
Der Wind an der Börse hat sich für KI-Investitionen von bedingungsloser Begeisterung zu einer gewissen Skepsis gedreht, ob die Techkonzerne die riesigen Investitionen irgendwann mal wieder erwirtschaften werden können. Der Google-Mutterkonzern Alphabet legte etwa vor wenigen Wochen eigentlich gute Quartalszahlen vor, erhöhte aber auch seine ohnehin schon gewaltigen Investitionspläne für das laufende Jahr von 180 bis 190 Milliarden Dollar auf 195 bis 205 Milliarden Dollar. Die Aktie gab um sieben Prozent im Kurs nach.
Allein Amazon, Meta, Alphabet und Microsoft wollen in diesem Jahr zwischen 735 und 760 Milliarden Dollar investieren, davon einen signifikanten Teil in Rechenzentren für Künstliche Intelligenz. Forscher der Europäischen Zentralbank warnten gerade erst, dass eine Korrektur der von KI-Werten getriebenen Börsenrally wahrscheinlich sei. An der Börse und auch gesamtwirtschaftlich hängt in den kommenden Jahren vieles davon ab, inwiefern die Milliardeninvestitionen in die KI-Infrastruktur gerechtfertigt sind und sich rentieren werden.
Die deutsche Förderbank KfW hat genau das nun in einer Simulation durchgerechnet. Die Modellrechnungen lagen der F.A.Z. vor Veröffentlichung vor. Demnach übersteigt der geschätzte Zusatzgewinn durch Künstliche Intelligenz die investierten Summen – wenn KI die Produktivität nachhaltig und deutlich erhöht, die Adaption zügig voranschreitet und die Finanzierungskosten nicht in die Höhe schießen.
14,8 Billionen Dollar Zusatzgewinn des US-Bruttoinlandsprodukts
Konkret ergibt sich den Berechnungen zufolge ein Zusatzgewinn des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im heutigen Gegenwert von 14,8 Billionen Dollar, der von dem Jahr 2032 an realisiert werde. Von diesem gesamtwirtschaftlichen Betrag fließen demzufolge wiederum knapp sechs Billionen Dollar den Unternehmen als direkter Kapitalertrag zu, der Rest gelangt in Löhne oder sonstige Einkommen. Demgegenüber stehen zwischen den Jahren 2022 und 2031 erwartete KI-Investitionen der Unternehmen in Höhe von 4,5 bis 5,8 Billionen Dollar. Im Saldo ergibt sich in diesem Basisszenario also eine positive Bilanz für die US-Wirtschaft und die investierenden Unternehmen.
Dabei unterstellt die KfW, dass die bis zum Jahr 2031 getätigten Investitionen in Künstliche Intelligenz das gesamtwirtschaftliche Produktivitätsniveau um 15 Prozent anheben. Dies orientiere sich an der empirischen Literatur, die für einzelne Aufgaben und Berufsgruppen Produktivitätseffekte zwischen zehn und 40 Prozent feststelle. Auf volkswirtschaftlicher Ebene dürfte der Effekt aber geringer ausfallen, da nicht alle Tätigkeiten gleichermaßen von der Technik profitierten.
„Bewertungen von KI-Unternehmen preisen viel Optimismus ein“
Die KI-Adoption setzt in der Berechnung – basierend auf historischen Erfahrungen mit Allzwecktechnologien wie der Elektrifizierung – nach einer vierjährigen Verzögerungsphase erst im Jahr 2032 schrittweise ein, bis der Markt 2042 vollständig durchdrungen sei. Die jährlichen Kapitalkosten für die künftigen KI-Zusatzgewinne der Techkonzerne setzt die Studie mit 15 Prozent an. Aktuell bewegen sich die Unternehmen zwischen zehn und 20 Prozent. Der Kapitalanteil am Zusatzgewinn beträgt im Basisszenario basierend auf dem historischen Durchschnitt 41 Prozent.
„Die aktuellen Bewertungen von KI-Unternehmen sind ambitioniert und preisen viel Optimismus ein“, sagt KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher. Diese Zuversicht sei zumindest aus gesamtwirtschaftlicher Sicht gerechtfertigt, wenn die Produktivität durch KI so stark und schnell steige wie angenommen. Man sehe auch „durchaus Potential“, dass die Zusatzgewinne des Unternehmenssektors die nötigen Investitionen mittelfristig überstiegen. Die „Abwärtsrisiken“ seien jedoch gewaltig: „Erfüllen sich die Erwartungen nicht, drohen den Unternehmen Milliardenverluste.“
Denn schon kleine Änderungen an den Basisannahmen zeigen, auf welch wackligem Fundament die Gewinnhoffnungen der Techkonzerne stehen. Der wichtigste Hebel sind die Kapitalkosten. Steigen diese durch höhere Leitzinsen oder eine zunehmende Risikoprämie für KI-Investitionen, rentieren sich diese Investitionen schon mit einem Zinssatz von 20 statt 15 Prozent nicht mehr. Große Unsicherheit gibt es zudem in der tatsächlichen Produktivitätswirkung.
Von einem Produktivitätseffekt von acht Prozent statt 15 Prozent an rechnen sich die hohen Ausgaben für KI in der Modellrechnung ebenfalls nicht mehr. Auch ein sinkender Kapitalanteil verringert die Rentabilität. Dieser könnte durch steigende Fachkräftelöhne, sinkende Preise durch harten Wettbewerb oder staatliche Sondersteuern sinken. Von einer Kapitalquote von 28 Prozent an sind die KI-Investitionen im Modell nicht mehr profitabel.
Lohnen sich die KI-Investitionen nicht, wären die Auswirkungen für die Wirtschaft und den Kapitalmarkt enorm. Techunternehmen stehen inzwischen für rund ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500. Im Jahr 2016 waren es noch etwa 15 Prozent. Der Internationale Währungsfonds wies in seinem diesjährigen Weltwirtschaftsausblick darauf hin, dass der Hochlauf der KI-Investitionen das Wirtschaftswachstum auf der Welt maßgeblich stütze. Eine plötzliche Korrektur der erwarteten Produktivitätsgewinne könnte eine starke Marktkorrektur auslösen, die sich schnell von Techkonzernen auf andere Wirtschaftssektoren ausweiten könnte.
