Ob sich der in diesem Zusammenhang als Kronzeuge bemühte Barthes über den endgültigen Tod des Autors unter artifiziellen Vorzeichen ähnlich erfreut gezeigt hätte, darf indes bezweifelt werden. Wolfgang Matz hat das in der F.A.Z. schon getan. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive hilft es, Barthes’ Aufsatz zum „Tod des Autors“ im Kontext seiner Traktatsammlung von der „Lust am Text“ zu lesen, die wenige Jahre danach erschien. In diesen unsystematischen Fragmenten macht Barthes die von der „Geburt des Lesers“ ausgehende Emanzipation zu einer spielerischen Praxis, die sich als „Lust“ beziehungsweise in ihrer Steigerung als „Wollust am Text“ ausdrückte. Die interpretative Freiheit übersetze sich in eine erotische Text-Lektüre, in ein von alten Autoritäten befreites, auf sich selbst gestelltes Lesen im Moment, das einem „Zustand des Sichverlierens“ gleiche. Dafür braucht es laut Barthes eine Fähigkeit des „Treibenlassens“, die sich jeder Leser selbst durch regelmäßige Lektüre erarbeiten müsse.
Schillings Schwärmerei zerschellt an der Realität
Nur wenig ist von der Lust am Text in einer Zeit geblieben, in der Nobelpreisträgerinnen ihre Bücher mit Künstlicher Intelligenz schreiben, junge Menschen immer weniger Romane kaufen und kaum ein Bachelorstudent noch sinnerfassend lesen kann. „Das Ende des Lesens ist da“, hieß es zuletzt in der amerikanischen Zeitschrift „The Atlantic“. Ausgangspunkt ist die KI dabei nicht. Für sinkende Aufmerksamkeitsspannen und die konstante Suche nach Dopaminausschüttungen ist sie nicht allein verantwortlich. Schon länger lassen die Mechanismen der sozialen Medien das Vermögen der Leser schwinden, sich mehr als 20 Sekunden einem Text zu widmen. Der von Barthes beschworene Zustand des „Sichverlierens“ oder des „Treibenlassens“ geht in jener Sucht nach dem schnellen Dopaminrausch unter, den Proust oder Mann nicht bieten können.
Weil es Lesern zunehmend an der Fähigkeit fehlt, ihre interpretative Freiheit zu nutzen, zerschellt Schillings Schwärmerei von einem finalen Tod des Autors an der Realität. Der Tod des Autors sollte ursprünglich nicht den Schriftsteller befreien, der nun allein nach seinem Textmaterial beurteilt wird, sondern den Leser, der seine Kreativität bei der Lektüre voll entfalten kann. Doch der rasende Erfolg der KI im universitären wie schulischen Kontext ist Ausdruck einer fehlenden Lektüre-Ausdauer, die es eigentlich bräuchte, um Barthes’ Versprechen einzulösen.
Die Lust am Text wird an die KI outgesourct
Wo die Lust am Text beim Leser ausbleibt, wartet mit der KI dann ein zweites interpretatives Über-Ich, als Wiedergeburt des Autors zweiter Ordnung. Im Deutschunterricht, in geisteswissenschaftlichen Uni-Seminaren oder in Hausarbeiten wird die Freiheit, die der Tod des Autors erkämpfen sollte, an ChatGPT oder Claude übergeben, die Lektüre und Interpretation des Textmaterials für die überforderten Nutzer übernehmen. Die KI wird so zum Brandbeschleuniger der neuen „Angst vorm Text“.

Zwar mag manch kluger Student oder engagierter Schüler die KI auf persönliche Einstellungen „trainieren“, um sich wahlweise eine „liberale Deutung des ‚Leviathan‘“ oder eine „feministische Lesart von ‚Effi Briest‘“ ausspucken zu lassen. Trotzdem geht in dieser symbiotischen Beziehung etwas verloren. Was dieses Etwas ist, zeigt sich dann spätestens in Seminaren, bei denen sich kaum jemand beteiligt, weil die dafür notwendige Lust am Text an die KI outgesourct wurde.
Klar, die Künstliche Intelligenz hat Vorteile für Professoren oder Postdoktoranden, die nun eine bessere studentische Hilfskraft im Abonnement für wenige Euro im Monat erhalten. Sie sind jene, die das „Denken“ ohne die KI gelernt haben und sich ihrer als eines Hilfsmittels bedienen können. Beim Nachwuchs sorgt die Entlastung durch die KI jedoch nicht für ein effizienter organisiertes, sondern für ein geringeres Lesepensum. Oder anders gesagt: Sie sorgt dafür, dass sich die für die Bildung notwendige Lust am Text nie entwickeln kann.
