Ich bewege mich bei meinen Reisen durch die sommerlichen Menschenmengen. Sie sind irritierend und berührend zugleich. Ich bin einer von ihnen. Ich sehne mich danach, an dieser Stelle das Wort „wir“ zu sagen. Wir haben verschiedene Heimaten, aber wir reisen, um die Welt zu sehen, wir stehen vor einem Bild im Museum (ich war wieder bei „meinem“ Bruegel, der Menschenmengen zeichnete), wir kreisen um eine Skulptur wie im Trichter der Betrachtung, sitzen in einem Konzertsaal, bei einem Theaterstück, eine zufällige Gemeinde.
Oder doch nicht ganz zufällig: Wir wählen unsere Routen, wir bilden Gemeinden der Gleichgesinnten, offline und ganz kurz. Touristen sind meine „Fratelli“, Nomaden des Sehens und Hörens, jenseits der Ethnien und Religionen. Bei allen Einwänden gibt mir diese Idee etwas Tröstliches. Vielleicht bin ich gerade auf der Suche nach neuen Gemeinschaften, Figuren und Verbindungen, um ein Mosaik der Zugehörigkeit zu kreieren.
Sie verbreitet Freude, Begeisterung für Gemeinschaft
Ich sammele meine kleinen und großen Gemeinschaften. Eindrücke und bunte Steine und Klänge. Ich fahre durch Österreich, treffe Freunde von hier und dort, in meiner Heimat herrscht endloser Krieg, Südeuropa brennt. Nach dem Attentat in Berlin wird bei vielen das Gemeinschaftsgefühl wieder geweckt. In Trauer passiert es oft, aber in der Freude? Ich habe es fast verlernt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
In diesem Jahr wurden die Salzburger Festspiele von der Flötistin, Performerin, Bürgerrechtlerin und Oppositionellen Maria Kalesnikawa mit einer Festrede eröffnet. Es ist schwer zu glauben, dass diese fröhliche, glänzende, strahlende Frau düstere fünf Jahre Haft in Belarus hinter sich hat, Monate davon in Einzelhaft. Sie verbreitet Freude, Begeisterung für Gemeinschaft, Mut zum Handeln. Dass sie freigekommen ist, ist ein Ergebnis der Anstrengungen zahlreicher Menschen, des politischen Willens, aber auch der peniblen Arbeit. Sie ist nun Ehrenprofessorin des Mozarteums, behandelt und betrachtet Demokratie wie eine Musikerin.
Demokratie ist für sie nicht nur die Meinungsfreiheit, die Freiheit der eigenen und der anderen Stimmen, sondern die Fähigkeit zuzuhören. Das Orchester, sagt sie, sei eine ideale Form des sozialen Gebildes, in dem jede Gruppe auf jede andere hört und die Musik nur in dieser aufeinander hörenden Gemeinde möglich ist. In diesem Jahr wird auch „Carmen“ gespielt, und Maria ist begeistert. Eine der legendärsten Geschichten aus ihrer Haft ist, wie sie ihren Wächtern aus „Carmen“ vorgesungen und ihnen den Sinn der Rebellion erklärt haben soll.
Hier befindet sich das Grab von Paracelsus
Auf dem Weg zum berühmten Festspielhaus und zur Felsenreitschule in Salzburg bin ich an dem Wohnhaus von Mozart vorbeigegangen und an einem kleinen Friedhof. Hier befindet sich das Grab von Paracelsus, eines anderen Giganten, eines Mediziners, der für alle da war, einer der Ersten, der den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist betrachtet hat und vor seinem Tod sein Vermögen an Kranke und Arme verteilte.
Ich dachte an den Geist, dem Düsteren zu widerstehen, an den Vorgeschmack der grandiosen, aber selten gespielten Oper „Saint François d’Assise“ von Olivier Messiaen, die in diesem Jahr bei den Festspielen von Romeo Castellucci in Salzburg inszeniert wird. Dieser heilige Franziskus zieht immer wieder die Künstler an: seine Radikalität, seine Sanftmut, seine Fähigkeit, mit der Natur zu sprechen, seine Liebe zu den Armen und Ausgestoßenen. Franziskus preist die Freude in den Momenten der schwierigsten Prüfung, Not und Entbehrung. Wo sind wir mit seinem Erbe nach achthundert Jahren? Für den Ornithologen Messiaen gilt der Vogelgesang als Offenbarung, in diesem Stück kommt die ornithologische Mystik – die Vögel sind die größten Musiker der Erde, meinte er – mit den Vogelpredigten von Franziskus zusammen.

Berühmter Namensvetter
Tatsächlich habe ich einen Freund, der Franziskus heißt, kurz Franja. Er wurde einige Monate vor Kriegsbeginn in Kiew geboren. Jetzt ist er fünf Jahre alt und weiß bereits von seinem berühmten Namensvetter. Auch bei Franja ist die Freude da, manchmal glaubt er, dieser Franziskus sei eigentlich er selbst, nur aus einer anderen Zeit. Und manchmal versteht er vage, dass es doch ein ganz anderer Mensch war, der vor achthundert Jahren lebte. Wie der Heilige hat mein Franja „Fratelli“, zwei Brüder: Hector und Josef, Gek und Jossi genannt.
Die drei kleinen Jungs aus Kiew bilden eine starke magische Gruppe: ein griechischer Held, ein heiliger Bruder, ein biblischer Urvater. Für einige Wochen haben ihre Eltern mit ihnen die Ukraine verlassen, um Freunde zu besuchen, Reisen zu unternehmen und sich von den intensiven Angriffen zu erholen. Sie sind sogar bis Assisi gekommen. Sie fahren bald zurück, und ich wünsche der Familie so sehr, dass sie nicht länger solchen schrecklichen Prüfungen ausgesetzt sein wird – auch dank unserer gemeinsamen Anstrengungen.
