
Kurz nachdem Jens Spahn vor einigen Wochen öffentlich gemacht hatte, dass er und sein Mann mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden waren, gab Bundesfamilienministerin Karin Prien dem Portal „The Pioneer“ ein Interview. Darin antwortete sie auf die Frage, ob die CDU ihre Position zur Leihmutterschaft ändern könnte, unter anderem mit der Anmerkung: Bei der Adoption könne eine Debatte lohnend sein, ob die Altersgrenze von 40 Jahren heute noch zeitgemäß sei.
Es war keine direkte Antwort auf die Frage des Interviewers. Aber sie lässt die Interpretation zu, dass die Ministerin die strengen Regeln für adoptionswillige Paare als einen der möglichen Gründe ansieht, warum Menschen mit Kinderwunsch nach weniger komplizierten Wegen suchen als bei einer klassischen Adoption. Es sind die Wege, die die moderne Reproduktionsmedizin bietet – inklusive verschiedener Möglichkeiten im Ausland, die in Deutschland verboten sind. Auch bei diesen Wegen gibt es Hürden zu überwinden, meist sind es aber vor allem finanzielle, weniger solche, die die eigenen Lebensumstände bis ins Kleinste überprüfen, bevor man ein Kind anderer Eltern adoptieren darf.
Aus Kreisen der Kinder- und Jugendhilfe hört man, dass auch dort über diese Thesen diskutiert wird – schon länger. Belegen lassen sich solche Zusammenhänge aber nicht. Eine kausale Verknüpfung zwischen den fortschreitenden Möglichkeiten der Kinderwunschmedizin und den sinkenden Adoptionszahlen gibt es nicht – nur Erhebungen, die zeigen, dass die Zahl der reproduktionsmedizinischen Behandlungen seit Jahren steigt und die der Adoptionen fällt. Weder das Statistische Bundesamt noch Mediziner werten aus, ob Paare, die eine Kinderwunschbehandlung beginnen, zuvor eine Adoption erwogen haben. Auch die Zahl der Kinder, die über eine Leihmutterschaft im Ausland entstehen und in Deutschland leben, wird nicht statistisch erfasst.
Prüfungen, Seminare, Hausbesuche für Adoptionswillige
Adoptionen dürfen in Deutschland nur von zugelassenen Stellen vermittelt werden – von Jugendämtern, anerkannten freien Trägern oder Auslandsvermittlungsstellen. Adoptieren kann, wer mindestens 25 Jahre alt ist; bei Ehepaaren genügt es, wenn ein Partner 25 ist und der andere mindestens 21. Ehepaare können nur gemeinsam adoptieren. Seit 2017 sind verheiratete gleichgeschlechtliche Paare bei der Adoption grundsätzlich gleichgestellt; nach Auskunft von Fachkräften aus der Vermittlungspraxis haben sie bei den Adoptionsdiensten dieselben Chancen wie heterosexuelle Paare. Unverheiratete Paare können ein Kind dagegen nicht gemeinsam annehmen. Die Adoption eines Kindes durch Alleinstehende ist zwar möglich, kommt aber nur in Ausnahmefällen für die Vermittler in Betracht.
Ein gesetzliches Höchstalter gibt es hingegen nicht. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums soll der Altersabstand zum Kind aber „einem natürlichen“ entsprechen. Die Empfehlungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter nennen dafür in der Regel 40 Jahre – gemeint ist also nicht ein Höchstalter der Bewerber, sondern der Abstand zum Kind. In der Praxis bevorzugen Jugendämter für einen Säugling deshalb Paare unter 40 Jahren. Geprüft würden bei adoptionswilligen Paaren außerdem Gesundheit, Einkommen und Wohnverhältnisse, ein erweitertes Führungszeugnis, die Stabilität der Partnerschaft, die Bereitschaft, dem Kind offen von seiner Herkunft zu erzählen.
Dazu kommen Hausbesuche und Vorbereitungsseminare. Aus all den erhobenen Daten entwickeln die Ämter Kriterien, nach denen entschieden wird, welche Bewerber ein zu vermittelndes Kind zu welchem Zeitpunkt bekommen könnten. Auf eines dieser Kinder kommen im Schnitt hierzulande rund fünf Bewerber. Wer das rund einjährige Prüfungsverfahren durchlaufen hat, kann also keineswegs sicher sein, auch ein Kind zu bekommen.
