
Isabell Dalkilic und Fred Ostermeyer sind in diesen Tagen nicht einer Meinung. Aber eines haben sie gemeinsam: Die Gastronomin und der Vorsitzende des Tennisclubs Rot-Weiß Gießen erregen mit ihrem Streit um den Ausschank von Alkohol im Vereinsheim überregional Aufsehen. Mittlerweile schauen sich auch Vertreter von Boulevardmedien auf dem Vereinsgelände um und wollen mit den Pächtern und den Vermietern sprechen. „Wir können uns gar nicht richtig auf unsere geplante Eröffnung konzentrieren“, sagt Dalkilic, die am Mittwoch erstmals Gäste willkommen heißen möchte. Der Grund für das große Interesse: Einen solchen Streit hat es in Deutschland noch nicht gegeben, wie auch der Hotel- und Gaststättenverband bestätigt.
Der Streit um das Vereinslokal an der Grünberger Straße in Gießen hat sich zugespitzt, weil beide Seiten im Pachtvertrag keine abschließende Übereinkunft getroffen haben. Isabell Dalkilic und ihr Mann Bayram haben nach eigener Aussage in den Gesprächen mit Vereinsvertretern um Ostermeyer ihre Haltung klar formuliert. Und die lautet: „Wir verkaufen keinen Alkohol.“ Der Verein besteht aber darauf, dass nicht nur seine Mitglieder unter anderem Bier und Wein im Restaurant trinken können sollen und nicht nur alkoholfreie Varianten. „Es ist völlig ausgeschlossen, in einem Vereinsheim eines Sportvereins keinen Alkohol auszuschenken“, heißt es in der Kündigung des Pachtvertrags, welcher der Anwalt des Ehepaars widersprochen hat.
Alkohol vor dem Lokal ja, im Restaurant aber nicht
Der Kündigung zufolge hätte das Pächterpaar bis 15. Mai das Lokal räumen und in den Zustand vor seiner Übernahme zurückversetzen sollen. Auch sollten die Dalkilics mit ihren drei Kindern die dazugehörende Wohnung verlassen. Allerdings verlängerte der Verein die Frist bis zum 20. Mai. „Nichts Neues“ gebe es bisher dazu aus Sicht des Vereins, sagte Ostermeyer am Mittwoch. Der Anwalt des Vereins sichte das neue Schreiben des Rechtsbeistands des Pächterpaars. Wenn dies geschehen sei, sehe der Verein weiter.
Viel Neues wird der Vereinsanwalt darin aber nicht lesen: Isabell Dalkilic sagt zwar, sie und ihr Mann kämen dem Verein gerne entgegen. So könnten Mitglieder des Clubs gerne ihr Bier selbst mitbringen und auf dem Vereinsgelände trinken. Auch könnte ein Automat mit alkoholischen Getränken aufgestellt oder Bier und Wein in einer Hütte vor dem Vereinslokal verkauft werden. „Wir haben nochmals klargemacht, dass wir uns nicht dagegenstellen“, sagt Isabell Dalkilic. Doch in der eigentlichen Streitfrage bleiben sie und ihr Mann bei ihrem bekannten Standpunkt. Im Lokal wollen sie nach wie vor keinen Alkohol servieren. Als Begründung führen sie an, Bier und Wein passten nicht zur ostanatolischen Küche, die sie servieren wollten. Zudem planten sie einen Aufenthaltsort für Familien. Und dazu passe ebenfalls kein Alkohol.
Tennisclub-Chef: Das Thema ist unschön für alle Beteiligten
Dass es im Gießener Raum türkisch geführte Lokale gibt, die sehr wohl alkoholische Getränke servieren, ficht sie nicht an. Die türkische Küche sei vielseitig. „Türke ist nicht gleich Türke“, sagt sie und verweist auf ein großes und augenscheinlich gut laufendes türkisches Lokal ohne Alkoholausschank in Gießen. Dessen ungeachtet hebt die Kopftuch tragende Pächterin mit Berliner Zungenschlag abermals hervor, ihr Standpunkt habe nichts mit ihrem muslimischen Glauben zu tun.
Nun blickt sie auf die nächste Woche. „Wir wollen am Mittwoch eröffnen und hoffen, dass es klappt.“ Und falls nicht zur Wochenmitte, dann am Donnerstag. Wann sie erstmals regulär Gäste begrüßen werde, das werde sie über ihren Instagram-Kanal (goezleme.haus) bekannt geben.
Vereinsvorsitzender Ostermeyer meint derweil: „Das Thema ist unschön für alle Beteiligten.“ Vor diesem Hintergrund wolle der Verein fortan „den Ball flach halten“. Zuvor hatte er sich strenger geäußert: „Es gibt kein Zurück mehr, das Vertrauensverhältnis ist zerstört.“ Der Streit könnte mangels Präzedenzfalls sogar bis zum Bundesgerichtshof gehen, meinte er noch vergangene Woche.
