liebe zur Oper und zum Fußballklub Hamburger SV, in dem Kühne viele Millionen versenkte. Kühne hatte die ein Jahr jüngere Christine erst vergleichsweise spät im Leben kennengelernt. Das Paar hat keine Kinder. Daher soll sein Vermögen dereinst in den Besitz der von seiner Familie gegründeten Kühne-Stiftung übergehen. Dort wird Christine Kühne wohl keine dominierende Rolle spielen. Sie sitzt zwar im Stiftungsrat und war die treibende Kraft für das 2009 in Davos ins Leben gerufene Zentrum zur Erforschung und Therapie von Neurodermitis. Aber den Stiftungsvorsitz und damit die Kontrolle über das gewaltige Beteiligungs- und Immobilienvermögen soll ein erfahrener Manager übernehmen.
Es handelt sich um eine größten und mächtigsten Stiftungen Europas, die je nach Höhe der Dividendenausschüttungen jährlich mehr als eine Milliarde Euro für gemeinnützige Zwecke ausgeben könnte. Nach dem erklärten Willen Kühnes soll das Geld auch künftig in universitäre Logistiklehre, medizinische Forschung, Kultur und Klimaforschung fließen. Besonders am Herzen lag ihm seine Kühne Logistics University in Hamburg, die sich seit ihrer Gründung 2010 zu einem wichtigen Ausbildungszentrum für die gesamte Branche entwickelt hat.
Dunkle Schatten der Vergangenheit und eine klare Haltung
Der Schwerpunkt von Kühnes Mäzenatentum lag in seiner geliebten Geburtsstadt – was ein besonderes Licht auf den gemeinwohlverpflichteten Hanseaten wirft, der er immer geblieben war, auch wenn er Hamburg wegen des 1969 vom Vater angestoßenen Umzugs der Firma in die Schweiz einst verlassen musste. Jüngst hatte der Musikliebhaber 330 Millionen Euro für den Bau einer neuen Oper zugesagt. Das ist die größte Schenkung, die Hamburg je erhalten hat. Allerdings ist sein Einsatz umstritten. Denn über Kühnes Familien- und Firmengeschichte liegt ein dunkler Schatten. Unter dem Nazi-Regime transportierte Kühne + Nagel im großen Stil Möbel und Hausrat geflohener oder deportierter Juden aus den Westgebieten ins Deutsche Reich und wurde dafür als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet.
Klaus-Michael Kühne hatte mit alledem nichts zu tun, er war bei Kriegsende gerade einmal sieben Jahre alt. Aber Kritiker warfen ihm vor, dass er die Nazivergangenheit seines Vaters und der Firma nicht umfassend wissenschaftlich aufarbeiten habe lassen. Er selbst begründete das damit, dass die Firmenarchive in Bremen und Hamburg im Krieg zerstört worden seien, sich also nicht viel finden lasse. Und von den Möbeltransporten habe er überhaupt erst 2015 erfahren.
Kühne selbst hatte eine klare demokratische Haltung. Er dachte, auch darin ganz Hanseat, in gesellschaftlichen Zusammenhängen und damit auch weit über den wirtschaftlichen Tellerrand hinaus. Und er meldete sich engagiert zu Wort. Die AfD fand er schlicht fürchterlich; die SPD sah er als Reformbremse.
Kühne nahm kein Blatt vor den Mund und fürchtet sich auch nicht, einem Donald Trump unverblümt die Leviten zu lesen („er sollte sich möglichst schnell verabschieden“). Damit unterschied er sich von so manchen politischen Duckmäusern in den Chefetagen börsennotierter Unternehmen, die nirgendwo anecken wollen, um bloß kein Geschäft zu verlieren.