Adoptionen auf niedrigstem Stand seit der Wiedervereinigung
2025 wurden in Deutschland 3517 Kinder adoptiert, vier Prozent weniger als im Jahr zuvor. Das ist der niedrigste Stand seit der deutschen Wiedervereinigung. 45 Prozent dieser Kinder wurden 2025 von ihrer Stiefmutter angenommen, 30 Prozent vom Stiefvater. 21 Prozent wurden gemeinsam von einem verschiedengeschlechtlichen Paar adoptiert, drei Prozent von einem gleichgeschlechtlichen. Der Rest entfiel auf verwandte oder nicht verwandte Einzelpersonen. Für 2024 weist die Statistik aus, dass bei den gleichgeschlechtlichen Paaren, die gemeinsam adoptierten, mit 74 Prozent die Männerpaare überwogen. Der Anteil der Stiefkindadoptionen ist zwischen 2010 und 2025 von 54 auf 75 Prozent gestiegen. Der Grund: Wird ein Kind in eine bestehende Partnerschaft zweier Frauen hineingeboren, kann die Partnerin die Rechtsstellung eines leiblichen Elternteils bislang nur über eine Stiefkindadoption erlangen.
Die klassische Fremdadoption, wie sie für Paare mit unerfülltem Kinderwunsch infrage kommt, nimmt unter all diesen Formen nur eine geringe Zahl ein: Bei 819 der 3517 adoptierten Kinder war genau das 2025 der Fall, das waren so wenige wie nie zuvor. Tiefstände waren auch bei den für eine Adoption vorgemerkten Kindern mit 642 und den Adoptionsbewerbungen mit 3187 Fällen erreicht. All diese Zahlen machen deutlich: Neben strikten Regeln für die Bewerber stehen auch immer weniger Kinder überhaupt zur Verfügung. Die Chancen, durch die Aufnahme eines fremden Kindes Eltern zu werden, sind also gering.
Der Rückgang der zu adoptierenden Kinder hat neben den neuen Möglichkeiten in der Reproduktionsmedizin, wie das Deutsche Jugendinstitut sagt, vor allem gesellschaftliche und rechtliche Gründe. Uneheliche Geburten sind nicht mehr stigmatisiert, Verhütungsmittel und soziale Unterstützung sind besser geworden, allein ein Kind großzuziehen, wird nicht mehr verurteilt. Die Jugendhilfe setzt zudem vermehrt auf sogenannte frühe Hilfen in Familien. Sie sollen Probleme rechtzeitig erkennen und eine Trennung von Kind und Eltern verhindern.
Auslandsadoptionen spielen kaum noch eine Rolle
Für Auslandsadoptionen gelten hierzulande seit 2002 durch das Haager Adoptionsübereinkommen strenge Regeln, die durch das Adoptionshilfegesetz 2021 noch einmal verschärft wurden. Auslandsadoptionen sind heute wenn überhaupt nur noch über eine zugelassene Vermittlungsstelle möglich. Die sogenannten Privatadoptionen, die früher immer wieder stattfanden, sind strikt verboten.
Daneben hat die Forschung gezeigt, dass die Annahme, es gehe Kindern aus prekären Verhältnissen in armen Ländern hierzulande in einer Familie immer besser, schlichtweg falsch war. Die Belastungen sind nicht selten im Laufe des Lebens höher als der Gewinn, in einer intakten Familie aufgewachsen zu sein. Zudem sind die ethischen Bedenken gestiegen, und die typischen Herkunftsstaaten versorgen ihre Kinder zunehmend selbst. Gerade einmal 56 Kinder kamen 2025 noch über eine Auslandsadoption nach Deutschland. Sie stammten zum größten Teil aus Thailand, Südafrika, Burkina Faso und Sri Lanka.
