Die Geschichte des Jazz. Und der Brooklyn Bridge in New York. Und des amerikanischen Bürgerkriegs. Mark Twain und Muhammad Ali. Die Nationalparks, Vietnam, Baseball und die Prohibition: Seit 1981 hat der amerikanische Filmemacher Ken Burns in teils epischen Dokumentationen seinen Landsleuten erzählt, wer sie sind oder sein könnten, woher sie kommen und wohin sie aufbrachen, was sie geprägt, angerichtet oder hervorgebracht haben. Die Ken-Burns-Technik, Gemälde und Fotos mit Kamerafahrten in Bewegung zu versetzen, hat ihn berühmt gemacht und bis in die „Simpsons“ gebracht. Jetzt hat der Zweiundsiebzigjährige mit seinem Team in sechs Folgen die Geschichte der amerikanischen Revolution erzählt. Davon, wie sich die 13 Kolonien unabhängig erklären und nach Jahren blutiger Schlachten 1781 von der britischen Krone lösen. Im Original sprechen Tom Hanks und Meryl Streep, Maya Hawke und auch Christian Friedel, die erste öffentliche Lesung der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia nach dem 4. Juli 1776 übernimmt Jeff Daniels: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal.“ Im deutschen Fernsehen ist „Die amerikanische Revolution“ wie schon die Serien davor bei Arte zu sehen. Ken Burns meldet sich per Video vom Dachboden seines Hauses in Walpole in New Hampshire, wo seit 1981 alle seine Produktionen entstanden sind, im Hintergrund liegt nicht nur sein schlafender Hund Chester.
Ist das da eine amerikanische Flagge auf Ihrem Sofa?
Keine Flagge, sondern eine Decke der Navajo, die in diesem Muster gewebt ist. Wenn Sie sie anfassen könnten, würden Sie merken, wie schwer sie ist. Mir gefällt die Ironie und Doppelbödigkeit dahinter, wie die Essenz einer guten Geschichte.
Für Ihre Filme suchen Sie ständig nach solchen Motiven, Ambivalenzen.
Ich weiß nicht, ob Sie sich mit Baseball auskennen, aber mein Ansatz ist ganz ähnlich. Selbst der beste Schlagmann trifft den Ball manchmal nicht, aber wenn er von zehn Würfen siebenmal daneben liegt und das zwanzig Jahre lang hintereinander macht, kommt er trotzdem in die Hall of Fame. Eines der eindrucksvollsten Zitate in der neuen Serie stammt von einem deutschen Schiffskapitän, der auf der Seite der Briten gekämpft hat, Johann von Ewald, der von Christian Friedel eingesprochen wird – und der die Patrioten verachtet. Ewald gehört dann auch zu den Unterlegenen der Entscheidungsschlacht von Yorktown, die die Unabhängigkeit besiegelt. „Wer hätte vor hundert Jahren gedacht“, sagt Ewald danach, „dass aus diesem Haufen von Rebellen ein Volk entstehen würde, das Königen die Stirn bietet.“ Das würde ich mir am liebsten auf ein T-Shirt drucken.
Im deutschen Fernsehen läuft Ihre Serie zum 250. Jubiläum des Unabhängigkeitstags. Dieser 4. Juli 1776 ist schon in der zweiten Folge vorbei. Was folgt, ist eine Schlacht nach der anderen, schier endlos. Man fragt sich irgendwann: Wohin verliert sich der Geist dieses Tages?
Es ist nicht so, als sei er nicht mehr da. Das Erstaunliche ist doch, dass die Patrioten getrieben werden von einer Idee, die überhaupt noch nie ausprobiert wurde. Es ist, was die Welt, was die Menschheit gebraucht hat. Die Amerikaner wissen, dass es Gewalt im Bürgerkrieg und in den beiden Kriegen des 20. Jahrhunderts gegeben hat, aber sie denken, dass es bei der Revolution um die Patrioten auf der einen und die Briten auf der anderen Seite ging. Ich versuche zu sagen: Ja, es war eine Revolution, aber es war auch ein blutiger Bürgerkrieg. Und der Preis war Nordamerika. Aber das war das Land anderer Völker. Deswegen habe ich auch die Geschichte der Native Americans in den Blick genommen. Die 13 Kolonien hangeln sich damals alle an der Ostküste entlang. Aber als sie ihren Kongress formen, nennen sie ihn den Continental Congress, sie geben George Washington den Befehl über die Continental Army – sie wissen also, wohin sie wollen.