Den KI-generierten Texten fehlt etwas
Gewissermaßen schafft sich die KI so ihre eigenen Nutzer. Wer nicht liest, kann nicht schreiben – auch diese Aufgabe muss also nun von den Chatbots übernommen werden. Zurück bleibt in diesem Regress, was Barthes einst als Antipoden der „Lust am Text“ beschrieben hatte: der „Plappertext“. Ein Text, der „frigide“ und „mechanisch“ ist, der zwar vor sich hin quasselt, aber so vorhersehbar wie unästhetisch ist, frei nach Barthes: ein „Saugen ohne Gegenstand“. Ein Text, der durch seine totale Mittelmäßigkeit lebt. Mittelbegabte Studenten, überarbeitete Journalisten, medial gehypte Jungautoren und Linkedin-Geschäftsmänner klingen durch die frei verfügbare Mittelmäßigkeit plötzlich erstaunlich gleich. Die Sätze sind nicht schlecht, die Pointen einigermaßen stilsicher – aber eine große Freude setzt beim Lesen nicht mehr ein.
Diesen Texten fehlt etwas. Sie sind nicht nur berechenbar, sie „denken“ auch nicht. Die spezielle „Erotik“ der Lektüre, erklärt Barthes, folge aus der Möglichkeit, dem Autor beim Denken zuzuschauen. Zu spüren, wie sich zaghaft ein Argument im Text entwickelt, wie ein Autor ein Gefühl oder eine vage Idee erst im Text auf einen Begriff bringt. Die immer gleichen Formulierungen oder der Kontrastierungsfetisch der Chatbots sind das eine, aber dazu kommt, dass jeder dieser Texte gleich fließt. Dass ein Argument immer gleich entwickelt wird, dass eine Pointe ähnlich gesetzt wird – in diesen Texten aus einem Guss fehlt das Auf und Ab der menschlichen Essayistik. Es gibt keine „Brüche“, keine „Kratzer“. Es fehlt das, was nach Roland Barthes die Lust am Text ausmacht.
Auch der KI-Verdacht hemmt die Lust am Text
Das Problem von KI-Texten ist also nicht ihre große Fehleranfälligkeit, die bei guten Modellen weitgehend behoben wurde, sondern die Verflachung des Stils und der zugrunde liegenden Ideen. Unter diesen Bedingungen ist es kein Wunder, dass sich zu der Gruppe jener, die die KI immer enthemmter nutzen, eine zweite Gruppe gesellt, die sich über ihre Distanz zur künstlich generierten Mittelmäßigkeit definiert. Die KI-Skeptiker vermuten überall, was sie am meisten fürchten. In Zeiten, in denen Essaypreise an KI-Betrüger vergeben werden, ist jene Verdachtshermeneutik nicht unbegründet, aber auch sie hemmt die Lust am Text. Eine verdächtige Formulierung, ein Bindestrich, eine falsche Fußnote, überall lauert nun das Schreckensgespenst der Künstlichen Intelligenz.
Essayisten, Schriftsteller und Journalisten sind so in einer verzwickten Situation, weil sie die doppelte „Angst vorm Text“ antizipieren müssen: Sowohl die geringere Aufmerksamkeitsspanne der Massen, die seitenlange Sätze zu einer Qual werden lassen, als auch die Verdachtshermeneutik der Gebildeten, die in einem Bindestrich und Semikolon schon die KI vermuten, müssen eingepreist werden. Lässt sich also wirklich von einem Sieg des Textes schwärmen, wenn sich Mehrheitsgesellschaft und KI-Kritiker jeweils auf ihre Art der intuitiven Textrezeption entfremdet haben?
Ohne die Freude am Lesen bleibt das emanzipatorische Versprechen vom Tod des Autors leer. Solange die KI jene freie und kreative Lektüre unterwandert, die der Tod des Autors ermöglichen sollte, scheint Schillings Techno-Optimismus realitätsfern. Statt den Siegeszug der Maschine zu feiern, sollten wir uns mit der Frage beschäftigen, wie eine neue Lust am Text entfacht werden kann. Die KI kann viel leisten, aber das nicht.
