
Jacob Taubes (1923 bis 1987), Religionsphilosoph und Talmudist, war ein Denker, dessen intellektuelles Temperament der apokalyptischen Überlieferung verpflichtet war. Und doch formulierte er in einem Aufsatz, den er 1956 Max Horkheimer zum sechzigsten Geburtstag widmete, etwas, das man heute als zukunftsweisend bezeichnen kann. Seine These war nicht, dass die Technik gefährlich sei. Seine These war präziser: Die Technik hat die Funktion übernommen, die einst die Religion innehatte. Sie stiftet Gemeinschaft, organisiert Zeit, erklärt die Welt, schafft Sinn – nicht durch Offenbarung, sondern durch Rationalität; nicht durch Gnade, sondern durch Effizienz. Was Max Weber „Entzauberung der Welt“ nannte, war für Taubes nur die halbe Wahrheit. Die Technik entzaubert die alte Welt und verzaubert eine neue – nur dass diese neue Verzauberung ihre eigene Mythologie verleugnet.
Diese Diagnose hatte für Taubes universale Reichweite. Was Weber noch als Problem der westlichen Moderne formuliert hatte, wie individuelle Vernunft in einer universellen Bürokratie zu retten sei, galt nun global: „Die westliche technologische Vernunft ist auf dem Weg, die Welt zu erobern.“ Die asiatischen und afrikanischen Nationen seien nicht zur westlichen Religion bekehrt worden, wohl aber von den Methoden westlichen technologischen Denkens überzeugt – denn die Wunder der Industrieproduktion erwiesen sich als überzeugender als die Wunder der Religion. Der Mythos der Superintelligenz, die eines Tages den Menschen übertreffen, ablösen, überflüssig machen könnte, wird heute in den Vorstandsetagen der Technologiekonzerne gepflegt und am konsequentesten geglaubt. Nach der Logik von Taubes wird das Zeitalter der Technik nicht in einer Rebellion der Maschinen enden, sondern stiller: in der schrittweisen Selbstentmündigung des Menschen, der die Maschine nicht zwingt, sondern Bitten an sie richtet.
Kognitive Operationen werden mechanisiert
Dass die Kirche in diese Debatte eingetreten ist, hätte Taubes nicht überrascht: Wer um dasselbe Terrain konkurriert, muss die Verschiebung wahrnehmen. Im Januar 2026 veröffentlichte das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre das Dokument „Antiqua et Nova“, eine philosophische Stellungnahme zur Künstlichen Intelligenz. Wenige Monate später, am 25. Mai 2026, wurde die erste Enzyklika Papst Leos XIV. publiziert: „Magnifica Humanitas“. 135 Jahre nach „Rerum Novarum“, der Enzyklika Leos XIII. zu den Folgen der Industriearbeit, verteidigt Leo XIV. die Würde des Menschen gegen Produktionsverhältnisse, in denen nicht mehr Muskeln, sondern kognitive Operationen mechanisiert werden. Die Enzyklika warnt vor dem, was sie „digitalen Kolonialismus“ nennt: Die Konzentration technologischer Macht in wenigen Händen schafft Abhängigkeiten, die den alten Kolonialverhältnissen ähneln. Das ist eine politökonomische Kategorie, keine theologische. „Magnifica Humanitas“ belehrt analytisch, nicht im Predigtstil.
Doch die älteste und präziseste Reflexion über das, was heute debattiert wird, ist älter als jede päpstliche Enzyklika. Rabbi Loew aus Prag – Jehuda Loew ben Bezalel (circa 1520 bis 1609) – soll aus Ton ein menschenähnliches Wesen geformt und durch das Einschreiben des hebräischen Wortes Emet – Wahrheit – belebt haben. Der Golem gehorchte, solange das Wort erhalten blieb. Als Rabbi Loew versäumte, die Schrift vor dem Sabbat zu tilgen, wurde der Golem unkontrollierbar. Erst als das erste Zeichen aus Emet entfernt wurde – das Wort wurde zu Met, Tod –, kollabierte das Wesen.
Die Golems dieser Epoche bestehen nicht aus Ton, sondern aus Daten – aus Texten, Bildern und Entscheidungsmustern, welche die menschliche Zivilisation selbst produziert hat. Der Golem weiß, was wir wissen. Er weiß es schneller und vollständiger. Aber er weiß nicht, was es bedeutet. Taubes hätte darauf bestanden, dass die Debatte über KI-Regulierung an der Oberfläche bleibt, solange sie die eigentliche Frage ausspart: Was passiert mit einer Gesellschaft, die ihre Sinnerzeugung einer Maschine überlässt? Als „trahison des philosophes“ klagte Taubes in Abwandlung von Julien Bendas Kritik der Intellektuellen nicht den Irrtum, sondern das Schweigen an: die Bereitschaft, die kritische Funktion der Vernunft an die technische abzutreten. Die Antwort ist offen. Sie ist es geblieben, seit Rabbi Loew das erste Zeichen aus dem Wort Wahrheit strich.
Die Warnung vor dem Kontrollverlust ist abgedroschen. Das eigentliche Problem liegt woanders: Der Golem funktioniert. Er versagt nicht technisch, er scheitert nicht an der Effizienz. Was ihm fehlt, ist nicht die Leistung, sondern das Wissen um den Sabbat – die Fähigkeit zu begreifen, wann er aufzuhören hat. Er kennt keine Zeit, keine innere Grenze, kein Urteil über den eigenen Zweck. Das ist kein schlechtes Modell für große Sprachmodelle. Die Frage ist nicht, ob sie richtige Antworten geben. Die Frage ist, ob sie erkennen, wann eine Antwort zwar richtig, aber falsch am Platz ist. Nicht der Mensch sollte die KI stoppen müssen. Die KI sollte sich selbst bremsen. Sie sollte wissen, wann sie zu schweigen hat. Kann sie das?
