
Wie unterschiedlich blickt die Welt auf Künstliche Intelligenz, und was bedeutet das für Deutschland? Darüber sprechen Peter Buxmann und Holger Schmidt in dieser Folge des F.A.Z. KI-Podcasts mit Agnes Heftberger. Als Corporate Vice President und Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland und Österreich mit internationalem beruflichem Werdegang verfügt sie über einen breiten Überblick über die weltweite Entwicklung von KI.
Den entscheidenden Unterschied zwischen Asien und Europa sieht Heftberger im Blickwinkel: Während in Ländern wie Singapur oder Südkorea vor allem die Frage im Mittelpunkt stehe, was sich mit KI erreichen lasse, dominiere in Europa häufig die Diskussion über Risiken und deren Begrenzung. Diese unterschiedliche Haltung spiegele sich auch in den Nutzungsraten wider. In Deutschland seien inzwischen knapp über 30 Prozent der Menschen mit KI aktiv, während Länder wie Norwegen, Singapur oder Südkorea bereits deutlich über 40 Prozent erreichen.
Deutschland habe bei KI-Agenten früh angesetzt
Das Bild eines hoffnungslos rückständigen Deutschlands weist Heftberger jedoch zurück. Gerade beim Einsatz von KI-Agenten, also Systemen, die eigenständig Aufgaben übernehmen und ganze Geschäftsprozesse neu gestalten, habe Deutschland früh und entschlossen angesetzt.
Im industriellen Einsatz liege die Chance für Deutschland vor allem dort, wo jahrzehntelange Expertise und vorhandene Datenschätze mit KI verknüpft werden, etwa auf dem Shopfloor, in der Logistik oder im Kundendienst.
Wer KI ausschließlich für individuelle Produktivität nutze, schöpfe lediglich einen Bruchteil des Potentials aus. Entscheidend sei vielmehr, ganze Geschäftsprozesse neu zu denken. Dafür brauche es nicht nur engagierte Vorreiter, sondern Veränderungen, die tief in die Unternehmen hineinreichen. Die Sorge vor einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen durch KI teilt Heftberger nur bedingt. Sie verweist auf den demographischen Wandel: Bereits in den frühen 2030er-Jahren würden in Deutschland Millionen von Arbeitsstunden fehlen, die schlicht nicht mehr nachbesetzt werden könnten. Diese Arbeitsverdichtung könne „ziemlich sicher nur mit Künstlicher Intelligenz adressiert werden“. Gleichwohl gelte es, neue Rollenbilder aktiv zu gestalten, statt auf spontane Anpassung zu hoffen.
Wie stark KI einzelne Berufe verändern wird, zeige sich bereits heute beispielsweise in der Softwareentwicklung: Kaum ein Bereich werde stärker durch KI verändert, und kaum ein Bereich nutze sie bereits so intensiv, etwa beim automatisierten Erkennen und Beheben von Sicherheitslücken durch Multi-Agenten-Systeme. Auf die Frage, welche Fähigkeiten Studierende und Berufseinsteiger künftig mitbringen sollten, hat Heftberger eine klare Antwort: kein spezifisches Fachwissen, sondern ein „Growth Mindset“, die Bereitschaft, täglich neu zu lernen, Technologien kritisch zu hinterfragen und sich auf Unbekanntes einzulassen. Das gelte nicht nur für Berufseinsteiger, sondern ebenso für Führungskräfte, die künftig Teams aus Menschen und KI-Agenten führen werden.
Die Folge ist Teil unseres Podcasts „Künstliche Intelligenz“. Er geht den Fragen nach, was KI kann, wo sie angewendet wird, was sie bereits verändert hat und welchen Beitrag sie in der Zukunft leisten kann. Hosts des Podcasts sind Peter Buxmann, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, und Digitalwirtschaft-Redaktionsleiter Holger Schmidt. Die Podcast-Folgen erscheinen jeweils am ersten Mittwoch im Monat.
