Der maskuline politische Look der Zwanzigerjahre ist der blaue Anzug. Nicht elegant hanseatisch-blau, wie ich es in der Kindheit zu besonderen Anlässen beobachten konnte. Auch nicht das Kurz-nach-Sonnenuntergang-Blau, auf das ich später zu sprechen kommen werde. Sondern dieses Rechtspopulisten-Blau, irgendwo zwischen Taube und Textmarker. Der Kanzler trägt das, der Finanzminister, manchmal haben sie das auf Fotos alle an. Der heimliche ästhetische Triumph der AfD.
Darüber habe ich mich privat einige Male so geäußert, dass ich mir keineswegs selbst einen blauen Anzug zulegen konnte. Bis ich im Urlaub auf Sizilien war, gerade endlich einmal keine Liste von irgendetwas abzuarbeiten hatte und deshalb mehrfach Hochzeiten beobachtete. Auch in Deutschland kommt man manchmal zufällig an einer vorbei und denkt sich, der Geschmack der Herren ist gar nicht so weit von dem der Rechtspopulismus-Blau tragenden Politiker entfernt. Auf bestenfalls die Hälfte trifft das Attribut „schick“ zu.

Nun aber Sizilien. Die sagenhafte Quote von 100 Prozent gut sitzender Anzüge mit schönen Schnitten, Stoffen, Farben, passenden Hemden, manchmal Krawatten. Übrigens auch die Frauen-Outfits. Und das nicht nur einmal. Denn wir sahen an mehreren Orten mehrere Hochzeiten. Und immer dasselbe Bild. Der Sizilianer zieht sich einfach schön an. Als wir auf der Rückreise in Mailand haltmachten und durch Zufall durch die Modemeile der Stadt schlenderten, die Schaufenster beobachteten und die Preise schnell wieder übersahen, dachte ich mir, dass das Werk der Pioniere in Italien vielleicht doch eine breitere Wirkung hat.
Sizilianer meiden den Farbton zwischen Taube und Textmarker
Niemand übrigens trug diesen Farbton zwischen Taube und Textmarker. Aber sehr wohl blau: Kurz-nach-Sonnenuntergang-Blau. Auch auf Sizilien schlenderten wir durch die Modemeilen. Da waren die Preise aber einladend, denn es war Sommerschlussverkauf, und die Anzüge kosteten nur ein Drittel des ursprünglichen Preises. Also nahm ich mir vor, ganz am Ende, vor der Abfahrt mit der Fähre, ein Mitbringsel zu shoppen.

Man geht dann also mit kurzer Hose und Flipflops in einen dieser Läden, findet Schnitte und Farben, die man sich gar nicht vorgestellt hätte. Nun war aber mein Leitsatz, keinen blauen Anzug zu erwerben. Nur in Italien – und vielleicht ja auch anderswo – gibt es neben hanseatisch-blau, Kurz-nach-Sonnenuntergang-blau, AfD-blau eben auch noch ein ganz anderes Blau. Irgendetwas zwischen dem, was die Farbstiftfirma Faber-Castell preußisch-blau und indanthrenblau nennt, gestreift mit einem klassischen Grau-Ton.
Der Verkäufer fragte mich, ob ich am Anfang meiner Reise sei. Ich antwortete, dass dies unser Abreisetag sei, wir mit dem Rucksack reisten und deshalb alles gut tragbar in einer Papiertüte verstaut werden müsse. Ich meine, ein leichtes Naserümpfen erkannt zu haben. Meinen Vorsatz habe ich gebrochen. Ich habe einen blauen Anzug gekauft, aber er hat nicht die dominierende Anzugfarbe der Zwanzigerjahre. Es gibt Alternativen.