Keine Konzepte für Adoptionen durch Pflegeeltern
Allerdings gibt es einen Bereich im Adoptionswesen, auf den eher stiefmütterlich geschaut wird – die Möglichkeit der Adoption von Pflegekindern. Dabei sieht das Gesetz genau dafür eine Prüfung vor: Ist eine dauerhafte Unterbringung außerhalb der eigenen Familie das Ziel, weil eine Rückkehr zu den Eltern nicht in Betracht kommt, muss geprüft werden, ob eine Annahme als Kind möglich ist. In der Praxis, so das Deutsche Jugendinstitut, werde diese Prüfung aber wenig umgesetzt. Für einen Datenreport hat das Institut Fachkräfte sowie Pflegeelternteile befragt. Das Ergebnis: Die Mehrzahl der Fachkräfte berichtete, keine festen Absprachen oder Konzepte für die Umsetzung dieser Gesetzesvorgabe zu haben.
Dabei, so steht es in einem Thesenpapier des Deutschen Jugendinstituts, deuten internationale Befunde darauf hin, dass sich der Status Adoptivkind oder Pflegekind mittel- und langfristig auf die Entwicklung der betroffenen Heranwachsenden auswirkt. Die Vorteile einer Adoption im Vergleich zu einem langjährig stabilen Pflegeverhältnis scheinen vor allem in einer größeren emotionalen Sicherheit und Stabilität für die Kinder zu liegen. Eine schwedische Langzeituntersuchung etwa analysierte Geschwisterpaare, bei denen einige Kinder adoptiert wurden, andere in der Vollzeitpflege verblieben. Im Erwachsenenalter erreichten adoptierte Kinder häufiger einen Universitätsabschluss, waren öfter berufstätig und wiesen eine höhere psychische Stabilität auf.
Ein möglicher Erklärungsansatz für diese Unterschiede ist laut den Verfassern eine stärker ausgeprägte gefühlte Sicherheit bei Adoptionen, die mit einem höheren psychischen Wohlbefinden der Kinder und dadurch mit Entwicklungsvorteilen in Verbindung steht.
Unsicherheit schreckt potentielle Pflegeeltern ab
Pflegeeltern erziehen stellvertretend, haben kein vollumfängliches Sorgerecht und damit oft keine eindeutige Rechtssicherheit. Das schreckt Menschen mit Kinderwunsch ab. Viele wollen deshalb lieber direkt adoptieren. Würde dem Gesetz gefolgt und darüber aufgeklärt, dass die Möglichkeit der Adoption in einem Pflegeverhältnis besprochen und geprüft werden muss – natürlich immer im Sinne des Kindeswohls und immer mit der Zustimmung der leiblichen Eltern oder der Sorgerechtsverantwortlichen –, wären vielleicht mehr Menschen bereit, mit einem Pflegekind zur Familie zu werden. So zumindest lautet die Annahme einiger Experten und Verbände.
Im vergangenen Dezember startete Bundesfamilienministerin Karin Prien eine Pflegeelternkampagne. Unter dem Titel „Zeit, die prägt“ will ihr Ministerium die Bedeutung von Pflegefamilien sichtbarer machen und mehr Menschen für diese Form des gemeinsamen Lebens gewinnen. Spürbar angekommen ist von diesen Vorhaben bislang aber wenig.
Aus Sicht von Fachverbänden läge es darum näher, die aktuelle Diskussion rund um die private Entscheidung von Jens Spahn zu nutzen, um auf die Möglichkeiten der Adoption von Pflegekindern aufmerksam zu machen, anstatt über eine Altersgrenze bei der Adoption zu debattieren. Ein größerer zulässiger Altersabstand würde die Zahl der Adoptionen auch gar nicht heben, da dadurch ja nicht mehr Kinder zur Adoption stünden, sondern nur noch mehr Bewerber; Letztere gibt es auch mit den aktuellen Regeln schon mehr als Kinder.
Anders sieht es bei den Pflegekindern aus. Mehr als 87.500 junge Menschen wuchsen 2024 in einer Pflegefamilie auf, weitere 134.000 lebten in Heimen. Nach Schätzungen des Bundesverbands der Pflege- und Adoptivfamilien fehlen jedes Jahr mindestens 4000 Pflegefamilien.