Jedes Schulkind kriegt eine Eins, wenn es sagt, dass die Revolution wegen der Steuern ausgelöst wurde. Den Briten fehlen die Mittel, ihr riesig gewordenes Reich zu schützen. 1763 sagen sie den Kolonien, ihr dürft nicht weiter nach Westen – was die deutschen und irischen Immigranten wütend macht, die über die Appalachen weiter und tiefer in die Gebiete der Native Americans vorziehen wollen, aber es macht auch Leute wie George Washington und Benjamin Franklin wütend, die gewaltig mit Boden spekulieren. Wir wollten unserem Publikum zeigen, dass es ein unglaublich langer, blutiger Krieg war, bei dem aber Ideale die Leute angefacht haben. Wären Sie bereit, in einen Kampf zu ziehen für eine Sache, die noch nie ausprobiert wurde? Für Ideale, die noch nie in Worte gefasst wurden? Die meisten Menschen waren damals Untertanen. Plötzlich wurden sie zu Bürgern. Und tragen Verantwortung für ihre eigene Regierung. Eine erstaunliche Geschichte.
Ihre Leitmotive entwickeln Sie von der ersten Minute an: Die Kolonien bekämpfen ein Imperium, um selbst eines zu werden. Aber sie stehlen den Native Americans ja nicht nur das Land, sondern auch die Idee einer Union, oder?
Ich würde nicht von stehlen sprechen. Benjamin Franklin war schon zwanzig Jahre vor der Revolution beeindruckt von der Konföderation der Haudenosaunee, in der sich die Stämme der Seneca, Cayuga, Onondaga, Tuscarora, Oneida und Mohawk zusammengeschlossen hatten. Er schlägt so eine Union auch den eigenen Leuten vor, aber die Idee braucht ihre Zeit. Sie hat ja auch etwas ganz Menschliches. Ideen werden nicht geklaut: Sklaverei ist falsch. Freiheit und Freizügigkeit sind richtig. Hier wird etwas für die ganze Menschheit in Bewegung gesetzt. Und wenn sich Franklin bei den Ideen der Native Americans bedient, ist es auch nichts anderes als Philosophen zu lesen. Was unterscheidet die Haudenosaunee von Montesquieu, Locke oder Hume? Nichts. Diese neue Idee menschlicher Organisation, die noch nie ausprobiert wurde, ist unwiderstehlich. Das ist der Antrieb. Ihr Erfolg wird aber zum Schicksal der Native Americans.
Aber noch mal, wie präsent bleiben diese Ideen im Blutvergießen, im Überlebenskampf von Schlacht zu Schlacht, den Sie so ausgiebig zeigen?
Natürlich kämpfen Soldaten immer um ihr eigenes Überleben und derjenigen an ihrer Seite. Washington hatte viele Schwächen, aber eine seiner Stärken war, seine Leute daran zu erinnern, worum es geht, und jemanden aus New Hampshire oder Georgia davon zu überzeugen, dass sie alle aus dem gleichen Land sind, dass es so etwas gibt wie Amerikaner. Wir wollten nicht nur eine Schlacht nach der anderen zeigen, sondern auch die soziale Transformation, die gleichzeitig voranschreitet. Natürlich meint Jefferson weiße begüterte Männer, wenn er erklärt, dass alle Menschen gleich sind. Aber damit hat er eine Tür geöffnet, und die lässt sich nicht mehr schließen, nirgends und für niemanden auf der Erde. Selbst dann, wenn die Despotie ihr Haupt erhebt – das muss ich ja einem Deutschen nicht erklären –, wird sie nicht funktionieren. Ich will damit nicht das Leiden und die Katastrophen minimieren, aber: Es hat nicht funktioniert, und es wird nicht funktionieren.
Sie nennen diese Revolution die folgenreichste in der Geschichte, warum?

