
Die Geschehnisse am Anleihemarkt haben Anleger zuletzt in Atem gehalten – die Staatsanleiherenditen haben Höhen weltweit wie zuletzt vor 15 oder fast 20 Jahren erreicht. Unter anderem der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr sah in den steigenden Renditen an den Anleihemärkten ein Warnsignal. Man müsse sich um die Stabilität an den globalen Anleihemärkten Sorgen machen. Und er sagte: „Die Gefahr einer größeren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell sehr hoch.“
Schlagzeilen zu einer möglichen Finanzkrise hat der Kapitalmarktstratege Klaus Kaldemorgen eher mit Unbehagen gelesen: „Eine Finanzkrise wird das nicht auslösen“, betonte er bei einem Pressegespräch der Fondgesellschaft DWS. Kaldemorgen sieht die Gefahr einer Krise weniger in der Staatsverschuldung als in den bislang beispiellosen Ausgaben für KI-Infrastruktur, insbesondere für Rechenzentren. Unklar sei, wie viele zusätzliche Kapazitäten benötigt werden und ob sich die Investitionen rechneten. Die fünf Hyperscaler werden dieses Jahr schätzungsweise 800 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur und im kommenden Jahr fast eine Billion Dollar investieren. Zu dieser Gruppe gehören Meta, Amazon, Alphabet, Oracle und Microsoft, welche die Infrastruktur bestimmen.
KI: Diversifikation und Klumpenrisiko minimieren
Als historische Parallele verwies er auf den Ausbau des amerikanischen Eisenbahnnetzes ab 1869. „Das endete damals durchaus in einem Börsendesaster und auch in einer Rezession“, sagt er. Die Eisenbahnlinie verband Ost- und Westküste, wofür die Bahngesellschaften großzügige staatliche Zuschüsse und große Landgebiete erhielten. Überinvestitionen und konkurrierende Strecken mündeten schließlich in einen wirtschaftlichen Abschwung, aber hinterließen eine wichtige Infrastruktur. Bis der Markt um Künstliche Intelligenz gesättigt sei, dürften noch einige Jahre vergehen. Niemand wisse derzeit allerdings genau, wie viele zusätzliche Kapazitäten benötigt würden.
Möglich ist laut Kaldemorgen ein „deutlicher Einbruch der Branche“. Nicht alle Investitionen könnten sich letztlich rechnen. Das werde für Verwerfungen sorgen, besonders bei Chipproduzenten. Hyperscaler seien aber in der Lage, auch dann genügend Wachstum zu erzielen. „Doch die Volatilität an den Märkten müssen wir fürchten“, warnte Kaldemorgen. Deswegen sollte man auf Diversifikation setzen und das Klumpenrisiko minimieren. Stärker, als es der MSCI World und US-Leitindizes aktuell bieten. Der MSCI World investiert derzeit in keine Schwellenländer und über 70 Prozent in US-Aktien und ist damit stark von wenigen großen amerikanischen Technologiekonzernen und deren KI-Geschäft abhängig.
Im DWS Concept Kaldemorgen, den der Kapitalmarktstratege selbst aufgelegt hat und mittlerweile Christoph Schmidt managt, wurde das Klumpenrisiko angepasst. „KI spielt eine Rolle, aber reduziert“, erklärt der Fondsmanager. Durch Kursgewinne war der Anteil KI-bezogener Titel zwischenzeitlich auf 40 Prozent gestiegen und wurde im Mai auf ein Drittel des Aktienportfolios reduziert. Der Fokus liegt nun mehr auf Hyperscalern anstatt KI-Ausrüstern, die die für Künstliche Intelligenz benötigte Infrastruktur liefern, von Spezialchips bis hin zur Stromversorgung der Rechenzentren.
Der DWS-Fonds hält derzeit etwas mehr als 40 Prozent seines Portfolios in Aktien. Davon entfallen 15 Prozent auf US-Aktien, rund 20 Prozent auf Titel der Eurozone. „Im Depot braucht man ein Gegengewicht zu KI“, sagt Schmidt, deshalb setze er auf defensive Branchen, wie Versicherer und Gesundheitstitel und zyklische Branchen, vor allem europäische Finanzwerte.
