Wenn Fernsehkommissare nicht heillos in ihr Privatleben verstrickt sind, hat das einen großen Vorteil: Sie können in Ruhe ermitteln, anstatt sich um plötzlich auftauchende Väter oder ignorante Töchter kümmern zu müssen. Das macht den Charme der im deutsch-französischen Grenzgebiet spielenden Reihe „In Wahrheit“ aus.
Wir haben es bei dem Duo Judith Mohn (Christina Hecke) und Freddy Breyer (Robin Sondermann) mit Profis zu tun, die auf Zickereien verzichten. Im aktuellen Fall – „Die Liebe und der Tod“ (Regie Kirsten Laser, Drehbuch Dinah Marte Golch, Isabell Serauky) müssen sie den Mord an Tobias Schicker aufklären, der in der Wohnung seiner Ex-Freundin Katrin Sommer (Maude Andrey) gefunden wurde. Von der indes fehlt nach einem Streit mit ihrem Liebhaber Hannes Großmann (Pascal Houdus) jede Spur.
Gestörtes Bindungsverhalten und übersteigerte Verlustangst
Ihre Lust am Beziehungsterror aber hat sich die junge Frau offenbar bewahrt, denn sie quält den braungelockten Hannes mit Hassbotschaften und Drohungen. Bald weitet sich das Stalking auf Hannes’ Umfeld aus. Dessen Ex-Freundin Laura (Nurit Hirschfeld) gerät ebenso ins Visier der Rachsüchtigen wie die Ex-Frau Natascha und der gemeinsame Sohn, der zum Geburtstag ein hübsch verpacktes Geschenk bekommt – darin befindet sich eine tote Ratte.
Dass sich die Kommissare auf Katrin Sommer als Täterin konzentrieren, liegt auf der Hand, doch als Zuschauer wird einem schnell klar, dass dieser Fall nicht derart einfach liegen kann. Zumal auch der Therapeut der Verdächtigen jeglichen Hang zur Aggression abspricht. Ein gestörtes Bindungsverhalten sowie übersteigerte Verlustangst führen freilich nicht automatisch zur Gewalt.
Das Ermitteln in die Irre lässt viel Raum für die Stalking-Opfer, die unter dem psychischen Druck zunehmend weder ein noch aus wissen und sich von der Polizei im Stich gelassen fühlen. Denn die kann auch nicht mehr sagen als: „Passen Sie auf sich auf.“ Nur, was hilft ein solcher Satz, wenn das eigene Auto in die Luft fliegt – und der niedliche Hund gleich mit? Die Kamera (Rodja Kükenthal) fängt die Verzweiflung der Opfer ein, ohne diese in ihrer Not bloßzustellen.
Mehr als 20.000 Anzeigen wegen Stalkings gibt es jedes Jahr in Deutschland. Die Dunkelziffer ist hoch: Schätzungen zufolge liegt sie bei etwa 600.000 Fällen. Jedem vierten Beziehungsmord geht Stalking voraus. Die Täter sind in den allermeisten Fällen Männer. In diesem Kriminalfall hat man es mit einer Frau zu tun, die das Ende einer Liebe nicht wahrhaben will. Im letzten Drittel nimmt der Krimi allerdings eine Wendung, die derart kühn ist, dass man staunt. Ein Tick weniger Drama wäre glaubwürdiger gewesen.