Eine der Expertinnen und Experten, die wir vorkommen lassen, die Rechtshistorikerin Maggie Blackhawk, behauptet, dass die Erklärung der Menschenrechte zutiefst wichtig für die Menschen an den Rändern gewesen ist, für Frauen, Native Americans, befreite und versklavte Schwarze, die sofort begreifen, was das bedeutet. Wir erzählen auch von James Fortin, der als kleiner Junge dabei ist, wie die Menschenrechte in Philadelphia zum ersten Mal verlesen werden. Er denkt keine Sekunde daran, dass er nicht damit gemeint sein soll. Er kämpft für die Sache der Patrioten. Später wird er zum Fürsprecher der Abschaffung der Sklaverei, er gründet die erste Zeitung, die sich der Sache verschreibt. Seine Enkelin, Charlotte, gehört zu den freien Schwarzen, die nach dem Bürgerkrieg nach Süden ziehen, um den ehemals Versklavten zu helfen, Schulen und Kirchen zu gründen. Auch wenn es noch Jahrzehnte dauern wird, bevor die Sklaverei offiziell abgeschafft wird: In dem Augenblick, als Jefferson sagt, dass alle Menschen gleich sind, ist die Sache durch. Auch wenn es unverzeihliche 144 Jahre dauern wird, bis auch Frauen in meinem Land das Wahlrecht bekamen: Das war’s. So wird es kommen. Oder nehmen Sie die gleichgeschlechtliche Ehe. Sobald das „Freiheitsgerede“ begonnen hat, wie die Historikerin Jane Kamensky es nennt, sickert es überall durch.
Sie haben mit dieser neuen Dokumentation vor zehn Jahren begonnen. Wenn man sie heute anschaut, kann man sich kaum davor retten, vieles als Kommentar zur Gegenwart zu verstehen. Gab es einen Punkt, an dem Sie begonnen haben, bewusst dagegen anzuarbeiten?
Nein, wir haben verzweifelt versucht, das nicht zu tun, und wir haben es auch nicht getan. Es gibt eine Szene, da überquert die Baroness Friederike Charlotte Riedesel den Atlantik und macht sich Sorgen, weil sie gehört hat, dass Amerikaner Katzen essen. Wenn unser Film nur ein Jahr früher herausgekommen wäre…
… hätten alle an den Satz von Präsident Trump gedacht, dass Geflüchtete aus Haiti in Springfield Katzen und Hunde essen.

Im Team gab es Bedenken, aber ich habe gesagt: Stop, wir ändern gar nichts, weder in die eine noch in die andere Richtung. Aber eine Zeile habe ich dann doch gestrichen, nachdem Trump wiedergewählt worden ist: Da wendet sich Thomas Jefferson an James Madison, der an der Verfassung schreibt, und fragt: Was wäre, wenn jemand eine Wahl verliert, dann aber behauptet, dass sie gefälscht worden ist? Das stand so schon seit Jahren in unserem Skript, aber ich dachte: Das ist zu einfach. Kein Mensch wird glauben, dass ich es nicht wegen Trump reingenommen habe. Ich habe auch nicht nur mit der „New York Times“ oder der „Washington Post“ gesprochen, ich saß auch stundenlang im Podcast von Joe Rogan.
Er ist super. Das war ein Jahr vor der Ausstrahlung. Für mich war das eine Gelegenheit, die Dokumentation einer großen Gruppe von Menschen nahezubringen, die sich sonst vermutlich nicht für sie interessiert hätten. Zum ersten Mal in der Geschichte von PBS stand einer meiner Filme gleich in den Top Ten der Streams, nachdem er angelaufen war. Es war ein großer transformativer Moment, und ich hoffe, er hält an.
Ich war damals zufällig in Amerika und habe Abend für Abend zugeschaut. Besonders eindrucksvoll fand ich immer die ersten anderthalb Minuten, in denen Sie Ihren Sponsoren danken, allen möglichen Privatmenschen und Organisationen. Trump versucht seit Langem, das öffentlich-rechtliche PBS zu zerschlagen. Könnten Sie Ihre Projekte auch bei einem anderen Sender produzieren?
Ich hätte keinen einzigen meiner vierzig Filme irgendwo anders machen können. Für die Vietnam-Doku, die auch auf Arte lief, hätte ich sofort Bezahlsender gefunden, die mir die dreißig Millionen Dollar gegeben hätten, die ich brauchte. Aber ich hätte von ihnen nicht die zehneinhalb Jahre bekommen, die ich für die Produktion benötigte – um die Experten zu suchen, das Narrativ zu finden, Vietnam und die Revolution dort zu verstehen. Und was die Sponsoren angeht, darunter sind genauso Unterstützer Trumps wie der Demokraten. Das Signal wollte ich auch unbedingt geben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der „New Yorker“ hat geschrieben, dass Sie von „patriotischem Wunschdenken“ angetrieben sind. Wenn ich auf die Bandbreite Ihrer Themen schaue, Baseball, Jazz, Countrymusic, finde ich das ziemlich passend. Können Sie selbst etwas damit anfangen?
Nein, das ist eine Projektion. Wir erzählen komplexe Geschichten. Ich habe tatsächlich mehr Zeit in den dunklen Ecken der amerikanischen Geschichte verbracht als in den hellen. Baseball zum Beispiel sollte eine unterhaltsame Geschichte sein, aber es geht um race. Jazz genauso. Der Bürgerkrieg sowieso. Ich kann an einer Hand abzählen, in wie vielen meiner Filme es nicht um race ging – nicht weil ich absichtlich danach suche, sondern weil es da ist. Ein Land zu lieben, das ist, als lebte man mit einer komplizierten und schwierigen Person zusammen. Die Idee, unbeteiligt zu sein, ist lächerlich, gleichzeitig kann man eine Geschichte nicht voll und ganz erzählen, wenn man dialektisch vorgeht. Uns hat zwei Jahre lang eine Reporterin der „New York Times“ begleitet, und bei jedem Gespräch war es ein Krampf: Bitte, es geht nicht um für Trump oder gegen Trump. Die Reporterin hat mich zwei Stunden lang gefragt, ob George Washington gut oder böse ist. Es ist sehr schwer, gerade im Journalismus, sich aus dem dialektischen Denken zu befreien, dass es immer um Gegensätze gehen muss. Aber die Dinge sind kompliziert. Und es ist toll, dass unsere Dokumentation ein großer Erfolg für PBS ist – angesichts der Versuche, dem Träger die Gelder zu entziehen.
Sie weisen das „patriotische Wunschdenken“ zurück, aber ist es nicht genau das, was Ihre Nation gerade braucht? Also eine selbstkritische und zugleich konstruktive Haltung zu sich selbst? Und vor allem öffentliche Intellektuelle wie Sie, die…
… Ich versuche auf jeden Fall, diese Stimme zu sein. Aber zuerst will ich ein guter Filmemacher sein. Ich weiß, dass meine Filme viel bewegt haben. Und mir ging es immer darum, das Verständnis dafür zu fördern, dass etwas gleichzeitig richtig und falsch sein kann. Wir tauschen Argumente aus, wir denken dialektisch – das ist die Welt, in der wir leben. Aber der Schriftsteller Richard Powers hat einmal gesagt, dass auch die besten Argumente auf der Welt niemanden dazu bringen, die eigene Sichtweise zu ändern. Das könne nur eine gute Geschichte schaffen. Und gute Geschichten bauen nicht auf Dialektik auf, sondern auf Komplexität.
Wie werden Sie eigentlich den 4. Juli 2026 verbringen?
Wie immer. Wir haben ein Haus am Lake Sunapee, eine Stunde von hier, mit einer großen Terrasse. Wir stellen zwei Picknicktische zusammen, es kommen ungefähr 15, 20 Leute, drei meiner vier Töchter, meine Enkelkinder, Schwiegersöhne, Freundinnen und Freunde. Und dann werde ich sie wie immer warten lassen, bevor wir essen, weil ich erst die Unabhängigkeitserklärung vorlesen will. Über die Jahre sind viele Fotos zusammengekommen, wie ich da am Picknicktisch stehe, in Badehose, in Shorts, im T-Shirt, und lese und die anderen dazu bringe, mir zuzuhören.
